09.01.2020
Carsten Hoffmann, dpa

Raketennacht von Erbil - Bundeswehr fährt runter, will aber bleiben

Die Bundeswehrsoldaten im Nordirak haben die Raketenangriffe auf Militärstützpunkte im Land schadlos überstanden. Dass es dort keine Toten gab, ist womöglich kein Wunder sondern beabsichtigt. So oder so gilt zunächst: Verschärfte Vorsicht, aber kein Ende des Einsatzes.

Erbil/Berlin - Raketenangriff mit Ansage: Für Jörg Wellbrink, Oberst im Generalstab und Chef von noch mehr als 100 deutschen Soldaten im nordirakischen Erbil trat in der Nacht zum Mittwoch (8. Januar 2019) der Ernstfall ein. Ganz überraschend kam er aber nicht. «In der vergangenen Nacht sind wir durch unsere internationalen Partner über einen bevorstehenden indirekten Beschuss alarmiert worden», berichtet der Offizier am Mittwoch aus dem Einsatzgebiet. «Wir haben sofort alle im Camp befindlichen Soldatinnen und Soldaten über Sirenen alarmiert.»

Er sei sehr stolz «über das äußerst professionelle Verhalten und die Geschwindigkeit, mit der die Schutzbauten aufgesucht wurden». Das Wohl der Soldaten stehe an erster Stelle. Schnell habe Vollzähligkeit gemeldet werden können. «Wir haben anschließend direkt dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr die Umstände gemeldet und stehen seit dieser Zeit im stetigen Kontakt. Meine Soldaten sind alle wohlauf und nutzen aktuell die Zeit, um sich zu regenerieren.»

Nicht nur die Bundeswehr ist mit einem blauen Auge davongekommen - wenn überhaupt. Militärexperten weisen darauf hin, dass der Iran mitnichten das Spektrum seiner Fähigkeiten eingesetzt hat. Die Angriffe wären demnach mehr als symbolisch, aber doch nur am unteren Ende der möglichen Eskalation: Eine Raketennacht ohne Tote in den Reihen der internationalen Soldaten im Irak, die dort die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekämpfen helfen.

Zentrum des deutschen Ausbildungseinsatzes für die irakischen Kurden ist das multinationale «Camp Stephan», geführt von der Bundeswehr und in der Nacht zum Mittwoch nicht unmittelbar getroffen. «In Erbil befinden sich ungefähr 50 Prozent des Personals, die ausbilden. Im Moment finden keine Ausbildungsgänge statt», sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums am Mittwoch. Der andere Teil des Kontingents kümmere sich im «Camp Stephen» um den Betrieb des Lagers.

Ein vollständiger Abzug der deutschen Soldaten galt den deutschen Militärplanern am Mittwoch - anders als zuvor im Zentralirak - nicht als erste Option. Im Verteidigungsministerium liefen nach Informationen der dpa Planungen dafür, rund die Hälfte der gut 100 im Raum Erbil eingesetzten Männer und Frauen abzuziehen. Auch das sei keine Reaktion auf die iranischen Angriffe, sondern erfolge auf Basis gemeinsamer Schritte der Anti-IS-Koalition.

Die Kurden haben sich in den vergangenen Jahren zu dem verlässlichsten Partner dieses Einsatzes in der Region entwickelt. Sie wollen, anders als es das irakische Parlament beschlossen hat, auch keinen Abzug der internationalen Truppen.

Der Kurdengebiet um Erbil hat sich in den vergangenen Jahren - ungeachtet der Lage in einem von Krisen und Gewalt umstellten Gebiet - zu einer modernen Stadt entwickelt. Wer sich dort zwischen Restaurants, Bürogebäuden, Hotels und den bewässerten Grünflächen bewegt, hat das irakische Krisengebiet gefühlt verlassen.

Für Deutschland ist Erbil in vielerlei Hinsicht ein Tor zum Irak: Es gibt die Deutsche Schule Erbil, das Goethe-Institut Irak, das Informationszentrum des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und das Deutsche Wirtschaftsbüro Irak Erbil. «Wir arbeiten im vielfältigen Beziehungsgeflecht zwischen Deutschland und der Region Kurdistan-Irak und wollen dieses weiter ausbauen und vertiefen», schreibt Generalkonsulin Barbara Wolf auf der Internetseite ihres Hauses. «Trotz der Eskalation im Irak unterstützen wir das Land weiter beim Wiederaufbau und der Versorgung und Flüchtlingen», schrieb aus Berlin das Entwicklungsministerium nach der Raketennacht.

An diesem Donnerstag werden sich der Verteidigungsausschuss und der Auswärtige Ausschuss im Bundestag in Sondersitzung mit der Lage im Irak befassen. Grüne und Linke haben bereits einen kompletten Abzug gefordert. FDP-Verteidigungspolitiker Alexander Müller widerspricht nach «offenbar fast folgenlosen Anschlägen der letzten Nacht»: «In der Provinz Kurdistan gibt es keine Aktivitäten von Iran-treuen Milizen, wie PMF, Hisbollah oder Al-Kuds-Brigaden, die im südlichen und westlichen Irak unterwegs sind. Es ist vertretbar, die Bundeswehr dort weiter kurdische Peschmerga ausbilden zu lassen.»