Beim Sport kann Jan Minnich die schlimmen Erinnerungen am besten Verarbeiten. Seit drei Wochen hilft ihm dabei auch seine neue Facebook-Seite Foto: privat

Beim Sport kann Jan Minnich die schlimmen Erinnerungen am besten verarbeiten. Seit drei Wochen hilft ihm dabei auch seine neue Facebook-Seite Foto: privat

30.08.2018
mkl

„Hey Frau von der Leyen“: Soldat bloggt über Umgang mit PTBS

Berlin. Das Foto auf Facebook ist schockierend. Es zeigt einen Haufen Medikamente auf einem Tisch, und wer sich ein bisschen auskennt, erkennt schnell: Das sind zum Teil Psychopharmaka oder deren Begleiter. Unter das Bild hat der Autor sarkastisch geschrieben: „Hey Frau von der Leyen,
Ich muss da mal ein Wörtchen mit Ihnen reden, bitte hören Sie zu. Ich lade Sie auf meine Party ein und stelle Ihnen meine Freunde vor: Das hier sind Pantoprazol, Carbamazipin, Eubiol, Cymbalta, Mirtazapin Tegretal“.

Der Mann, der das Bild gepostet und beschriftet hat, heißt Jan Minnich und ist Stabsunteroffizier bei der Bundeswehr. Vor Jahren – wann genau, möchte er nicht sagen – hat er in Afghanistan gedient, seitdem leidet er an einer chronischen Belastungsstörung. Es sind seine Medikamente.

Vor drei Wochen hat Minnich nun die Facebook-Seite „Mein Leben mit einem Trauma“ ins Leben gerufen. Dort hat er auch das Foto gepostet. Wie in einem Blog lässt er die Leser teilhaben an seinem Kampf um eine ordentliche Anerkennung seiner Einsatzschädigung. „Diese Seite soll allen dienen, die sich gerne austauschen möchten, unterstützen wollen oder sich einfach mal informieren wollen“, schreibt er.

Mit seinen offenen Gedanken trifft der 30-Jährige offenbar den Nerv vieler Leidensgenossen, aber auch deren Angehörigen. Schon nach drei Wochen hat die Seite rund 500 Abonnenten. Was die Beiträge so speziell macht, ist die Offenheit, mit der Minnich mit seinem Leiden und dem Kampf um Anerkennung umgeht. Er postet Protokolle, die Auskunft über seine Schlafstörungen geben, genauso wie den Schriftverkehr mit Fachärzten und den Stellen bei der Bundeswehr.

Sein Fall ist kompliziert und verfahren, davon zeugen die vielen Schriftsätze auf der Seite. Minnich befindet sich nach seinem Dienst als SaZ 12 im BFD und in der vierjährigen Schutzzeit nach seinem Trauma. Allerdings erkennt die Bundeswehr nur eine Einsatzschädigung von zehn Prozent an – viel zu wenig, findet nicht nur Minnich, das sagen auch verschiedene Fachärzte. Diese bescheinigen ihm eine chronische PTBS, während die Truppenärzte offenbar weiter auf berufsferne private Probleme setzen. Minnich selbst sagt: „Ich habe das A-Kriterium nicht bekommen, weil ich nicht direkt über das Trauma reden wollte. Als ob ich das jemandem erzählen würde, den ich erst seit ein paar Minuten kenne.“

Doch trotz der geringen Einstufung seiner Schädigung schließt ihn die Bundeswehr seit vier Jahren komplett von weiteren Förderungen aus, so stellt es Minnich jedenfalls dar. Eigentlich war er schon fest eingeplant für die Beförderung zum Fallschirmjäger-Feldwebel, er träumte davon, den Nachwuchs ausbilden zu dürfen. Doch daraus wurde nichts – seit 2014 schon erhält er keinen Zugang mehr zu den Lehrgängen. Seinen 90/5er für die Fallschirmjäger hat er auch verloren – aus psychologischen Gründen.

Der andauernde Kampf hat Minnich zermürbt, er hat jetzt aufgegeben, zumindest was seine Bundeswehr-Karriere angeht. Den Status als Feldwebel-Anwärter hat er schon vor längerer Zeit zurückgegeben. „Ich kämpfe nicht mehr“, sagt er. Inzwischen konzentriert er sich ganz auf seine Ausbildung an der Abendschule zum Industriemeister, irgendwann möchte Minnich einmal als Wirtschaftsingenieur arbeiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Momentan steht immer noch im Vordergrund, mit seinem Trauma leben zu lernen. Dabei hilft ihm seit Anfang Juli auch Assistenzhund Amy. Auch ihre Ausbildung am Therapiehundezentrum muss er aus eigener Tasche bezahlen. Dabei hilft ihm auch die Soldaten und Veteranen Stiftung des Deutschen BundeswehrVerbands, zuletzt mit einer großzügigen Spende.

„Amy fordert soziale Kontakte ein und soll mich so zurück ins Leben bringen“, erklärt Minnich. Das geht sogar so weit, dass Amy ihn weckt, wenn er nachts zu sehr träumt, sie macht dann das Licht an oder zieht ihn am Arm. „Ich mache große Fortschritte“, sagt Minnich, „was die Ärzte nicht geschafft haben, schafft jetzt der Hund.“

Mit der Bundeswehr hat Minnich abgeschlossen. Der Verschlimmerungsantrag läuft dennoch, die Diagnose hat er dem Wehrbeauftragten geschickt. Vielleicht, so ist seine Hoffnung, kann er wenigstens noch eine Einstufung als 50 Prozent einsatzgeschädigt durchsetzen. Damit könnte er die täglichen Einschränkungen, die er nach dem Dienst für sein Land zu ertragen hat, zumindest ein bisschen ausgleichen. Minnich sagt: „Der Amboss ist immer härter als jeder Hammerschlag“.

Hier geht es zur Facebook-Seite "Mein Leben mit einem Trauma"

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