Mit der Mission Vigilant Owl in Litauen sind die Soldaten des CIR Auge und Ohr der Streitkräfte und tragen wesentlich zum Schutz der Nato-Ostflanke bei. Foto: Bundeswehr

Mit der Mission Vigilant Owl in Litauen sind die Soldaten des CIR Auge und Ohr der Streitkräfte und tragen wesentlich zum Schutz der Nato-Ostflanke bei. Foto: Bundeswehr

15.05.2026
Frank Jungbluth

Vor einem gewaltigen Kraftakt – Interview mit Vizeadmiral Thomas Daum

Die Bundeswehr:Der Krieg auf dem Gefechtsfeld wird immer digitaler und damit vernetzter: Wie kriegstüchtig und verteidigungsfähig ist CIR als jüngste Teilstreitkraft der Bundeswehr?

Vizeadmiral Thomas Daum: Die gestiegene Bedeutung des Cyber- und Informationsraums im Krieg sehen wir in den letzten Jahren deutlich beim Krieg gegen die Ukraine und bei den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten. Auf dem modernen, gläsernen Gefechtsfeld sind Daten, Informationen und die eigene Handlungsfähigkeit im Elektromagnetischen Spektrum zunehmend entscheidender als die Granate oder die Rakete. Ergänzend erleben wir bereits jetzt, dass hybride Bedrohungen, unterhalb der Schwelle zu einem bewaffneten Konflikt, unsere westlichen Gesellschaften in Atem halten, oder wie Bundeskanzler Friedrich Merz sagte: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“

Dem gilt es Rechnung zu tragen. Dazu hat die Bundeswehr und damit auch die TSK CIR den klaren Auftrag, bis 2029 kriegstüchtig („fight tomorrow“) zu sein und dazu personelle und materielle Verbesserungen zu erreichen. Gleichzeitig müssen wir zum „fight tonight“ befähigt sein, also dem Einsatz der vorhandenen Kräfte mit dem vorhandenen Material bei einem möglicherweise schon vorher plötzlich ausbrechenden Konflikt.

Da die frühere politische Fokussierung ausschließlich auf Einsätze im Rahmen des Internationalen Krisenmanagements lag, haben wir nun in vielen Bereichen noch Nachholbedarf.

Das betrifft vor allem Material, das in den letzten Jahrzehnten nicht in ausreichenden Mengen beschafft wurde oder zum Teil aufgrund der rasanten Entwicklungszyklen modernisiert werden muss. Hier sind wir auf einem guten Weg: Viele Beschaffungsmaßnahmen sind eingesteuert und haushälterisch hinterlegt. Bei der persönlichen Ausstattung der Soldatinnen und Soldaten konnten bereits deutliche und spürbare Fortschritte erzielt werden. Zu den bekanntesten Projekten gehört außerdem die Einsatzunterstützung aus dem Weltraum, mit einem Ausbau unseres Satellitennetzwerkes mit einer Konstellation von Satelliten im höheren dreistelligen Bereich, dem Aufbau einer KI-unterstützten Cloud oder dem Ausbau unserer Fähigkeiten im elektronischen Kampf, beispielsweise bei der Drohnenabwehr oder mit Counterspace-Fähigkeiten.

Allerdings, ohne hochqualifiziertes zugleich militärisch einsatzfähiges Personal hilft uns das beste Material nicht weiter, daher gilt es vor allem Personal zu gewinnen und zu halten. Für die notwendige Durchhaltefähigkeit in einem möglichen bewaffneten Konflikt brauchen wir zusätzlich eine starke Reserve. An beiden Punkten arbeiten wir intensiv und bewegen uns nach meiner Bewertung in die richtige Richtung.

2017 gegründet, seit genau zwei Jahren Teilstreitkraft mit knapp 15 000 Soldatinnen und Soldaten: Welche Kernaufträge hat CIR mit seinen vielen Fähigkeiten in den nächsten zwei bis fünf Jahren?

Wir bilden unsere Fähigkeiten in drei Teilbereichen des CIR ab: Cyberraum, Informationsumfeld und elektromagnetisches Spektrum. Unsere Aktivitäten im Cyberraum umfassen defensive Cybersicherheit zum Schutz und offensive Cyberoperationen als Wirkung. Das Informationsumfeld betrifft die Aufklärung von Desinformation und Informationsmanipulationen sowie eigene Informationsaktivitäten als Wirkung. Im elektromagnetischen Spektrum geht es um das Aufklären des Gegners und als Wirkung um das Stören seiner Radaranlagen, seiner Kommunikation oder seines GPS.

Wir sind damit Augen und Ohren der Streitkräfte, betreiben Aufklärung und erstellen die streitkräftegemeinsame Nachrichtenlage. Zugleich bilden wir das zentrale Nervensystem der Streitkräfte, wir schaffen die Kommunikationsverbindungen und verantworten den Betrieb der IT-Systeme – das gilt jetzt und umso mehr in der Zukunft. Gleichzeitig sind wir eine Kampftruppe und erzielen Wirkung auf dem Gefechtsfeld im CIR.

„Wir sind noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr ganz im Frieden“, sagt der Bundeskanzler: Wo verläuft die Frontlinie für CIR?

Im Grunde kann man sagen: Auf jedem Computer, sei es in der Wirtschaft, in der Verwaltung oder in jedem privaten Haushalt. Abstrakt: Die Frontlinie verläuft im Cyber- und Informationsraum. Dies ist eben kein physischer Ort, auch wenn Störungen im CIR gravierende Auswirkungen im realen Leben haben. Angriffe laufen über das Internet und somit kann auch Ihr Computer zum Ziel werden, weil er etwa von Hackern für einen DDOS (Distributed Denial of Service)-Angriff übernommen wurde oder weil über ihn Desinformationen verbreitet werden.

Zum Thema „Nicht mehr ganz im Frieden“: Das betrifft uns als TSK CIR natürlich auch, denn wir sind gefordert, unsere eigenen Netzwerke 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche gegen Angriffe zu verteidigen. Dazu tauschen wir uns im Nationalen Cyber-Abwehrzentrum auch mit anderen Bundes- und Landesbehörden aus. Cybersicherheit ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und eine gesamtstaatliche Verantwortung.

Außerdem beobachten wir bereits jetzt im Frieden ausländische Einflussnahme in den sozialen Medien sowie Störungen im elektromagnetischen Spektrum beispielsweise mit GPS-Spoofing in der Ostsee oder dem Baltikum. Diese hybriden Bedrohungen finden bereits jetzt statt und sind Realität.

Wie viele Angriffe muss die Cyberarmee der Bundeswehr jedes Jahr auf die Computer und Netzwerke der Truppe abwehren, mit welcher Taktik geht man vor?

Wir sprechen von vielen Angriffen täglich, aber Zahlen haben dabei keine Bedeutung, da sie nichts über die Qualität der Angriffe aussagen. DDOS-Angriffe sind heutzutage automatisiert und erreichen damit eine hohe Taktung, bei denen Server von Anfragen überflutet werden und damit auf Nutzeranfragen vorübergehend nicht mehr antworten. DDOS-Angriffe sind lästig, weil dadurch Online-Services ausfallen und Nutzer unzufrieden sind, sie richten jedoch keinen technischen Schaden an.

Es gibt aber auch gezielte und intensiv vorbereitete Versuche, in unsere Systeme einzudringen. Diese Angriffe sind deutlich gefährlicher. Gegen jeden dieser Angriffsvektoren müssen wir uns mit anderen Mechanismen schützen, die wir regelmäßig zusammen mit unseren Partnern ressortübergreifend mit dem BMI und dem BSI, zivil-militärisch mit der BWI und Partnern aus der Wirtschaft verfeinern. Dies gilt es bei Übungen wie der internationalen NATO-Übung „Locked Shields“ zu trainieren.

Mit dem Zentrum für Cyber-Sicherheit der Bundeswehr haben wir eine Dienststelle, die für den umfassenden Schutz unserer IT-Systeme und -Services verantwortlich ist und dort gute Arbeit leistet. Cyber-Sicherheit betrifft aber natürlich nicht nur dieses Zentrum, sondern spielt praktisch auf jeder Ebene eine Rolle: vom Schutz unserer Rechenzentren, über die mobilen Gefechtsstände bis hin zum einzelnen Soldaten, der sich mit seinem Laptop heute mobil ins Bundeswehrnetz einwählen kann. Insofern müssen wir schon bei der Entwicklung oder der Einführung von neuen Systemen in die Bundeswehr auch die Cybersicherheit („security by design“) mitdenken und ein allgemeines, stets nachzuschärfendes Bewusstsein für dieses Thema schaffen.

Der Drohnenkrieg hat vor unserer Haustür in der Ukraine neue Dimensionen erreicht: Wie weit ist CIR, um mit der Entwicklung Schritt zu halten?

Auch wir legen auf das Thema Drohnen einen besonderen Fokus, so wie die gesamte Bundeswehr. Drohnen beeinflussen die Kriegsführung bereits heute massiv und werden dies auch in der Zukunft tun, sei es in der Aufklärung, als Wirkmittel oder als Träger für andere Systeme.

In der Abwehr von Drohnen spielt die TSK CIR bereits heute mit den Mitteln des elektronischen Kampfes eine Schlüsselrolle. Seit Oktober letzten Jahres haben wir einen Drohnenabwehrzug neu aufgestellt. Darüber hinaus werden die Fähigkeiten beim Stören weiter ausgebaut und tragen erste Früchte: So konnten wir beispielsweise vor Kurzem im Rahmen der Übung „Quadriga 26“ die NATO-Aktivitäten mit entsprechenden Kräften absichern.

Was muss ein CIR-Soldat heute können?

Grundsätzlich gelten für den CIR-Soldaten von heute weiterhin die militärischen Tugenden: Disziplin, Gehorsam, Kameradschaft, Mut, Pflichterfüllung, Tapferkeit und Verantwortungsbewusstsein. Nur auf dieser Grundlage können wir unseren Auftrag erfüllen und zum Schutz von Freiheit und Demokratie beitragen.

Dazu kommen noch die Attribute, die wir im Projekt CIR 2.0 definiert haben. Wir sind eine sehr technische und moderne Teilstreitkraft, in unserem Umfeld gibt es sehr schnelle Innovationszyklen. Unsere potentiellen Gegner entwickeln sich rasend schnell weiter. Dementsprechend müssen unsere Soldatinnen und Soldaten besonders agil und innovationsfreudig sein, sie müssen Spezialisten in ihrer Fachlichkeit sein, gleichzeitig flexibel reagieren.

Das gleiche gilt auch für unsere Führungskultur. Wir müssen in unserer Struktur in der Lage sein, Innovationen schnell aufzugreifen und uns immer wieder an neue Herausforderungen anpassen. Dabei helfen Silodenken oder umständliche Dienstwege wenig. Entsprechend haben wir uns eine schlanke Führungsstruktur gegeben, die möglichst wenig Führungsebenen vorsieht und arbeiten daran, eine moderne CIR-Kultur zu etablieren.

Sie haben als junger Offizier in den 1980er-Jahren Informatik bei der Bundeswehr studiert, wie schnell hat sich die digitale Welt im Vergleich zu damals gedreht?

Der Alltag ist heute digitaler als in den 1980er-Jahren. Informatik war früher eher ein Nischenthema, wenige Menschen hatten regelmäßig Kontakt zu Computern. Heute ist das Internet für die meisten Menschen praktisch nicht mehr wegzudenken, wir leben in einer vernetzten Welt. Und in dieser gibt es neue Gefahren und Einflussmöglichkeiten, die es vor 40 Jahren in dieser Form noch nicht gab. Das gleiche sehen wir auch in den Streitkräften. In den 1980er-Jahren kamen die meisten Soldatinnen und Soldaten im Dienst vielleicht mit Sprechfunk oder Fernschreiber in Berührung. Heute haben wir vielfältige digitale Möglichkeiten.

Ein moderner Panzer fährt und schießt nicht nur, er ist zugleich ein Netzwerkknoten auf dem digitalen Gefechtsfeld, der als Sensor Daten aufnimmt und gleichzeitig als Relaisstation Daten weiterleitet. Im Idealfall bekommt er seine Zieldaten über das Netz und der Waffeneinsatz wird automatisiert durchgeführt. Hier liegt übrigens der Panzerbau in der deutschen Rüstungsindustrie noch weit hinter meinen Erwartungen an Software Defined Defence.

Insgesamt werden Waffensysteme so komplexer und unsere Soldatinnen und Soldaten müssen sich zusätzlich zu den gleichen militärischen Herausforderungen wie in den 1980er-Jahren noch viel mehr mit digitaler Technik auseinandersetzen. Gleichzeitig bietet moderne und richtig gemachte Digitalisierung aber auch die – vielleicht einzige – Möglichkeit, aus einer bereits gegebenen oder einer sich abzeichnenden Komplexitätsfalle des Soldatenberufes wieder herauszufinden.

Die Kameraden der ukrainischen Streitkräfte werden bei EUMAM an deutschen Waffensystemen ausgebildet, was kann CIR für den modernen Krieg von der Ukraine lernen?

Wir beobachten den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sehr intensiv und ziehen daraus wichtige Erkenntnisse, ganz besonders aus regelmäßigen Austauschen von unseren und ukrainischen Fachleuten. Diese Dialoge behandeln die Gegebenheiten des elektromagnetischen Kampfes, den Einsatz und die Abwehr von Drohnen und die taktischen Verhaltensweisen auf dem gläsernen Gefechtsfeld.

Besonders beeindruckend ist die Innovations- und Anpassungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte. Der Krieg gegen die Ukraine fand vor vier Jahren auf dem Gefechtsfeld noch ganz anders statt als heute. Das betrifft die Taktik, aber auch die Halbwertszeit neuer Waffensysteme.

Wenn wir uns beispielsweise die Innovationen bei Drohnen anschauen, dann trägt eine Weiterentwicklung nur drei bis zwölf Wochen, danach hat der Gegner eine vergleichbare Fähigkeit, ein „Gegenmittel“ zur Abwehr oder schon eine verbesserte Lösung. Ohne ein ständiges Upgrade ist das ursprüngliche System dann nutzlos. Die Ukrainer aktualisieren ihre Software daher innerhalb von Tagen. Genau diese Geschwindigkeit, Innovationszyklen und Anpassungsfähigkeit müssen wir für uns übernehmen.

Wie haben Sie vor, uns vor Bedrohungen wie zum Beispiel aus Russland zu schützen, kann man Deutschland und seine Bürger auf dem CIR-Gefechtsfeld überhaupt umfassend verteidigen?

Das ist ein komplexer Auftrag und nicht nur Aufgabe der Bundeswehr, sondern der gesamten Gesellschaft. Insbesondere im Moment, da die Bundeswehr im Frieden im Inneren keine Zuständigkeiten hat.

Grundsätzlich gilt, was ich schon zur Cyberabwehr der Truppe gesagt habe: Wir leben in einer digitalen Welt, jedes einzelne System kann ein Angriffspunkt sein. Entsprechend muss auch die Bevölkerung, die Smartphones, Clouds und Soziale Medien nutzt, sich der Gefahren und ihrer Verantwortung bewusst sein und verantwortungsvoll handeln. Es gilt die Variation einer historischen Aussage: „Frage nicht, was der Staat für Deine Cybersicherheit tut, sondern frage Dich, was Du für Deine eigene Cybersicherheit tun kannst.“

Deutschland wird – wie schon erwähnt – permanent im Cyber- und Informationsraum angegriffen. Vieles ist der Bevölkerung gar nicht bewusst, denn im Grunde ist nur die Spitze des Eisbergs sichtbar. Wenn man auf der Website einer Fluggesellschaft eine Fehlermeldung erhält, denkt man schnell an einen technischen Defekt – es kann aber auch genauso ein DDOS-Angriff von einem staatlich gelenkten Akteur sein.

Daher ist es wichtig, ein entsprechendes Bewusstsein bei der Bevölkerung zu entwickeln und diese damit resilienter gegenüber den möglichen Risiken aufzustellen, sei es gegen mögliche Beeinflussung mit Hilfe von KI und Deepfakes oder auch gegen mögliche Ausfälle in der kritischen Infrastruktur wie Elektrizität- oder Wasserversorgung.

Wo soll CIR 2029, dem möglichen Datum des Angriffs Russlands auf die NATO – also den Bündnisfall – stehen?

Mein persönlicher Auftrag ist es, die TSK CIR bis 2029 kriegstüchtig zu machen und Deutschland digital verteidigen zu können. Das ist ein gewaltiger Kraftakt: Wir brauchen mehr Personal und Material. Daran arbeiten wir unermüdlich und mit den zusätzlichen finanziellen Mitteln hat uns die Politik den Spielraum gegeben, diesen Kraftakt zu meistern. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Zeit gut nutzen und so maßgeblich zur Sicherheit Deutschlands und seiner Bündnispartner beitragen.

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