Ehrenspalier zur Verabschiedung gefallener Bundeswehrsoldaten im Mai 2011 in Afghanistan (Foto: Bundeswehr/bienert)

Ehrenspalier zur Verabschiedung gefallener Bundeswehrsoldaten im Mai 2011 in Afghanistan (Foto: Bundeswehr/bienert)

29.06.2017
Klaus Naumann

Kein Beruf wie jeder andere: das Berufsethos des Bundeswehrsoldaten

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Im Zentrum des soldatischen Berufsethos steht die Verpflichtung zu Tapferkeit, Treue und die Bereitschaft, mit dem Leben für den Auftrag einzustehen. Aber dazu gehört ebenso das eigene Verhalten, wenn gerade keiner zusieht.

Skandale sind allemal Stunden der Wahrheit, Skandalbewältigungen nicht minder. Doch allzu leicht kann es geschehen, dass die Anlässe von den Folgen überdeckt werden. Die jüngsten Vorfälle in der Bundeswehr, die Kriseninterventionen der Ministerin und die hochgehenden Emotionen sind dafür ein Beispiel. Gerade dann ist es wichtig, auf das Gemeinsame beider Vorgänge aufmerksam zu machen und nicht die Henne gegen das Ei auszuspielen. Der gemeinsame Kern der Aufregung liegt in Übergriffigkeiten, der Verletzung von Normen und Loyalitäten, dem Vorenthalten von Wertschätzung, dem Verlust der Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle. Wenn nötig kann dagegen strafrechtlich eingeschritten werden; es kann disziplinarrechtlich vorgegangen werden; es können Handlungsfähigkeit demonstriert, gute Vorsätze formuliert, Arbeitsgruppen gebildet und Zukunftsprogramme vorgelegt werden. Das alles ist möglich. Aber ist es auch ausreichend?

Der Verlauf des Falls Oberleutnant Franco A. reizt dazu, die Problemlage an einem Thema beispielhaft zu erörtern. Von der Bundeswehr lange übersehen und verharmlost, war hier ein rechtsextremistisches Netzwerk mit terroristischen Ambitionen entstanden. Der Ortstermin am Sitz der Deutsch-Französischen Brigade in Illkirch förderte Wehrmachtsdevotionalien zutage. Und schon wurde der Umkehrschluss gezogen – dieses Teufelszeug müsse endgültig aus den deutschen Kasernen verschwinden. Damit „so etwas“ nicht wieder vorkommt? So einfach ist es indessen nicht. Die Gleichung, die hier stillschweigend aufgemacht wurde, geht nicht auf. Ganz gewiss wird eine kritiklose Verehrung der Wehrmacht des Dritten Reichs immer im Umkreis rechtsextremer Gesinnungen und Gruppierungen anzutreffen sein. Aber diese Beobachtung lässt sich nicht umstandslos auf alle und jeden Verehrer der vormaligen deutschen Armee ausweiten.

Das ist kein Votum dafür, die Traditionsecken und -winkel unangetastet zu lassen. Die Sache ist schon etwas komplizierter. Und damit kommt die „verfluchte Traditionsfrage“ ins Spiel, die schon der erste Generalinspekteur Heusinger beklagte. Seine salomonische Lösung bestand darin, die Bundeswehr werde sich eben ihre eigenen Traditionen heranbilden müssen. So weit, so gut. Aber wieder ist die Sache komplizierter. Ausklammern oder totschweigen hilft nichts – und funktioniert offenbar auch gar nicht. Und der Ruf nach der Eigentradition der Bundeswehr, der auch jetzt wieder als Patentlösung aufgetischt wird, ist zwar richtig und dringlich. Die Wehrmachtfrage ist damit aber nicht vom Tisch. Also ertönt der Ruf nach Überarbeitung des noch immer gültigen Traditionserlasses von 1982. Darin steht zu lesen, die Wehrmacht sei im Dritten Reich „teils schuldhaft verstrickt, teils schuldlos missbraucht“ worden. Das war eine Kompromissformel. Unter dem Eindruck der sogenannten Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung ging Verteidigungsminister Volker Rühe darüber hinaus. Er stellte fest: „Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen.“ (BT-Debatte, 13. März 1997) Bei der Würdigung einzelner Soldaten dürfe man sich „nicht auf rein militärische Haltungen und Leistungen beschränken.“

Verbunden mit weiteren zeitgemäßen Bewertungen müsste man damit leben können. Doch sollte das wirklich alles gewesen sein, wenn wir in etlichen Monaten (oder Jahren?) eine Neufassung des Erlasses lesen können? Oder ist auch das zu eng gedacht und zu kurz gesprungen? Der BundeswehrVerband (Die Bundeswehr, Juni 2017) ist auf einer richtigen Fährte, wenn er anstelle von neuerlichen Bestandsaufnahmen und Lagefeststellungen betont, die Bundeswehr habe kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Fehlentwicklungen und Handlungsbedarf sind bekannt. Und bekannt sind auch die fälligen Maßstäbe – der Bedarf an Zeit und an Orientierung. Das sind die entscheidenden Voraussetzungen, um auch der lahmenden politischen und historischen Bildung in der Truppe auf die Sprünge zu helfen. Damit wäre viel gewonnen. Und doch – der Knackpunkt liegt tiefer! Nicht nur die Sensibilitäten, die mit der Traditionsfrage verbunden sind, auch die Emotionen, die der forsche Umgang mit der Truppe hervorrief und die Beunruhigungen, die die jüngsten Übergriffigkeiten unter Soldaten auslösten, weisen in eine andere Richtung. Gewiss, die Rahmenbedingungen müssen stimmen (das tun sie nicht!), aber es muss eine Selbstverständigung hinzukommen, was es bedeutet, hier und heute Soldat zu sein.

Stellt man die Frage so, sind die Skandale und Aufregungen nur die Spitze des Eisbergs. Der Abschied von der Wehrpflicht, die Öffnung für Bewerber, die häufig „arbeiten, aber nicht dienen wollen“ (wie ein Oberstabsfeldwebel sagte), das Übersoll an Management und Bürokratie, die veränderte sicherheitspolitische Landschaft, die Vielschichtigkeit der laufenden Einsätze und Missionen – alles das wirft Fragen nach dem Soldatenbild auf. Wie kann man den außerordentlichen Anforderungen gerecht werden? Welche bundeswehrgemeinsame innere Ausstattung ist notwendig, um sich nicht zu verzetteln oder auf dem kleinsten Nenner des Spezialisten oder des Nur-Soldaten zurückzuziehen?

Neben den vielen Trendwenden, die in jüngster Zeit verkündet worden sind, muss eine weitere erwähnt werden: Soldat zu sein, ist kein Beruf wie jeder andere. Das hatte der damalige Verteidigungsminister de Maizière vor einigen Jahren in dankenswerter Deutlichkeit gesagt. 

Jetzt aber geht es darum, diese Feststellung – und auch den Slogan „Wir.Dienen.Deutschland.“ – positiv zu füllen. Die Bereitschaft, mit dem Leben für den Auftrag einzustehen, die Verpflichtung zu Tapferkeit und Treue (siehe Eidesformel), der Dienst an der Gemeinschaft – das alles sind Selbstverpflichtungen, die über das normale Maß moralischer Pflichten hinausgehen. Aus diesem Grund und keinem anderen entwickeln Soldaten ein eigenes Berufsethos, das über die bloße Rechtsbefolgung, Gehorsam oder Disziplin hinausweist. Um das zu verdeutlichen, werden in der Regel die militärischen Tugenden aufgeführt. Zum Soldaten gehören die Tapferkeit, die Treue, die Kameradschaft und manches andere. Im Zentrum aber steht ein Ehrverständnis, das signalisiert, was man als Soldat tut und was man nicht tut. Wie man sich verhält, auch wenn keiner zusieht. Das Berufsethos ist ein professionelles Leitbild, das uns zum Wächter unserer selbst macht. Nichts anderes ist übrigens mit dem Kerngehalt der Inneren Führung gemeint. Dazu gehören zwei weitere Bestimmungen. Dieses Ethos gründet nicht in persönlichen Loyalitätsbeziehungen (wie der unselige Eid auf Hitler), und es gilt nicht aus sich selbst. Maßstab sind Recht und Freiheit. Erst sie geben den militärischen Tugenden Rang, Einfluss und Bedeutung.

Aus dem Berufsethos bezieht der Soldat seine Würde und den Anspruch auf Wertschätzung. Aber ein Ethos ist kein Defensivinstrument und kein Vorwand für Dauerklagen. Im Gegenteil, es ermutigt dazu, „bei der Sache zu bleiben“, die Stimme zu erheben, sich einzumischen und Übergriffigkeiten – seien sie von oben, seien sie im eigenen Umkreis – entgegenzutreten.

Die Bundeswehr als Gewaltorganisation mag (und muss) ein „Instrument der Politik“ sein. Der Soldat ist es nicht. Er ist Staatsbürger, Person, Subjekt und Partner. Wenn er dies ausschlägt, riskiert er, der Wertschätzung verlustig zu gehen. War das mit den Soldaten der Wehrmacht so gänzlich anders? Der Wegweiser durch die komplizierten und differenzierten Fragen der deutschen Militärtradition liegt in einem wachen Bewusstsein für das Ethos des eigenen Berufs. Leistungen können wir bewundern, von Fähigkeiten können wir lernen, aber militärische Vorbilder bieten mehr als das. Wie sagte doch Prinz Friedrich Karl von Preußen zu seinen Offizieren: „Herr, dazu hat Sie der König zum Stabsoffizier gemacht, dass Sie wissen müssen, wann Sie nicht zu gehorchen haben.“

Dr. Klaus Naumann, Militärhistoriker am Hamburger Institut für Sozialforschung, ist Mitglied des 14. Beirats für Innere Führung des Verteidigungsministeriums.

 

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