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Ohne das Vertrauen der Betroffenen wird die Reform misslingen

Bundesvorsitzender Oberst Ulrich KirschGrößere Abbildung anzeigen
Bundesvorsitzender Oberst Ulrich Kirsch

Meine lieben Kameradinnen und Kameraden, liebe Leserinnen und Leser!

Seit der Grundsatzrede des Bundesministers der Verteidigung an der Führungsakademie sind knapp fünf Monate vergangen. Der Donnerhall seiner damaligen Ansagen hat inzwischen auch den Letzten erreicht. Selbst diejenigen, die sich der Gewissheit hingaben, auch diese Ministergeneration abgeduckt aussitzen zu können, verharren angesichts des heutigen Faktenregens in einem Zustand zwischen Erstaunen und Fassungslosigkeit – wobei der Begriff des „Verharrens“ in diesen Zeiten seine Berechtigung zunehmend einbüßt.

Seit den ministeriellen Ankündigungen am 26. Mai 2010 in Hamburg ist die Wehrpflicht schlichtweg über den Haufen geworfen worden. Sogar die selbst erklärten Lordsiegelbewahrer der Wehrpflicht, die deren unabdingbaren Wert für unser Land beschworen, haben sich schnell eines Besseren besonnen. Angeblich bedurfte es dazu lediglich einer kurzen sicherheitspolitischen Analyse der Bundesregierung – und die war ganz sicher mit vielen neuen Erkenntnissen gespickt. Der BundeswehrVerband bleibt dabei: Die faktische Abschaffung der Wehrpflicht in Folge einer jahrelangen Reihe von koalitionspolitischen und auch militärischen Kompromissen ist ein Fehler.

Die auf dem politischen Markt gehandelten Zukunftsmodelle unserer Bundeswehr beinhalten körbeweise Tabubrüche und radikale Reformideen. Manche Zeitzeugen sehen diese – zunehmend resignierend – oft nur noch als Teil eines skurrilen Wettbewerbs um die beste Idee, wie Deutschland sich endgültig zum sicherheitspolitischen Zwerg degradiert; Sparzwang hin oder her.

Keinesfalls mit Resignation, aber durchaus mit Skepsis begleitet der BundeswehrVerband diese Zeiten des Umbruchs. Bei allen sachlichen Zwängen und wirtschaftlich richtigen Optimierungsvorgaben wird zu oft vergessen, dass Streitkräfte und ihre Soldatinnen und Soldaten mehr als nur effizient „designte“ Strukturen brauchen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Gern als altertümlich disqualifizierte Worte wie „Waffenstolz“ müssen auch weiterhin ihren Platz im Gefüge soldatischer Identifikationen haben. In einem Heer, in dem ganze Truppengattungen aufgelöst werden, so wie unsere Heeresflugabwehrtruppe, geraten diese wichtigen soldatischen Empfindungen zunehmend in die Defensive.

Die Menschen in der Bundeswehr und ihre Familien durchleben angesichts der anstehenden Umwälzungen Verunsicherung, teilweise sogar Angst. Ich bin mir jedoch sicher: Die meisten Angehörigen der Bundeswehr begleiten diese „Mutter aller Reformen“ dennoch positiv. Zum einen, weil sie die Notwendigkeit einer wirklichen Anpassung der Strukturen der Bundeswehr an die Realitäten einer Einsatzarmee in ihrem dienstlichen Alltag oft schmerzhaft erleben. Zum anderen, weil sie Vertrauen in die politische und militärische Führung der Streitkräfte und die Bundesregierung haben – noch. Mich treibt jedoch die Sorge um, dass dieses Vertrauen verloren gehen kann. Und ohne dieses wird das ehrgeizige Ziel, die Bundeswehr grundlegend zu erneuern, nur oberflächlich zu erreichen sein. Damit wäre eine einmalige Chance auf eine tief greifende und breit getragene Veränderung und Modernisierung der Bundeswehr vertan.

In allen Modell-Papieren, egal ob aus den Führungsstäben oder den Bundestagsfraktionen, steht der Begriff der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr ganz oben auf der Agenda. Diese werden dort meist auch mit den Forderungen aus der Attraktivitätsagenda des BundeswehrVerbandes unterfüttert. Doch genau jetzt ist es dringend geboten zu beweisen, dass es sich bei dem Begriff Attraktivität nicht um eine hohle Phrase handelt. Heute – und nicht erst nach der im Spätherbst anstehenden Grundentscheidung – müssen Parlament und Regierung zeigen, dass sie es ernst meinen mit ihren Soldatinnen und Soldaten. Die Gewährleistung der permanenten Wahlfreiheit zwischen Trennungsgeld und Um­zugskostenvergütung ist ein erster, aber zentraler Lackmustest, in dem sich die Politik beweisen kann. Versagt sie, verliert sie die Menschen.


Mit kameradschaftlichen Grüßen

Ihr
Ulrich Kirsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzte Änderung am 27.9.2010


 
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