09.10.2015
ch

„Es gibt keinen Tag im Jahr, an dem nicht eines unserer Teams im Einsatz ist“

DBwV-Mitglied Stabsbootsmann Maurice Orben berichtet aus seinem Einsatzalltag als Boardingsicherungsteamführer bei ATALANTA.

Das erste Mal bin ich mit meinem Team 2011 in den ATALANTA-Einsatz gegangen. Im April werden wir nun zum vierten Mal dort sein. Dann bin ich innerhalb von drei Jahren vier Mal im Einsatz gewesen.“

Stabsbootsmann Maurice Orben kam erst spät zur Marine. Beim Heer war er zunächst Panzergrenadier. Seine Einsätze führten ihn damals in den Kosovo und nach Afghanistan. 2010, Orben hatte die 40 schon überschritten, wechselte er zur Marine in die Boardingkompanie. „Mich hat die Möglichkeit gelockt, nach einer langen Zeit beim Heer eine komplett andere Tätigkeit auszuüben, gleichzeitig aber Soldat zu bleiben. Mein Aufgabenfeld ist jetzt so speziell und dabei doch so weit gefächert, wie ich es zuvor noch nicht erlebt hatte. Es ist aber auch eine persönliche Herausforderung, die ich sehr gerne angenommen habe und die mir einfach nur Spaß macht. Ich würde das wieder tun – unter den alten Voraussetzungen. Unter den neuen Voraussetzungen nicht!“, sagt der Boardingsicherungsteamführer, der auch für die Aus- und Weiterbildung der Scharfschützen verantwortlich ist.

Mitglied im Deutschen BundeswehrVerband zu sein, ist für Maurice Orben Überzeugungssache: „Jeder muss diese Frage für sich beantworten: Mitglied oder Trittbrettfahrer? Letztlich profitieren ja alle Bundeswehr-Angehörigen von der Arbeit des Verbandes, meine Antwort ist trotzdem eindeutig: Mitglied. Der Verband vertritt unsere gemeinsamen Interessen in einer Weise, wie es jeder einzelne von uns allein nicht könnte. Das beginnt bei der Vereinbarkeit von Familie und Dienst und hört bei der Verringerung der Einsatzbelastung noch lange nicht auf.“

Vier Mal in drei Jahren in den Einsatz zu gehen, empfinden Orben und „seine Jungs“ als zu viel. Ursprünglich sollte es nur alle zwei Jahre sein. Dass Einsatz aber nicht gleich Einsatz ist, weiß er auch: „ATALANTA ist nicht mit dem Einsatz in Afghanistan gleichzusetzen. Ich war da. Solange Kameraden in der Wüste stehen, dort beschossen werden und Leib und Leben durch Sprengfallen riskieren, tue ich mich schwer, die bewaffnete Seefahrt als gleichwertigen Einsatz zu sehen.“ Qualitativ und vor allem vom Gefährdungspotenzial her sei das ein massiver Unterschied. „Für meine Frau sind meine Einsätze leichter zu ertragen, seit ich auf See bin. Sie weiß: Das Übelste, was dort unterwegs ist, bin ich mit meinen Jungs“, sagt der Stabsbootsmann mit einem Augenzwinkern.

Schwer zu ertragen bleibt aber die Abwesenheit von zu Hause. Orbens letzter Einsatz dauerte fünf Monate – fünf Monate auf engstem Raum, in Vier- bis Zwölf-Mann-Kabinen, ohne Privatsphäre. „In so einem grauen Stahlkoloss und das Ganze bei Seegang und 30 Grad Innentemperatur – da werden fünf Monate sehr, sehr lang.“ Auch der Kontakt nach Hause ist auf See schwierig. E-Mails werden oft nur alle paar Tage abgerufen, auch das Telefonieren ist bei 200 Mann an Bord und nur einer Leitung eher selten möglich. Alle drei Wochen, wenn das Schiff einen Hafen wie Djibouti anläuft, gibt es Telefoncontainer. Internet und Skype sind aber auch dort Fehlanzeige.

Ist Orbens Boardingkompanie im Einsatz gefordert, muss es schnell gehen: „Wenn sich unserer Fregatte ein Fahrzeug nähert oder unsere Unterstützung angefordert wird, dann sind wir im Prinzip die Feuerwehr. Wir machen uns klar, bewaffnen uns bis an die Zähne und überprüfen das Ganze. Zunächst durch Gesprächsaufklärung, wir fragen: Wo kommt ihr her, was macht ihr hier, was fischt ihr denn? Und dabei machen wir gleichzeitig einen auf „Show of Force“. Stellen wir im Rahmen einer Durchsuchung fest, dass mehr als eine Waffe an Bord ist, nehmen wir die Verdächtigen fest, dokumentieren alles und leiten es zur weiteren Bearbeitung an die Fregatte weiter.“

September 2011, Katamaran „Tribal Kat“ unter französischer Flagge. Ein Ehepaar umsegelt die Welt, entgegen aller Vernunft auch entlang der ostafrikanischen Küste. An einem späten Nachmittag dann plötzlich ein Hilferuf über den Seenotrufkanal der Fregatte „Bayern“. „Ich hörte zusammen mit der Brückenbesatzung die angsterfüllte Stimme einer Frau, die immer wieder sagte: Sie kommen, wir werden angegriffen!“, erinnert sich Orben. „Wir liefen sofort mit voller Kraft in Richtung Yacht. Als wir den Katamaran in den frühen Morgenstunden erreichten, trieb er ohne Fahrt auf See. Ich konnte durch das Zielfernrohr Einschusslöcher ausmachen.

Nach Warnschüssen setzte mein Team über. Wir fanden sehr viel Blut, auch diverse Patronenhülsen, aber keine Personen. Die Feldjäger übernahmen, machten ihren Job und sicherten Beweise. Später erfuhren wir, dass die Frau, die uns gerufen hatte, von Piraten auf einem Skiff als Geisel gehalten wurde, bevor sie von Kameraden einer spanischen Fregatte befreit werden konnte. Ihr Ehemann war beim Entern der Yacht von den Piraten erschossen und über Bord geworfen worden.“

Erinnerungen wie diese lassen Orben nicht los. Dennoch geht er mit „seinen Jungs“ im April wieder in den Einsatz. Anschließend allerdings wird seine Kompanie aufgelöst. „Und das, obwohl diese Kompanie immer im Einsatz steht. Immer. Es gibt keinen einzigen Tag, an dem nicht eines unserer Teams im Einsatz ist.“ Stabsbootsmann Maurice Orben wird dann als Scharfschützenzugführer im Seebataillon eingesetzt. „Aber ich wäre wirklich gern so lange in der Boardingkompanie geblieben, bis ich irgendwann festgestellt hätte, dass das Fastropen nicht mehr klappt.“