Autor Hajo Schumacher (3.v.l.) in der Talkrunde von Frank Plasberg (rechts daneben) Foto: imago

Autor Hajo Schumacher (3.v.l.) in der Talkrunde von Frank Plasberg (rechts daneben) Foto: imago

28.03.2017
Hajo Schumacher

Deutschland ist mit Schulz politischer geworden

Neulich war ich mal wieder bei Herrn Plasberg eingeladen, zu seiner kleinen Krawallsendung „Hart aber fair“. Linksaußen hatte der stets aufgekratzte Christian Lindner von der FDP Platz genommen und gab sich alle Mühe, seriös und kompetent zu wirken. Gleich neben mir hockte der finster dreinblickende Herr Reul, der für die CDU recht unauffällig im Europaparlament wirkt. Und am rechten Rand hatte Hannelore Kraft Platz genommen, die Mühe hatte, vor lauter Schulzglück ihre Ministerpräsidentinnenwürde zu wahren.

Noch wenige Wochen zuvor hätte eine solche Runde mit routinierter Langeweile über Flüchtlinge und AfD gestritten. Klar war, dass Frau Merkel vier weitere Jahre regieren und die SPD mindestens zwei Koalitionspartner brauchen würde, um in die Nähe einer Mehrheit zu kommen. Und nun? Alles anders. Wohltuende Verwirrung allenthalben. Alles neu. Donald Trump und Martin Schulz haben das politische Deutschland in Rekordzeit umgegraben. Kaum einer redet noch über die AfD, dafür bekommt das jahrzehntelang ignorierte Thema Europa Konjunktur.

Seit Trump ist das Bündnis der 27 von der Urlaubs- und Finanztransferregion zu einem schützenswerten Biotop geworden. Schlagartig ist das Bewusstsein erwacht, dass der europäische Kindergarten alsbald erwachsen werden sollte. So bekommt ein Brüsseler aus Würselen, dem wir Experten fast das Etikett „Langweiler“ aufgepappt hätten, plötzlich Wichtigkeit. Die Retterin der freien Welt gegen Mr. Europa – wenn das kein Traumfinale ist. Ausgang völlig ungewiss.

Die Umfragen schlagen aus wie die Diesel-Werte eines Volkswagens, sicher geglaubte Koalitionsoptionen scheinen dahin, plötzlich balancieren die vier kleineren Parteien dichter an der Todesschwelle von fünf Prozent als bei den erhofften fünfzehn. Was lässt sich zur Bundestagswahl am 24. September prognostizieren? Rein gar nichts.

Zu den wenigen politischen Gewissheiten gehört, dass nichts sicher ist, weder Merkels ewige Kanzlerschaft noch das transatlantische Bündnis noch die EU. Frankreich wählt, NRW wählt – jedes Mal kann es beben. Und das ist gut so. Wie lange haben wir selbstzufrieden vor der „heute-show“ gesessen und uns über die Fake News der Komödianten amüsiert. Doch jetzt ist Schluss mit lustig. Neuer Ernst ist gefragt. Alles, was wir als dauerhaft betrachteten, steht zur Disposition.

Die Zeiten fordern Haltung und Informationswillen


Plötzlich ist ein Kanzler Schulz denkbar, dessen einziger Vorzug bislang darin besteht, dass wir wenig von ihm wissen. Ein Oskar light? Wie steht er zur Außen- und Sicherheitspolitik? Wie will er Deutschland in der globalen Migration aufstellen? Wir wissen es, noch, nicht. Aber wir werden es erfahren. Und darüber streiten. Deutschland ist mit Schulz politischer geworden; Nichtwähler und Politikmuffel kommen zurück in die Arena.

Selbst Kinder, die sich bislang allenfalls beim Thema Netzabdeckung für Politik interessierten, wollen plötzlich genau wissen, was es mit diesem ungewöhnlichen Mann im Weißen Haus auf sich hat, was ein US-Präsident eigentlich darf, was es mit der Wahrheit auf sich hat und warum Facebook vielleicht hipper aber nicht klüger ist als die gute alte Tageszeitung.

Ja, es sind unruhige Zeiten. Aber sie fordern Haltung und Informationswillen. Wer sich jetzt nicht für Politik interessiert, müsste eigentlich nach Nordkorea verbannt werden.

Mit einem plumpen „Die da oben ...“ ist es nicht getan. Die Parteien werden gezwungen, mehr Trennschärfe in ihre Programme zu bringen, der großkoalitionäre Eintopf wird von der Speisekarte gestrichen. Und der Bürger bekommt Alternativen geboten, die noch zum Jahresbeginn unmöglich erschienen. Demokratie ist Dynamik, nicht Stillstand.

Am Ende noch ein Glückwunsch, und zwar an Sigmar Gabriel. Statt den gewohnten Machtreflexen nachzugeben, hat der Obergenosse überraschend uneitel gleich mehrere historische Entscheidungen getroffen: Er hat der Kanzlerin den SPD-Bundespräsidenten Steinmeier aufgeschnackt, sich selbst aus dem ungeliebten Wirtschaftsministerium hinaus und in die Altersteilzeit im Auswärtigen Amt manövriert und obendrein seinem Kumpel Schulz den Vortritt gelassen. So einfach bringt man Spannkraft in eine chronisch verzagte Partei. Wer die Demokratie am Ende sah, wird eines Besseren belehrt, durch Sigmar Gabriel. Auch das hätte kaum jemand erwartet.

Dr. Hajo Schumacher war Redakteur beim “Spiegel”, danach bis 2002 Chefredakteur von “Max”. Heute arbeitet er als freier Journalist, Buch­autor und Moderator, unter anderem für die “Berliner Morgenpost”, das “Hamburger Abendblatt” und “Spiegel Online”.

Mit Rat und Hilfe stets an Ihrer Seite!

Nehmen Sie Kontakt zu uns auf.

Ihre Ansprechpartner