Bishan Shayan: Er wollte seiner alten Heimat ein kleines Stück Frieden zurückgeben Foto: DBwV

Bishan Shayan: Er wollte seiner alten Heimat ein kleines Stück Frieden zurückgeben Foto: DBwV

08.02.2017
mkl

"Ich habe keine Hoffnung für Afghanistan"

Bishan Shayan ging als militärischer Sprachmittler mit der Bundeswehr zurück in sein Geburtsland Afghanistan. Nach drei Einsätzen vor Ort ist er schwer enttäuscht – und glaubt nicht mehr an einen Erfolg der Mission. 

Manchmal kommt die Hoffnung in Form eines Schoko-Nikolauses. Fest umklammert hält ihn der Junge vor der Brust, mit beiden Händen, als wolle er sagen: Den gebe ich nicht mehr her. Seine Jacke – einst muss sie rot oder orange gewesen sein – starrt nur so vor Dreck, an seinem Kinn ist eine frische Wunde zu erkennen. Trost spenden an diesem kalten Wintertag irgendwo in Afghanistan nur die Soldaten der Bundeswehr mit den Süßigkeiten, die sie gerade an die Kleinen verteilt haben.

Das Foto, das diesen Moment festgehalten hat, stammt aus Bishan Shayans erstem Einsatz als militärischer Sprachmittler der Bundeswehr im Winter 2011. Damals glaubte er noch, dass er als gebürtiger Afghane mithelfen könnte, seiner alten Heimat ein kleines Stück Frieden zurückzugeben. 
Genau fünf Jahre und zwei weitere Einsätze später sitzt Shayan auf dem Sofa in seiner Wohnung bei Stuttgart und kämpft mit den Tränen. Er ist ermüdet und jeder Hoffnung für Afghanistan beraubt. Die Einsätze, in die er so engagiert gestartet war, haben ihre Spuren hinterlassen.

Über viele Dinge, die ihm widerfahren sind, möchte er nicht reden. Die Erinnerungen wühlen ihn zu sehr auf. Seine Frau sagt nur: „Er ist nicht mehr der, der er vorher war.“ Shayan ist enttäuscht. Von den Af­ghanen. Und von der Bundeswehr. Aber der Reihe nach.

Zwei verschiedene Welten


2001 kommt Bishan Shayan mit seiner ganzen Familie nach Deutschland, er ist 17 Jahre alt. Nur ein Jahr später steigt die Bundeswehr in die internationale ISAF-Mission in Afghanistan ein. „Als ich von dem Einsatz hörte, war mir sofort klar, dass die Soldaten ohne Kenntnis der Sprache und Kultur nicht weiterkommen“, sagt Shayan heute. Doch zunächst kann er nichts unternehmen – er hat noch keine deutsche Staatsbürgerschaft. 2009 bekommt er diese verliehen und legt sofort Prüfungen beim Bundessprachenamt ab.

In zwei „Crashkursen“, wie er es selbst nennt, lässt er sich zum Soldaten ausbilden. 2011 landet er als Feldwebel schließlich mit der Bundeswehr im Camp Marmal. „Ich war voller Vorfreude, vielleicht ein bisschen euphorisch“, erzählt er. Doch als er die Zustände vor Ort sieht, schleichen sich ganz andere Gefühle ein – Zweifel, Verbitterung, Angst. „Wir kamen dorthin, damit sich etwas ändert.“ Bald dämmerte ihm jedoch, dass die Verhältnisse im Land, die Korruption, diese Hoffnung aussichtslos machten.

Das spürt er wohl deutlich stärker als die übrigen Soldaten. Sein Job ist es schließlich, nicht nur zu übersetzen, sondern auch kulturell zu vermitteln. Er berät das Lagezentrum, arbeitet im Team des Kommandeurs und pflegt die Kontakte zur afghanischen Regierung. Das ist mitunter gar nicht so einfach, ein unbedachtes Wort, eine falsche sprachliche Wendung kann sofort zum Eklat führen. „Deutsche und afghanische Gedanken sind zwei verschiedene Welten. Als Sprachmittler, als Brückenbauer zwischen zwei Kulturen, muss ich mir überlegen: Wie übersetze ich das, damit es nicht beleidigend ist?“, sagt Shayan.

Um die besondere Bedeutung der Sprachmittler weiß auch der DBwV. Klaus-Hermann Scharf, Vorsitzender des Fachbereichs Zivile Beschäftigte, sagt: „Sprachmittler sind ein unentbehrlicher Bestandteil der Einsatzarmee Bundeswehr. Sie übersetzen nicht nur, sondern kennen auch die dortige und unsere Kultur. Somit tragen sie zur Vorbeugung von Missverständnissen zwischen der einheimischen Bevölkerung und unseren Kameradinnen und Kameraden bei.“

Verräter in den Augen der Afghanen


Mit seiner Zelle bereist Shayan den kompletten Norden Afghanistans, er kommt nach Faizabad, Kundus und natürlich immer wieder Masar-e-Sharif. Er sucht den Kontakt zu den Einheimischen, er kann sich verständlich machen, ist – zumindest ein bisschen – ja einer von ihnen. Doch Shayan spürt mehr und mehr, dass seine Hilfe gar nicht erwünscht ist. Im besten Fall schlägt ihm Desinteresse entgegen. Im schlimmsten Fall sind es Drohungen. „Für die Afghanen sind wir Verräter“, sagt Shayan.

Und das lassen ihn die Einheimischen spüren. Nicht offen, aber latent. Wenn er sich umdreht, hört er häufig ein Raunen: „Wir kriegen euch! Wir lassen euch nicht in Ruhe!“ Hinter ihm stehen dann zehn Männer, unmöglich zu sagen, wer das war. Es müssen noch andere, schlimmere Dinge vorgefallen sein, doch darüber schweigt er.

Aus heutiger Sicht klingt es fast unvorstellbar, dass Shayan zu dieser Zeit, also während seines ersten Einsatzes, nicht bei der Bundeswehr angestellt ist. Er gilt als Reservist, von seiner zivilen Arbeit ist er nur freigestellt. Er fängt an, seine Kollegen im Einsatz zu fragen: Wie ist das bei euch? Er stellt fest: Die meisten der 50 militärischen Sprachmittler haben nur befristete Verträge bis zum Ende des Mandats. „Ich habe spontan gesagt: Das kann doch wohl nicht sein!“ Denn wenn das Mandat endet, fällt der Job weg. Eine Berufsförderung wie für Soldaten auf Zeit ist nicht vorgesehen. Läuft es schlecht, stehen die Sprachmittler also vor dem Nichts.

Damit will sich Shayan nicht abfinden. Wenn er schon seine Gesundheit riskiert, möchte er wenigstens eine anständige Perspektive bekommen. Während seines ersten Einsatzes lernt er bei einer seiner Reisen Hauptmann Andreas Steinmetz kennen, den Stellvertreter des Bundesvorsitzenden des DBwV. Die beiden tauschen sich aus und beschließen, dass sich der Verband aktiv für die Belange der Sprachmittler einsetzen soll.

Die Forderung des DBwV: Die Sprachmittler sollen als Soldaten auf Zeit eingestuft werden. „Sie unterliegen der gleichen Gefährdung für Leib und Leben wie andere Soldatinnen und Soldaten. Da ist es aus sozialen und moralischen Gründen nur konsequent und gerecht, dass sie dem gleichen Status unterliegen wie die meisten von ihnen, für die sie tätig sind – und der heißt SaZ“, sagt Scharf.

Die Initiative übernimmt Bishan Shayan selbst. Zusammen mit Scharf und zwei anderen Sprachmittlern trifft er sich mit Abgeordneten, die Gruppe spricht im Verteidigungsausschuss vor.  „Wir haben gesagt: Wir brauchen eine Zukunft, es kann nicht sein, dass wir nach Ende des Einsatzes auf der Straße stehen“, berichtet er.

Als es nicht voran geht, schreibt er persönlich an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Er hat den Schriftverkehr sauber abgeheftet, die Ordner liegen in seiner Wohnung immer griffbereit im Regal. Denn eine Lösung des Konflikts ist noch nicht in Sicht.
Zwar gibt es inzwischen eine Art Kompromiss: Die ausscheidenden Sprachmittler sollen per Selbstverpflichtung der Bundeswehr als Soldaten oder in zivile Tätigkeiten integriert werden. Ist das nicht möglich, sollen sie im öffentlichen Dienst weiterverwendet werden. Bei den bislang 17 ausgeschiedenen Sprachmittlern – sie wurden nach dem Auslaufen der ISAF-Mission nicht mehr benötigt – hat das gut funktioniert, auch wenn am Ende nur fünf in der Bundeswehr blieben. Auch eine Berufsförderung ist jetzt vorgesehen.

Mit dem Thema Afghanistan abgeschlossen


Die Kernforderung hält der DBwV aber weiter aufrecht und fordert eine Einstellung als SaZ. Denn eines ist klar: Sobald die aktuelle Mission Resolute Support ausläuft, werden wohl auch die restlichen 33 Sprachmittler ohne Arbeit sein. Besser als ein Kompromiss wären in jedem Fall klare Regeln für die Einstellung und Weiterverwendung.

Immerhin: Für die zwei weiteren Einsätze in Afghanistan 2012 und 2013 erhielt Shayan befristete Verträge. Inzwischen arbeitet er als Verfahrenstechniker für Beschichtungs- und Werbetechnik, er kümmert sich um die Lackierung der Flugzeuge der Bundeswehr. Weitere Einsätze in Afghanistan kommen für ihn nicht infrage. „Ich habe keine Hoffnung für das Land. Ein kompletter Abzug würde zu einem Bürgerkrieg wie in den 1990er Jahren führen“, prophezeit er.

Auch eine zivile Arbeit kann er sich in Afghanistan nicht mehr vorstellen. Zu korrupt sei das Land, zu gefährlich. Und dann ist da ja auch noch seine Familie, die schon seine Einsätze ablehnte. Und sich nun bestätigt sieht. „Vorher hatte er ein positives Bild von Afghanistan. Das hat sich komplett geändert“, sagt seine Frau. „Wie sehr einen ein solcher Einsatz mitnimmt, merkst du erst nach der Rückkehr“, sagt er selbst.
Nein, mit dem Thema Afghanistan scheint Bishan Shayan abgeschlossen zu haben. Nicht aber mit seinem Engagement für die Belange der Sprachmittler. Denn, da ist er sicher: „Ohne unsere Arbeit wäre der Einsatz nicht möglich“.

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