In einem Waldstück südlich von Dortmund liegen Bruchteile des am 6. Juni 1996 abgestürzten Bundeswehrhubschraubers vom Typ Bell UH-1D. Bei dem bisher schwersten Hubschrauberunglück in der Geschichte der Bundeswehr kamen 13 Menschen im Alter von 17 bis 47 Jahren ums Leben. picture-alliance / dpa | Tschaumer

In einem Waldstück südlich von Dortmund liegen Bruchteile des am 6. Juni 1996 abgestürzten Bundeswehrhubschraubers vom Typ Bell UH-1D. Bei dem bisher schwersten Hubschrauberunglück in der Geschichte der Bundeswehr kamen 13 Menschen im Alter von 17 bis 47 Jahren ums Leben. picture-alliance / dpa | Tschaumer

06.06.2021
dpa

„Mitten aus dem Leben“ – 25 Jahre Hubschrauberunglück auf Jugendmesse

Mit 13 Toten war es der schwerste Hubschrauberunfall der Bundeswehr: Bei einem Rundflug bei der Jugendmesse „You“ stürzte vor 25 Jahren ein Hubschrauber ab. Der Jahrestag lässt die Erinnerungen wieder präsent werden.

Dortmund/Herdecke. Die Bilder haben sich tief eingebrannt: Almut Schanzmann konnte damals vom Pfarrhaus aus sehen, wie der Bundeswehr-Hubschrauber über dem Waldstück im Dortmunder Süden niederging und nicht mehr auftauchte. Ihr Mann, der Pfarrer Karl-Heinz Schanzmann, wird nie den Anblick des Wracks mit der zerborstenen und völlig ausgebrannten Kanzel vergessen. „Ich konnte noch erkennen, dass da Menschen drin waren“, sagt der 75-Jährige, und die Kaffeetasse zittert in seiner Hand. Der Notfallseelsorger war kurz nach dem Crash zum Absturzort geeilt, nur wenige Hundert Meter Luftlinie sind es vom damaligen Wohnsitz des Ehepaars im angrenzenden Herdecke bis dorthin.

Der Helikopter vom Typ Bell UH-1D der Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums hatte eine Lichtung in das Waldstück direkt neben einer Autobahn geschlagen und war kurz nach dem Crash in Flammen aufgegangen. Von 14 Insassen überlebte nur einer diesen Rundflug, mit dem die Bundeswehr auf der Jugendmesse „You“ um Nachwuchs hatte werben wollen. Als Ursache stellten die Ermittler später ein waghalsiges Manöver des Piloten fest, mit dem er seinen Gästen ein „eindrucksvolles Flugerlebnis“ bieten wollte, wie mehrere Monate später aus dem Untersuchungsbericht hervorging.

Die Erinnerung wühlt die Schanzmanns kurz vor dem 25. Jahrestag der Tragödie auf. Nicht nur hatten sie sich als Seelsorger am Unglückstag der Ersthelfer angenommen – zwei Autofahrern, die noch vor der gewaltigen Kerosin-Verpuffung einen Mann aus dem Wrack retteten. Auch hat das in der Trauerarbeit erfahrene Paar jahrelang eine Gruppe Hinterbliebener betreut.

Der 6. Juni 1996 hatte für Dortmund vor allem Freude und Leichtigkeit verheißen, erinnern sie sich: Erst wenige Stunden zuvor war in den Westfalenhallen die Jugendmesse „You“ eröffnet worden. Das „Mega-Event“ sollte nach Vorstellung der Veranstalter 100.000 vor allem junge Besucher ins Ruhrgebiet locken. Als einer von rund 150 Ausstellern präsentierte sich auch die Bundeswehr, verloste Hubschrauberrundflüge. Mit sechs Jugendlichen, die den Flug gewonnen hatten, fünf Journalisten und drei Bundeswehrangehörigen startete am Mittag der erste Rundflug. Ein erfahrener Pilot flog den Helikopter, wie die Bundeswehr später stets betonte.

Ermittlungen von Militär und Staatsanwaltschaft ergaben Monate später, dass er offenbar seine Passagiere mit riskanten Flugmanövern beeindrucken wollte. Er flog zu tief und schätzte bei einem nicht erlaubten Sinkflug seine Höhe über den Baumwipfeln falsch ein. Als er den Fehler erkannte, habe er versucht, den Hubschrauber abrupt hochzuziehen, doch er geriet mit dem Heckrotor in die Baumkronen. 175 Meter weiter stürzte er ab.

Die Schanzmanns kümmerten sich am Unglückstag um die beiden Autofahrer, die den Absturz von der Autobahn gesehen, angehalten und vor der Kerosin-Verpuffung einen 28-jährigen Passagier aus dem Helikopter gezogen hatten. Der verletzte Schweizer war damals Tourmanager des Eurodance-Stars DJ Bobo. Die Verunglückten kamen aus der Schweiz und dem Ruhrgebiet, die Piloten waren in Köln stationiert. In der von den Schanzmanns initiierten und geleiteten Selbsthilfegruppe fanden viele Angehörige über Jahre hinweg Trost, erzählt Almut Schanzmann. „Ganz alleine geht so etwas in solchen Notsituationen nicht“, sagt die 78-Jährige.

An der Absturzstelle erinnert bis heute ein hochragender, schlichter Gedenkstein an die Toten. Kurz vor dem Jahrestag liegt rundherum frischer Rindenmulch, ein groß gewachsener Rhododendronbusch wird blühen. Alle Namen der Toten, auch der des Piloten, sind hier mit Alter verewigt. Das jüngste Opfer war 17 Jahre alt.

„Sie sind mitten aus dem Leben gerissen worden – im wahrsten Wortsinn“, sagt Karl-Heinz Schanzmann. Viele Gespräche mit den Hinterbliebenen kreisten auch immer wieder um die Schuldfrage. So habe es „harte Diskussionen“ darum gegeben, ob auf dem Gedenkstein auch an den Piloten erinnert werden soll. „Der hat ja unsere Kinder auf dem Gewissen“ – so dachten manche“, sagt der Pfarrer. Letztlich sei aber wohl akzeptiert worden, dass seine Witwe eine Trauernde sei.

2009 schließlich löste sich die Selbsthilfegruppe auf, zu einigen bestehe weiter Kontakt, auch zu den Ersthelfern von der Autobahn. Die meisten haben gelernt, einen Umgang mit dem Unglück zu finden, glauben die Notfallseelsorger. „Es bleibt natürlich präsent in den Familien, aber sie leben ihr Leben“, sagt Schanzmann. Das Gedenken ein Vierteljahrhundert später wird nach Angaben der Stadt Dortmund coronabedingt im kleinsten Kreis stattfinden.

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