12.10.2017
Nico Pointner, dpa

„Mali“: Kampagne aus dem Krisengebiet

Eine Serie über den harten Soldatenalltag in Mali soll den Zuschauer hautnah an der gefährlichen Mission teilnehmen lassen. Die Bundeswehr will mit dem Projekt Nachwuchs locken. Das gefällt nicht allen. Doch die Rechnung könnte aufgehen.

Berlin. Lautes Herzklopfen. Schnelle Schnitte. Dramatische Hintergrundmusik. Der martialisch anmutende Trailer der Bundeswehr-Serie „Mali“ sieht weniger nach Einsatzdoku aus als nach Action aus Hollywood. „Sie haben sich lange vorbereitet“, heißt es dort, ernste Gesichter von Soldaten in einem dunklen Transportpanzer werden gezeigt. „Auf alles, was sie da draußen erwartet.“ Plötzlich wird es hell, die Heckklappe geht auf. Als der Zuschauer sich fragt, ob nun Arnold Schwarzenegger mit Kampfanzug und Maschinengewehr um die Ecke springt, endet der kurze Videoclip auch schon. Was die Soldaten „da draußen“ erwartet, kann der Zuschauer nur ahnen.

Der knapp einminütige Trailer soll Appetit machen auf das nächste große Marketingprojekt der Truppe. Nach der Youtube-Doku „Die Rekruten“ will Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit einer neuen Internetserie um Nachwuchs werben - diesmal nicht über die Grundausbildung, sondern direkt aus dem Einsatz. „Wir wollten eine ganz neue, andere Geschichte aus der Bundeswehr erzählen“, sagt der Beauftragte für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr, Dirk Feldhaus. „Das wird so intensiv aus der Perspektive der Soldaten gezeigt, wie es Deutschland noch nicht gesehen hat.“

Der Zuschauer soll hautnah dabei sein im derzeit größten und gefährlichsten Auslandseinsatz der Truppe. Rund 1000 deutsche Soldaten sind in Mali stationiert, um im Rahmen der Vereinten Nationen die Umsetzung des Friedensabkommens zu unterstützen. Acht von ihnen wurden im Sommer in Westafrika mit der Kamera begleitet.

Mehr als sechs Wochen lang sollen die Folgen ab dem 16. Oktober im Internet ausgestrahlt werden. Die Kampagne soll Nachwuchs anlocken. Die Truppe sucht seit der Aussetzung der Wehrpflicht händeringend nach Bewerbern. Feldhaus sagt, ein großes Hemmnis auf dem Weg in die Bundeswehr sei die Scheu und Verunsicherung über Auslandseinsätze, das hätten Studien gezeigt. Deshalb wolle man darüber informieren, wenn auch unterhaltsam. Alles sei echt, nichts gestellt: „Wir haben einfach die Kamera auf den Alltag gehalten.“

Und wenn man damit Rambos, Abenteurer und Waffennarren anlockt, die die Bundeswehr angesichts der Skandale den vergangenen Monate gerade nicht brauchen kann? Die Bewerber würden ja genau geprüft, meint Feldhaus. „Wir nehmen längst nicht jeden“, sagt er. Für ihn ist „Mali“ nicht Hollywood, sondern blanke Einsatzrealität.

„Viele Leute haben überhaupt keine Ahnung, wie so ein Einsatz abläuft“, sagt auch Hauptfeldwebel Peter. Der 29-Jährige war 134 Tage im Camp Castor in Gao stationiert, er ist einer der acht Soldaten, deren Alltag in der Wüste gefilmt wurde. Mit Actionfilmen hatte der Einsatz für ihn nichts zu tun. „Jeden Tag grüßt das Murmeltier - irgendwann ist jeder Tag gleich“, sagt er. Peter diente als Umschlag- und Transportgruppenführer, fertigte in Mali von früh bis spät bei sengender Hitze Flugzeuge ab. „Wir konnten die Tage nach dem Flugzeugmuster festmachen. Das kann sich halt wirklich ziehen.“ Er hat nun erstmal genug vom Wüstensand. Aber das Videoprojekt findet er gut. „Wenige wissen, worauf sie sich einlassen. Es ist wichtig, dass die Leute das mitbekommen.“

Die Bundeswehr bedient die Sehgewohnheiten junger Leute, ist auf Youtube, Instagram und Snapchat aktiv. Die Zielgruppe liegt zwischen 17 und 35 Jahren. Die Fans können sich parallel dazu auf Facebook mit einen Chatbot unterhalten, ein menschelndes Programm, das sich eigenständig mit dem Nutzer unterhält, über den Tag verteilt Nachrichten, Videos, Bilder aus Mali schickt. „Als wenn ein Freund im Einsatz dabei wäre“, sagt Feldhaus. Zwar aus Sicherheitsgründen nicht live, aber in Echtzeit. „Wenn nachts Leuchtraketen über dem Camp auftauchen, dann bekommen sie auch nachts eine Nachricht - um hautnah dabei sein zu können.“

Natürlich stößt diese Art der Kommunikation nicht nur auf Verständnis. Gerade der Chatbot löste im Internet schon Diskussionen aus. Ist es wirklich richtig, dem Nutzer Fragen nach Leben und Tod von einem Computerprogramm beantworten zu lassen?  Ein schmaler Grat, allemal. Erste Tests zeigten außerdem: Der Bot kommt bei komplexen Fragen schnell an seine Grenzen. Bei Twitter hagelte es schon vor dem Start der Serie einigen Spott.

„Prinzipiell muss die Bundeswehr alle Kanäle nutzen, um für den Dienst der Streitkräfte zu werben“, sagt aber auch der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD). „Die dürfen natürlich auch ein wenig spektakulär und witzig sein, aber natürlich nicht unrealistisch und verharmlosend.“ Die Vorgänger-Doku fand er nicht schlecht.

„Die Rekruten“ brachte der Bundeswehr 45 Millionen Views ein, besonders die Folgen zum Auslandseinsatz und über den ersten Waffenkontakt waren Klickerfolge. In der Zielgruppe der Unteroffizier- und Mannschaftslaufbahnen sei die Zahl der Bewerbungen um 21 Prozent gestiegen, bilanziert Feldhaus. An den Erfolg will man nun anschließen. Linke und Grüne hatten den Serienmachern damals eine Verschwendung von Steuergeldern und Verharmlosung vorgeworfen.

Auch das Nachfolgeprojekt geht ins Geld - zwei Millionen Euro für die Produktion, mehr als doppelt so viel für die Werbung drumherum. Aber verniedlichend dürfte „Mali“ nicht sein. Die Serie soll auch die Schattenseiten des Soldatenlebens zeigen. Gerade zum Ende einer Drehphase stürzte im Juli ein Tiger-Kampfhubschrauber ab und brannte aus. Zwei deutsche Soldaten kamen ums Leben. „Die Kameraleute saßen schon auf gepackten Sachen“, berichtet Feldhaus. „Einer ist dann da geblieben, um die Stimmung aufzufangen im Camp.“ Mit Fragen von Leben und Tod wolle man offen und ehrlich umgehen. „Wir sparen nichts aus, das gehört leider im Zweifelsfall zum Soldatensein dazu.“ Ob es gelingt, wird sich ab Montag zeigen.

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