Die Vorderseite einer Karte von Ernst Neugebauer aus französischer Gefangenschaft an seine Frau Marie vom 1. April 1947. Quelle: Museumsstiftung Post und Telekommunikation / Inventarnummer: 3.2011.5059.10

„Die Sehnsucht nach meinen Lieben brennt unvorstellbar in meinem Herzen“

Deutsche Kriegsgefangenenpost im Zweiten Weltkrieg

Der Mann, der seinem Heimweh mit diesen Worten Ausdruck verleiht ist Lothar Mäge. Er schreibt seiner Ehefrau Friede 1948 aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft in Archelanks. Seine Karte geht ins Erzgebirge, in den damaligen sowjetischen Sektor. Mäge ist einer von gut 11 Millionen deutschen Soldaten, die zwischen 1939 und 1945 in Kriegsgefangenschaft gerieten. Etwa 7,5 Millionen waren in Lagern der Alliierten interniert. Über 3 Millionen mussten die sowjetische Kriegsgefangenschaft durchlaufen. Die Soldaten der Wehrmacht und SS konnten mit Karten, Briefen oder Paketen Kontakt zu den Liebsten in der Heimat halten. Eine digitale Ausstellung vom Museum für Kommunikation zeigt Ausschnitte aus diesen Korrespondenzen. Alle Briefe und Karten in dieser Reportage finden Sie auch hier.

Grenzen des Sagbaren

Natürlich unterlagen Briefe und Karten der Soldaten der Zensur. Ob und wie gründlich diese angesichts einer nicht allerorts üppigen Personallage immer griff, sei dahingestellt.

Gefangen bei den Alliierten

In der Regel konnten die Männer monatlich zwei bis vier Karten oder Briefe in die Heimat verschicken. Angesichts eines mitunter sechs Wochen dauernden Postweges, waren diese bei ihrer Ankunft nicht immer aktuell. Doch sie geben Einblicke in den Alltag der Gefangenen. Ernst Neugebauer schreibt 1948 aus einem Kriegsgefangenenlager im französischen Metz an Mutter und Schwestern in Goldberg: „Wir können uns jetzt ziemlich frei bewegen, man kann in dieser Beziehung nicht klagen. Auch die Verpflegung ist ausreichend, wenn auch eintönig. Ich will nachher noch ein wenig zum Sportplatz. Heute früh hatte ich eigentlich vor in die Kirche zu gehen aber leider habe ich es verschlafen.“

Genau ein Jahr zuvor klagt Neugebauer noch über die Arbeit als Holzfäller, die ihm nicht liegt und die er gegen eine andere Arbeit eintauschen will: „Augenblicklich mache ich Anstrengungen um Zivilarbeiter zu werden. Übermorgen werde ich Gelegenheit haben mich bei einem Radiohändler vorzustellen. Ich habe mich noch an einer anderen Stelle beworben falls ich mit dem ersteren nicht einig werde. Im Wald möchte ich halt den Winter nicht gerne bleiben und vielleicht kann ich Euch dann auch so in der einen oder anderen Angelegenheit unterstützen. Bis spätestens März soll auch jedem Zivilarbeiter ein 4 wöchiger Urlaub gewährt werden, worauf ich mich ganz besonders freue."

Auch wenn die Lebensbedingungen vielen Briefeschreibern erträglich erscheinen, änderte das freilich nichts daran, dass sie alle die Sehnsucht nach der Heimat quälte und das die Briefe von der Familie ihre Lichtblicke im Lageralltag waren. Lichtblicke, die auch ihre größte Hoffnung weiter befeuern: Endlich freigelassen zu werden und mit Frau, Kindern und Familie wieder vereint zu sein. Das zeigen auch die Briefe des 25-jährigen Obergefreiten der Sanität, Wilhelm Klein. 1946 schreibt er, damals noch in Long Island in den USA, an sein „liebes Frauchen“, er habe Hoffnung nun nach über einem Jahr Gefangenschaft nachhause zu dürfen.

Und das, obgleich die Bedingungen in alliierten Lagern sich bisweilen schwer mit den Vorstellungen vereinbaren lassen, die wir mit Begriffen wie Lager und Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg verbinden. So unternimmt der Gefangene Wilhelm Klein Reisen, nach Exeter und Exmouth, wie ein Brief von 1948 zeigt. Da ist der Krieg immerhin seit drei Jahren vorüber.

Dass deutsche Kriegsgefangene nach ihrer Freilassung in Großbritannien blieben, war keineswegs eine Seltenheit. Das wohl berühmteste Beispiel ist der Fußballer Bernhard Carl „Bert“ Trautmann. Der Fallschirmjäger der Luftwaffe war gegen Ende des Krieges an der Westfront von britischen Truppen gefangen genommen worden. Nach seiner Freilassung 1948 lehnte er ein Angebot für die Rückführung ab und ließ sich in Lancashire nieder. 1949 unterschrieb er einen Vertrag beim englischen Erstligisten Manchester City. Zunächst protestierten etwa 20.000 Menschen dagegen, dass der Club einen früheren deutschen Fallschirmjäger aufstellte. Die Abneigung schlug jedoch bald in Verehrung um. Davon zeugt der liebevoll Spitzname „Traut the Kraut“ und die Statue des Torhüters im Stadtmuseum von Manchester (r.). 1956 wurde er sogar zum Fußballer des Jahres gewählt. Im selben Jahr gewann er mit seiner Mannschaft den FA Cup. Trotz einer schweren Verletzung, die nach dem Spiel als Genickbruch diagnostiziert wurde, spielte er bis zum Ende, um die Führung seines Teams zu retten. Trautmann hütete bis 1964 in 545 Spielen das Tor für Manchester City. Foto. Wikimedia Commons / Oldelpaso

In sowjetischer Gefangenschaft

Die Erfahrungen, die deutsche Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft machten, unterschieden sich deutlich von denen ihrer Kameraden in Frankreich, den USA oder Großbritannien. Schon die Sterberaten in den Lagern im Osten deuten darauf hin - wenngleich mit Blick auf die Sterblichkeitsraten zu bedenken ist, dass viele der Soldaten mit Kriegsverwundungen gefangen genommen wurde, die zum Tode führen konnten. Aber während von den Angehörigen der Wehrmacht und der SS in Gefangenschaft in Frankreich 2,6 Prozent starben, kamen in den Lagern der damaligen Sowjetunion mehr als 34 Prozent der Männer ums Leben. Mit 0,03 Prozent am niedrigsten war die Todesrate in den britischen Lagern. In den amerikanischen lag sie im Schnitt bei 0,2 Prozent. Eine Ausnahme stellen hier die sogenannten Rheinwiesenlager der Alliierten dar. Sie existierten von April bis September 1945 und hier starben etwa 0,5 bis 1 Prozent der Gefangenen, wie Rüdiger Overmans Forschung für das Militärgeschichtliche Forschungsamt zeigt.

Dennoch ist in den Briefen von deutschen Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die in der Ausstellung gezeigt werden, nicht von harter Arbeit, ungenügender Nahrungsmittelversorgung oder mangelhafter Hygiene die Rede. Einerseits, weil auch für Nachrichten aus sowjetischer Gefangenschaft die Zensur galt. Außerdem konnten Gefangene oft nur Kärtchen verschicken, manchmal war sogar die Zahl der Worte vorgegeben. Und drittens: Die Briefe stammen aus der Zeit ab 1947. Zumindes die Essensrationen wurden ab 1947/48 größer. Die teilweise lebensbedrohlich schlechten Bedingungen in den sowjetischen Lagern zu Kriegszeiten mögen auch der prekären Versorgungslage in der gesamten Sowjetunion geschuldet sein. Und dem Umstand, dass man keinen Anlass sah, die Soldaten des Deutschen Reiches, das einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte, gedeihlich zu behandeln. Das änderte sich freilich nach 1945, als die Gefangenen zu politischen Verhandlungsmasse wurde.

Zu erahnen ist aus den Briefen auch die Monotonie des Lagerlebens, der Mangel an Ablenkung, der die Gefangenen in Gedanken zur Familien schweifen lässt. So etwa in den Korrespondenzen des 26-jährigen Gefreite Heinz Schaufler, die an seine Eltern in Neustadt im Schwarzwald gehen. Der Gefreite freut sich über jede Karte, jedes Bild, denn die seien sein „einziger Trost“. Und er hat viel Zeit nachzudenken. „Jetzt erst spüre ich so richtig, wie ich mich mit Euch verbunden bin. Man lernt Euere stete Liebe und Sorgfalt, die Ihr für Euere Kinder aufgebracht habt, schätzen“, schreibt er schwärmerisch. Auch Ludwig Seitz, 1948 gefangen in Lager 7616 in der Sowjetunion, schreibt an seine Familie in Nürnberg lange Briefe. Sie machen deutliche, dass die Gefangenen durch Gespräche die ersehnte Heimat lebendig werden lassen: „An arbeitsfreien Tagen sitze ich mit meinen Landsleuten beisammen und dann wird von zuhause erzählt. Da verschwinden die vielen Kilometer und die Heimat liegt greifbar nahe vor den Augen, ja vor den Augen denn in nächster Minute wird man schon wieder in das trostlose Leben der Gefangenschaft zurückgerufen die scheinbar kein Ende nehmen will.“ Ein Ende hat die sowjetische Kriegsgefangenschaft für die letzten Soldaten der Wehrmacht und SS erst 1955. Die Heimkehrer und nicht die Briefeschreiber waren es denn auch, die von den oft unmenschlichen Bedingungen in den sowjetischen Lagern berichten konnten - oder noch deutlich von ihnen gezeichnet waren.