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Im Kampf gegen Waffenschmuggel: „Frühmorgens sind wir dann an Bord“

Am 4. August legte die Fregatte F 220 „Hamburg“ vom Pier im Marinestützpunkt Wilhelmshaven ab, um für knapp fünf Monate an der EU-Mission „Irini“ teilzunehmen. Foto: Bundeswehr/Leon Rodewald

02.10.2020
Von Ansgar Haase, dpa

Im Kampf gegen Waffenschmuggel: „Frühmorgens sind wir dann an Bord“

Seit August ist die Fregatte „Hamburg“ mit rund 240 deutschen Soldaten an Bord zur Überwachung des Waffenembargos gegen Libyen im Mittelmeer im Einsatz. Die Besatzung wird vermutlich bis kurz vor Weihnachten, wenn das Schiff planmäßig am 20. Dezember wieder in Wilhelmshaven einläuft, keinen physischen Kontakt zu anderen Menschen haben dürfen: Angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie ist nicht damit zu rechnen, dass es bei Hafenaufenthalten der „Hamburg“ normale Landgänge geben könne. Das sagte Kommandant Fregattenkapitän Jan Fitschen (42) im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur und berichtete dabei auch über den Boarding-Einsatz Anfang September auf einem Tanker aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Herr Kapitän, Ihnen und Ihrer Mannschaft ist es vor kurzem gelungen, einen Verstoß gegen das Waffenembargo gegen Libyen zu verhindern. Wie ist es dazu gekommen?

Fregattenkapitän Jan Fitschen: Wir sind am 9. September damit beauftragt worden, ein Tankschiff mit dem Namen „Royal Diamond 7“ anzufunken, um Daten zur Besatzung, Fracht und zum Reiseverlauf abzufragen. Auf Grundlage der abgefragten Informationen wurde dann von der Verbandsführung entschieden, am nächsten Tag ein sogenanntes Boarding durchzuführen. Frühmorgens sind wir dann an Bord, haben das in den Vereinigten Arabischen Emiraten gestartete Schiff durchsucht und Proben der Tanks genommen. Es hat sich herausgestellt, dass in den Tanks Kerosin war, das unter das Waffenembargo fällt.

Wie ging es dann weiter?

Fitschen: Statt in einem libyschen Hafen, liegt das Schiff jetzt vor der griechischen Insel Agios. Es wurde zunächst durch uns und später durch die italienische Fregatte „Margottini“ dorthin umgeleitet und an die griechischen Behörden zur weiteren Untersuchung übergeben.

Wie hat man sich so ein Boarding vorzustellen?

Fitschen: Beim Boarding wird ein fremdes Schiff zunächst angehalten und dann durchsucht. Es ist ein hochkomplexes Vorhaben. Es geht erst einmal darum, den Kapitän des anderen Schiffes dazu zu bewegen, sich kooperativ zu verhalten und unsere Anweisungen zu befolgen. Das hat er zum Glück gemacht, so dass wir keine weiteren Maßnahmen ergreifen mussten. Anschließend wird das Boarding-Team zur Inspektion auf das andere Schiff gebracht. Wir haben das mit dem Bordhubschrauber gemacht, weil die Wetterbedingungen es nicht zugelassen haben, das Team mit einem unserer Speedboote herüberzubringen.

Hatten Sie ein mulmiges Gefühl, als die Kameraden auf das Schiff sind? Es war ja immerhin das erste Mal, dass im Rahmen der EU-Operation „Irini“ ein solches Manöver durchgeführt wurde.

Fitschen Es gab eine ganze Menge Unbekannte. Wir haben aber die Fahrt von Wilhelmshaven ins Mittelmeer und die ersten Wochen im Einsatzgebiet für viele Übungen genutzt – auch mit dem Boarding-Team und dem Hubschrauber. Vor diesem Hintergrund hatte ich relativ wenig Bedenken. Als es um die Frage ging, ob wir es machen, haben alle Beteiligten direkt den Daumen hoch gezeigt und damit bestätigt, dass sie in der Lage sind, das Boarding durchzuführen.

Noch einmal zum kontrollierten Schiff. Warum zeigt sich ein Kapitän kooperativ, wenn er verbotene Dinge an Bord hat?

Fitschen: Der Kapitän eines Frachtschiffes fährt in der Regel eine Ladung im Auftrag von Dritten von A nach B. Es kann sein, dass ihm gar nicht bewusst war, dass er gerade etwas Verbotenes tut. Hinzu kommt, dass wir von einem Kriegsschiff aus natürlich schon mit gewissem Nachdruck verlangen können, an Bord zu kommen.

Dass Zwischenfälle bei der Operation nicht ausgeschlossen sind, hat sich im Juni gezeigt. Damals wurde eine französische Fregatte von einem türkischen Kriegsschiff daran gehindert, ein verdächtiges Frachtschiff zu kontrollieren. Nach französischer Darstellung hat das türkische Schiff damals sogar sein Feuerleitradar auf die Fregatte gerichtet, um ihr mit einem Angriff zu drohen. Befürchten Sie, dass Ihnen so etwas auch passieren kann?

Fitschen: Wir haben diesen Fall im Vorfeld sehr gut aufgearbeitet und wir haben diskutiert, wie wir in einer solchen Situation reagieren würden. Ziel ist natürlich immer, dass eine Lage nicht eskaliert, gleichzeitig der Auftrag aber weiterhin durchgeführt wird. In diesem Spagat gilt es dann, vernünftige Lösungen zu finden. Dass so ein Fall oder eine ähnliche Situation auch bei uns passieren kann, ist nicht auszuschließen.

Von Ländern wie der Türkei wurde der EU vorgeworfen, sich mit dem Einsatz einseitig auf eine Seite der Bürgerkriegsparteien in Libyen zu stellen. Er solle nur Kriegsmateriallieferungen an die Einheitsregierung verhindern, nicht aber an die ihres Gegners, General Chalifa Haftar, hieß es. Freut Sie es ein bisschen, dass sie nun quasi das Gegenteil bewiesen haben, in dem sie eine Lieferung gestoppt haben, die vermutlich an die Haftar-Truppen gehen sollte?

Fitschen: Daran haben weder ich noch meine Besatzung gedacht. Grundsätzlich sind wir hier, um das Waffenembargo gegen Libyen zu kontrollieren. Es freut uns, dass wir mit der „Royal Diamond 7“ zeigen konnten, dass wir das bestehende Waffenembargo durchsetzen wollen und können.

Ein ganz anderes Thema: Wegen der Gefahr einer Einschleppung des Coronavirus dürfen die Soldatinnen und Soldaten derzeit selbst bei den wenigen Hafenaufenthalten nicht an Land. Gibt es schon erste Fälle von Lagerkoller?

Fitschen: Bislang sind wir damit ganz gut umgegangen, aber wir haben natürlich noch nicht einmal Halbzeit. Insofern ist die Frage, wie sich das gerade zum Ende hin entwickelt. Vorteil ist, dass wir uns mental darauf einstellen konnten, dass es so kommen wird. Das war bei anderen Einheiten, die im Einsatz von der Pandemie überrascht wurden, anders.

Denken Sie, dass es bis zum geplanten Ende des Einsatzes am 20. Dezember beim Landgang-Verbot bleibt?

Fitschen: Ich rechne damit, dass echte Landgänge nicht möglich sein werden – und ehrlich gesagt wünsche ich mir auch nicht, dass es dazu kommt. Wenn wir nach einem Hafenaufenthalt einen Corona-Fall hätten, würde das dazu führen, dass das komplette Kontingent nicht mehr einsatzfähig wäre. Diese Gefahr will ich eigentlich nicht in Kauf nehmen.

Gibt es denn in irgendeiner Art und Weise einen Ausgleich für die Kameradinnen und Kameraden? Etwas, was sie eventuell bei diesem Einsatz dürfen, was sie normalerweise nicht dürften?

Fitschen: Wir versuchen, die Hafenaufenthalte so angenehm wie möglich zu gestalten. So organisieren wir zum Beispiel gemeinsame Essen oder Feste. Zudem haben wir es zuletzt geschafft, dass wir Sportanlagen nahe der Piers nur für uns zur Verfügung gestellt bekommen haben. Dort waren wir isoliert, wir konnten aber immerhin ein bisschen die Pier verlassen. Die Bereitstellung einer guten Internetverbindung ist natürlich auch wichtig. Um es zusammenzufassen: Alles, was nicht verboten ist, setzen wir um.

Seine Erholungstage ausschließlich auf der Fregatte zu verbringen, klingt trotzdem nicht gerade attraktiv...

Fitschen: Zur Halbzeit des Einsatzes sind wir jetzt in einem Hafen auf Kreta und jeder kann ein paar Tage in einem Hotel verbringen. Da gibt es dann immerhin eine andere Umgebung, es kann ausgeschlafen werden, es gibt keine morgendlichen Durchsagen, keine Lüftergeräusche. Natürlich ist aber auch da kein Kontakt mit anderen Menschen möglich. Das Hotel steht nur uns zur Verfügung und es gibt strenge Covid-19-Schutzmaßnahmen.

 

Fregattenkapitän Jan Fitschen ist seit 1997 bei der Marine und seit Ende März dieses Jahres Kommandant der „Hamburg“. Der Zufall will es, dass der 42-Jährige auch aus Hamburg stammt und genau an dem Tag geboren wurde, an dem das Schiff 27 Jahre später in Dienst gestellt wurde. In seiner Freizeit kümmert sich Fitschen um seine drei Kinder im Alter von 17, 15 und 2 Jahren oder steht als Schiedsrichter auf einem Fußballplatz. Vor seiner Zeit auf der „Hamburg“ war er unter anderem an der Führungsakademie der Bundeswehr und im Einsatzführungskommando eingesetzt.

 

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