Soldaten an der Führungsakademie erwarten eine Rede von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. (Archivfoto: dpa)

Soldaten an der Führungsakademie erwarten eine Rede von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. (Archivfoto: dpa)

29.06.2017
DBwV

„Tradition lässt sich nicht verordnen“

Kaum jemand befasste sich intensiver mit der Führungskultur in der Bundeswehr als er: Generalmajor a.D. Hans-Christian Beck war sechs Jahre lang Kommandeur des Zentrums Innere Führung und vier Jahre Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr. „Die Bundeswehr“ befragte ihn zu den Vorfällen der vergangenen Wochen und zum Berufsbild des Soldaten.


Die Bundeswehr: Haben die Schlagzeilen der vergangenen Wochen und die Affäre um Oberleutnant Franco A. Sie überrascht?

Generalmajor a.D. Hans-Christian Beck:  Der äußerst dramatische Vorfall um Oberleutnant Franco A. und seiner Komplizen in der Verbindung von rechtsradikalem Denken, Diebstahl von Munition und der Identitätsverschleierung zur Vorbereitung terroristischer Verbrechen haben mich in der Tat überrascht.

Parallel dazu im gleichen Zeitraum begangene Dienstvergehen Einzelner, die Schlagzeilen machten, sind von dieser Affäre streng zu trennen. Sie sind durch die Disziplinarvorgesetzten der jeweiligen Führungsebenen in kluger Anwendung der Wehrdisziplinarordnung und des Wehrstrafgesetzes streng zu ahnden bis gegebenenfalls hin zur Entfernung aus dem Dienst.
 
Was könnte aus Ihrer Sicht schiefgelaufen sein bei der Ausbildung und vor allem bei der Wertevermittlung?

Es muss nicht immer etwas in der Ausbildung schiefgelaufen sein. Infolge permanenter Umstrukturierungen, Standortverlegungen, neuartiger Auslandseinsätze, Streichung von Planstellen in den Referaten des Ministeriums, an Ausbildungseinrichtungen und Schulen, die mit der Führungskultur und -philosophie „Innere Führung“ zu tun hatten, bleibt Vieles auf der Strecke wie zum Beispiel auch „Historische und Politische Bildung“, wie auch die Vermittlung von Werten. Erhält das Lehrpersonal die entsprechende Schulung oder lehrt es durch Handauflegen? Wir denken zu sehr in Strukturen, Organisationsformen, technischen Vorgängen – die Streitkräfte bestehen aber aus Menschen!

Werte lassen sich nur schwer im Unterricht vermitteln. Vielmehr gilt es, sie glaubhaft in täglichen Dienstbetrieb vorzuleben.

An der Führungsakademie werden die mi­li­tärischen Spitzenkräfte von morgen ausgebildet. Welcher Aspekt war für Sie als früherer Kommandeur der wichtigste unter den Inhalten, die Sie vermittelt haben?

Ein Berufsbild zu vermitteln und vorzuleben, in dem sich alle Stabsoffiziere unabhängig von Teilstreitkraft, Funktion und Aufgaben wiederfinden können, bestehend aus den entscheidenden fünf Inhalten: Ethik und Moral, Professionalität, Bildung, Menschenbild mit Menschenführung, Weltoffenheit.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Vermittlung dieses Berufsbildes auch das Bestreben aller Kommandeure war und ist.

Welche Rolle spielt die Vermittlung von Tradition in der Ausbildung?

Die Vermittlung von Tradition und die Traditionspflege ist vor allem die Aufgabe der Kommandeure und Einheitsführer. Sie sind ebenso verantwortlich für „Politische und Historische Bildung“ und dafür, dass sich ihre Soldatinnen und Soldaten mit der Geschichte beschäftigen und ihr Bewusstsein schärfen, welche Einstellungen, Haltungen und Taten als beispielgebend betrachtet werden können.

Tradition lässt sich aber nicht verordnen, sie muss sich bilden und es gilt, sie mit Klugheit und Verstand zu gestalten.

Von Anfang an gab es zwei Anknüpfungspunkte für unsere Streitkräfte: die „Preußischen Reformen von 1808/1818“ und den „Widerstand vom 20. Juli 1944“. Nach über 60 Jahren des Bestehens der Bundeswehr hat sich eine eigene Tradition entwickelt. Hier halte ich es mit Theodor Fontane: „ Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“

Die Lehrgangsteilnehmer an der FüAk sind bereits berufserfahren und zählen zu den Leistungsbesten. Was treibt diese Soldaten Ihrer Meinung nach an, auch die nächsten Karriereschritte zu tun?

Der Offizierberuf ist ein Karriereberuf. Die Leistungsbesten wissen, dass herausfordernde Verwendungen auf sie warten, wie etwa in der Truppe und in nationalen und multinationalen Stäben, im Ministerium und in vielen Verwendungen im Ausland. Sie zeichnen sich durch hohe Leistungsbereitschaft aus, Ehrgeiz, Fleiß, Leidenschaft und Neugierde; sie wollen Verantwortung tragen und melden ihren Führungsanspruch an. Den Wandel, den Zweifel, das Widersprüchliche, Risiken und Unsicherheiten begreifen sie als Chance und wesentliche Leistung, Streitkräfte elastisch zu halten, rasch veränderungsfähig und geistig wendig für den permanenten Wandel.

Im erweiterten Aufgabenspektrum der Streitkräfte, in Einsätzen in  Krisen- und Konfliktgebieten finden sie Bewährung und Bestätigung und nehmen ihre Aufgaben unter hohen persönlichen Belastungen auf sich. Sie wissen, dass der Dienstherr viel in sie investiert, sich aber im Laufe der Zeit alles wieder zurückholt.

Hatten Sie den Eindruck, dass alle Lehrgangs­teilnehmer das gleiche berufliche Selbstverständnis hatten oder gab es da Unterschiede?

Es gilt zu unterscheiden zwischen Berufsbild und dem beruflichen Selbstverständnis. Während das Berufsbild als eine vorwiegend von außen definierte Beschreibung verstanden wird (Berufsethos, geistige, praktische Anforderungen, Einstellungen, Haltungen etc.), kommt dem Begriff des beruflichen Selbstverständnisses die Funktion der individuell gewählten Verortung in einem Gesamtsystem zu. Selbstverständnis ist dabei die Aussage eines Individuums über das Verhältnis zum vorgegebenen Berufsbild, wie sich der Berufsinhaber (hier der Soldat) mit seinen Einstellungen, Eigenschaften, Fertigkeiten, aber auch Erwartungen, vor allem an den politischen Auftraggeber, die militärische Führung und die Gesellschaft, sieht. Im Idealfall ergeben Berufsbild und Selbstverständnis eine möglichst große Schnittmenge. Über das Berufsbild sollte Konsens bestehen, im beruflichen Selbstverständnis ergeben sich durchaus Unterschiede, was aber auch ganz natürlich ist. Anders ausgedrückt: Wir gehen alle auf dem gleichen Weg mit dem gleichen Ziel, miteinander und doch nebeneinander, jeder auf eigenen Füßen.

Gibt es nach Ihrer Erfahrung möglicherweise Offiziere, die trotz ihrer Berufserfahrung und langen Dienstzeit noch einen Kompass oder eine spezielle berufliche Identifikation suchen?

Trotz langjähriger Berufserfahrung beschäftigt uns alle immer wieder die Suche nach dem Sinn unseres Berufes – und das ein Leben lang. Unaufrichtig sind diejenigen, die behaupten, bereits alle Antworten gefunden zu haben. Wir alle suchen ständig nach beruflicher Identifikation, müssen Zweifel ausräumen und auch Rückschläge hinnehmen und unseren inneren Kompass immer wieder neu justieren.

Neue Herausforderungen, wechselnde und ungeahnte Aufgaben, sich auf Risiken und Gefahren einzustellen, machen diesen Beruf so interessant, der aber auch ein scharfes Ende haben kann, die Verantwortung über das Leben Anderer und den Verlust des eigenen Lebens.

An der Führungsakademie werden auch internationale Lehrgangsteilnehmer ausgebildet. Was kennzeichnet das spezifisch deutsche soldatische Berufsethos und was können deutsche Offiziere von ihren internationalen Kameraden im Hinblick auf Tradition und Führungskultur lernen?

Das geistige Fundament der Bundeswehr mit dem Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ und unserer Führungskultur und -philosophie der „Inneren Führung“ zählt zu den kreativsten und innovativsten politischen Neuerungen, die während der 50er Jahre in der Bundesrepublik geschaffen worden sind. Diese Führungskultur stellt sich als ein rein deutscher Weg dar und unterscheidet uns auch von Streitkräften westlicher Demokratien wie auch die bereits aufgezeigten Traditionslinien.

In der multinationalen Zusammenarbeit können wir viel lernen. Was mir aber als viel wichtiger erscheint, ist, dass unser Führungspersonal über Kenntnisse der Führungskulturen, Traditionen, historischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Gewohnheiten der jeweiligen Bündnis- und Partnerländer verfügt, damit sich einschätzen und verstehen lässt, warum der internationale Partner so und nicht anders handelt. Zusätzlich gilt es, bereit zu sein zu Dialog und Kompromiss, vor allem aber auch die Bereitschaft aufzubringen, mit Unterschieden zu leben.

Wenn Sie in einem Satz zusammenfassen müssten, was „Soldat sein heute“ bedeutet, wie würde der lauten?

„Soldat sein heute“ – vor allem als Vorgesetzter – erfordert eine charakterstarke und in der Urteilskraft gefestigte militärische Persönlichkeit, die als der „stille Profi“ mit den Qualifikationen intelligent, robust und teamfähig ausgestattet ist, die von der politischen und ethischen Dimension des militärischen Auftrages überzeugt in Krisensituationen und im bewaffneten Konflikt unter hohem psychischen und physischem Druck Soldaten sicher führen kann und dabei den Auftrag mit möglichst geringen Verlusten erfüllt und von der Gewissheit getragen ist, einen Beruf auszuüben, der dem Gemeinwohl dient.