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Mehr als Gehen ist Luxus

Oliver Stich wurde in Afghanistan schwer verwundet – mit der Unterstützung seiner Freundin bewältigt der Panzergrenadier aus Oberviechtach die Folgen des Anschlages

Ein Bild von Oliver Stich aus dem Einsatz in Afghanistan. Am 13. Juni 2010  war der Hauptfeldwebel des Panzergrenadierbataillons 122 auf Patrouille in der Nähe von Char Darah unterwegs, als unter seinem Transportpanzer ein Sprengsatz explodierte. Der 29-Jährige wurde schwer verwundet.Größere Abbildung anzeigen
Ein Bild von Oliver Stich aus dem Einsatz in Afghanistan. Am 13. Juni 2010 war der Hauptfeldwebel des Panzergrenadierbataillons 122 auf Patrouille in der Nähe von Char Darah unterwegs, als unter seinem Transportpanzer ein Sprengsatz explodierte. Der 29-Jährige wurde schwer verwundet.

Hauptfeldwebel Oliver Stich ist guter Dinge, als er mit seinen Kameraden die Polizeistation in Char Darah verlässt. Es ist der 13. Juni 2010, heute geht es zum letzten Mal „raus“. Stich ist schon seit dreieinhalb Monaten im Einsatz, es sind nur noch wenige Tage bis zur Heimreise. Die Soldaten freuen sich auf den Abend: Die Fußball-WM in Südafrika hat soeben begonnen und man ist gespannt auf den ersten Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien.

Nach der Befehlsausgabe setzt sich der „Hotel“-Zug der 1. Infanteriekompanie gegen neun Uhr morgens in Bewegung. Zwei Transportpanzer „Fuchs“ und drei „Dingos“ verlassen das Police Headquarter (PHQ) der afghanischen Polizei. Die Panzergrenadiere fahren Richtung Westen: Sie wollen zur Westplatte, eine Anhöhe, von der sich die gesamte Umgebung gut beobachten lässt. Kaum aus Char Darah raus, stoppt die Kolonne. Stich, dies ist bereits sein dritter Auslandseinsatz, sitzt im letzten Fahrzeug und sichert nach hinten ab. Die Freiflächen in der Umgebung scheinen sicher zu sein, nach zehn Minuten setzen sich die Fahrzeuge wieder in Bewegung und steuern auf eine Brücke zu, die nur etwa anderthalb Kilometer von der Polizeistation entfernt ist.

Plötzlich gibt es einen Riesenknall. Oliver Stich spürt, wie der 19 Tonnen schwere Transportpanzer kurz angehoben wird. Der 29-Jährige kann kaum etwas sehen. Explosionsgase und aufgewirbelter Staub behindern die Sicht. Stich fragt seinen Kameraden im hinteren Kampfraum, ob alles in Ordnung sei. Der bejaht die Frage. Stich bemerkt erstmals den Schmerz in seinem Fuß, zunächst noch leicht, es fühlt sich an, als ob er umgeknickt sei. Der Angehörige des Panzergrenadierbataillons 122 tastet seinen Körper ab. Alle Gliedmaßen sind noch da, er kann sie auch alle spüren. Stich ist erleichtert, denn die Wucht der Detonation war enorm. Der Soldat versucht, aufzustehen, um an die frische Luft zu kommen. Doch die Schmerzen in seinem Fuß sind mittlerweile zu stark. An den Halteriemen im Innenraum des Fahrzeugs zieht er sich schließlich hoch und kann endlich frische Luft atmen.

Oliver Stich und Katrin Riedel im Gespräch mit Oberstleutnant Thomas Behr.Größere Abbildung anzeigen
Oliver Stich und Katrin Riedel im Gespräch mit Oberstleutnant Thomas Behr.

Ein Ruck geht durch den Transportpanzer, als der Fahrer wieder beschleunigt. Die deutschen Soldaten haben gesehen, dass sich bewaffnete Kämpfer nähern. Der Fuchs ist zum Glück noch fahrbereit und erreicht die sichere Anhöhe der Westplatte. Jetzt können sich endlich die beiden „Medical Bravo“ – die Rettungssanitäter des Zuges – um den verwundeten Hauptfeldwebel kümmern. Der kann die Schmerzen in seinem Fuß kaum noch ertragen – eine Morphiumspritze schafft nach ein paar Minuten wenigstens etwas Linderung.

Inzwischen hat auch ein Beweglicher Arzttrupp (BAT) die Westplatte erreicht. Stichs Hose wird aufgeschnitten, der Schuh vorsichtig entfernt. Die Blutung wird gestillt. Durch einen Zugang werden Stich weitere Schmerzmittel verabreicht. Er ist bei vollem Bewusstsein und hört das typische Geräusch eines Hubschraubers, der sich nähert. „Kommt der zu mir?“, fragt der Verwundete. „Ja, der holt dich“, bekommt er zu hören und verspürt eine Riesenerleichterung. Stich ist sich jetzt sicher: Er wird nicht hier auf einem Hügel in Nordafghanistan verbluten. Der „Black Hawk“ der US-Armee fliegt Oliver Stich in das Feldlager Kundus. Davon bekommt der verwundete Soldat nichts mehr mit.

Zur Behandlung in Koblenz neun Monate nach dem Anschlag wird Oliver Stich wieder von seiner Freundin Katrin Riedel begleitet. Dr. Florian Hartenstein, Assistenzarzt für Unfallchirurgie, untersucht das verletzte Bein.Größere Abbildung anzeigen
Zur Behandlung in Koblenz neun Monate nach dem Anschlag wird Oliver Stich wieder von seiner Freundin Katrin Riedel begleitet. Dr. Florian Hartenstein, Assistenzarzt für Unfallchirurgie, untersucht das verletzte Bein.

Auf dem OP-Tisch nur 50 Minuten nach dem Anschlag

Mehrere tausend Kilometer entfernt steht Katrin Riedel gerade vor dem Haus, als ein Fahrzeug der Bundeswehr in den Hof einbiegt. Wenige Stunden zuvor ist sie durch einen seltsamen Traum aus dem Schlaf geschreckt. Ihr Freund Oliver stand vor der Tür und schrie: „Ich will rein!“ Aber Oliver ist weit weg, in Afghanistan. Zwei Männer steigen aus dem Auto: Es ist der Spieß der 4./122. in Begleitung eines Reservisten. Katrin Riedel fürchtet das Schlimmste. Ihr Freund hatte ihr vor seiner Abreise noch gesagt, wenn etwas wirklich Schlimmes passsiere, dann würde jemand von der Bundeswehr persönlich vorbeikommen. Der erste Schock der 28-Jährigen legt sich nur langsam, als der Spieß sagt, dass Oliver verwundet ist, aber keine Lebensgefahr besteht.

Hauptfeldwebel Oliver Stich ist zu diesem Zeitpunkt schon zwei Mal in Kundus operiert worden. Nur 50 Minuten nach dem Anschlag wird ihm in einer ersten Notoperation ein Fixateur angelegt. Dass die Rettungskette so gut und schnell funktioniert, rettet wahrscheinlich den Fuß von Oliver Stich. Von den Ärzten erfährt er später, dass nur noch eine Arterie durchblutet war. Stich wacht kurz aus der Narkose auf und verspürt starke Schmerzen. Die Ärzte entscheiden, erneut zu operieren. Am Nachmitttag ist Oliver Stich wieder wach. Sein Zugführer gibt ihm ein Telefon – er kann nur wenige Stunden nach dem Anschlag zuhause anrufen. Noch benebelt von der Narkose erzählt er seiner Freundin Katrin, dass der Fuß noch dran ist.

Im Bild erklärt Stabsarzt Michael Richter die Röntgenbilder, auf denen deutlich die Schrauben im Fuß von Oliver Stich zu sehen sind.Größere Abbildung anzeigen
Im Bild erklärt Stabsarzt Michael Richter die Röntgenbilder, auf denen deutlich die Schrauben im Fuß von Oliver Stich zu sehen sind.

Am nächsten Tag wird der Verwundete nach Deutschland geflogen. Der Airbus landet in Köln-Wahn, von dort aus wird Stich ins Koblenzer Bundeswehrkrankenhaus gefahren. Als sich dort die Türen des Krankenwagens öffnen, ist die Freude groß: Freundin Katrin steht schon da und wartet. In den kommenden zwei Wochen wird sie ihm nicht von der Seite weichen. „Perfekter hätte es nicht laufen können“, sagt Stich. Auch Katrin Riedel ist voll des Lobes, wie alles organisiert wurde. Aus Kundus hat sie die Information bekommen, wann ihr Freund in Koblenz eintrifft.

Der Spieß nimmt sie schließlich mit nach Rheinland-Pfalz. Dort übernimmt dann ein anderer Spieß vom Bundeswehrkrankenhaus die Betreuung und organisiert die Unterkunft in einem Wohnheim direkt nebenan. Oliver Stich kann die Unterstützung durch seine Freundin gut brauchen, denn ihm steht nun ein sechswöchiger Aufenthalt im Krankenhaus bevor. Und viele Operationen: Nach den beiden Eingriffen in Kundus folgen noch zehn weitere in Koblenz, teilweise in Abständen von nur wenigen Tagen.

Es dauert sieben Monate, bis er ganz auf Schmerzmittel verzichten kann. Drei Wochen ist der Berufssoldat ans Bett gefesselt. Die ersten Versuche, auf Krücken zu gehen, sind mühsam – und schmerzvoll. „Mein Fuß war wochenlang gerade gelagert, beim Gehen hing er nun runter. Ich habe gedacht, den zerreißt es jetzt“, sagt Stich. Trotz der Schmerzen: Stich trainiert im Krankenhaus „wie ein Bekloppter“, damit er sich wieder bewegen kann. Die Anstrengung wirkt doppelt so heftig auf seinen Körper, der durch den Blutverlust bei den vielen Operationen geschwächt ist. „Nach zehn Minuten Übungen auf dem Gang musste ich mich für fünf Minuten wieder ins Bett legen, damit ich wieder zu mir komme und die Schmerzen nachlassen.“

„Trainiert wie ein Bekloppter“ – Oliver Stich arbeitet Tag für Tag an der Rehabilitation.Größere Abbildung anzeigen
„Trainiert wie ein Bekloppter“ – Oliver Stich arbeitet Tag für Tag an der Rehabilitation.

In dieser Zeit erhält er viel Besuch. Aufmunternde Worte spenden der Wehrbeauftragte des Bundestags und der Verteidigungsminister. Auch der Inspekteur des Heeres kommt nach Koblenz, doch da liegt Stich gerade wieder auf dem OP-Tisch. „Gerade in der Anfangsphase kommen viele Leute auf einen zu, so dass es einem schon fast etwas zu viel wird. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass es gut so ist, weil ich weiß, dass ich dann Rückendeckung habe und mir geholfen wird“, sagt Stich. Die meiste Unterstützung erhält er aber in dieser schwierigen Zeit von seiner Freundin, die nicht nur hin und wieder seinen Fixateur reinigt, sondern ihm vor allem die notwendige psychische Hilfe gibt. „Ich habe ihr versprochen, den Kopf nicht hängen zu lassen“, sagt der Soldat. Vom Anschlag hat er kein einziges Mal geträumt, und auch sonst plagen ihn keine Albträume, versichert er. Man glaubt es ihm, so stabil und gefestigt wirkt Oliver Stich. „Ich habe einen guten Rückhalt: Von den Kameraden, von der Familie und vor allem von einer tollen Frau. Ich kann über alles reden, und mir wird zugehört“, sagt Stich, der seit zwölf Jahren mit Katrin Riedel in einer Beziehung lebt.

„Trainiert wie ein Bekloppter“ – Oliver Stich arbeitet Tag für Tag an der Rehabilitation.

Im März 2011 ist das Paar erneut im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. Auch neun Monate später kämpft der Oberpfälzer noch immer mit den Folgen des Anschlags. Das Röntgenbild auf einem Computerbildschirm, das Stich gemeinsam mit Stabsarzt Michael Richter betrachtet, zeigt dies mehr als deutlich: Das Fußgelenk ist auf dem Foto kaum als solches zu erkennen – ein scheinbares Wirrwarr von Schrauben hält die Knochen zusammen. Ein großer Teil des oberen Sprunggelenks ist von den Ärzten entfernt worden, Stichs Fuß ist dadurch etwa vier Zentimenter kürzer. Seine Ferse ist mit Schrauben am Schienbein befestigt, das untere Sprunggelenk mit Platten fixiert. „Das Sprunggelenk selber ist total versteift, bewegen kann ich nur noch die Zehen“, sagt Stich. Dies wird auch so bleiben. „Es sei denn, es kommt irgendwann eine ganz tolle Erfindung, und man kann da was einsetzen – aber da hat die Medizin noch nichts in Aussicht.“ Stich muss in Zukunft orthopädische Schuhe mit einer Abrollhilfe tragen, damit wieder so etwas wie Gehen möglich ist. „Was mehr als Gehen dabei rauskommt, ist Luxus“, sagt der Endzwanziger, der auf viele sportliche Aktivitäten von früher in Zukunft verzichten muss. Früher, das war, als Oliver Stich noch Marathon gelaufen ist. Als er an den Divisionsmeisterschaften teilgenommen hat. Als er bei Militärpatrouille und Gipfellauf dabei war.

Den Marathon hat Stich innerlich schon abgehakt, nicht aber das Skifahren. „Das kommt wieder“, sagt er voller Zuversicht. Obwohl auch sein Knie etwas abbekommen hat. „Der Schienbeinkopf ist teilweise abgeplatzt“, sagt Stich. Links und rechts sind zwei Platten angebracht, damit alles wieder gerade wachsen kann. So ganz wie vor dem Anschlag wird auch das nicht mehr werden. Ein gesunder Mensch kann seinen Fuß um etwa 160 bis 170 Grad anwinkeln. Oliver Stich ist froh, wenn er in Zukunft wieder 120 Grad erreicht: „Damit ist Gehen oder Fahrradfahren normalerweise möglich.“ Auf einem Spezialfahrrad ist Stich jetzt schon unterwegs. Probleme bereitet ihm aber auch das rechte Außenband im Knie: Es fehlt fast vollständig. Momentan wird sein Knie noch durch eine Bandage und eine Schiene fixiert. Wenn der Schienbeinkopf ausgeheilt ist und die Platten demnächst entfernt werden, wird wahrscheinlich auch ein Stück Sehne eingesetzt, um die notwendige Stabilität zu gewährleisten. Dies wäre dann der 13. Eingriff nach dem dem Anschlag, und ob Oliver Stich danach nicht noch einmal unters Messer muss, ist auch nicht sicher.

Neun Monate nach der Attacke bei Char Darah weiß der Hauptfeldwebel zudem noch immer nicht, welchen Beschädigungsgrad er nach seiner Verwundung hat. Den Antrag hat er schon früh bei der Wehrbereichsverwaltung gestellt, bis heute aber noch keine Antwort erhalten, bis auf die Mitteilung, dass sein Antrag eingegangen ist. Die Rettungskette nach dem Anschlag, die Behandlung im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz, eigentlich ist alles perfekt gelaufen, sagt Stich – bis zu dem Punkt, wo die Wehrbereichsverwaltung ins Spiel kam. „Finanziell muss ich mir keine großen Sorgen machen“, sagt der Berufssoldat, „aber es geht schon auch ums Prinzip.“

Verbittert ist Oliver Stich dennoch nicht. Im Gegenteil: Er blickt optimistisch in die Zukunft. Dabei gehört der Panzergrenadier zu einer neuen Generation, die ihren Vätern erzählen kann, was Krieg bedeudet. Stich war in Bosnien-Herzegowina und zwei Mal in Afghanistan. Kurz vor dem Ende seines dritten Auslandseinsatzes erlitt er eine so schwere Verwundung, dass er sein Leben nun in vielen Dingen umstellen muss. Und trotzdem würde Stich wieder zur Bundeswehr gehen: „Die Abwechslung bei der Bundeswehr entschädigt für vieles. Klar, manchmal ist es anstrengend, wenn man auf Truppenübungsplätzen oder im Einsatz ist und es stressig und hektisch wird. Aber man denkt doch immer wieder gerne an das zurück, was man mit den Kameraden erlebt hat.“

Während die langwierige Behandlung der Verwundungen von Oliver Stich in Koblenz fortgesetzt wird, hat sie für andere gerade erst begonnen: Zur gleichen Zeit versorgen die Ärzte des Bundeswehrkrankenhauses Opfer der Anschläge und Gefechte vom 18. Februar. Es werden nicht die letzten sein. Von Thomas Behr und Yann Bombeke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzte Änderung am 28.3.2011


 
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