Ein ukrainischer Soldat beobachtet bei Tests, wie eine Drohne von einem bodengebundenen Robotersystem aus gestartet wird. Foto: Picture-Alliance/abaca/Smoliyenko Dmytro/Ukrinform

Ein ukrainischer Soldat beobachtet bei Tests, wie eine Drohne von einem bodengebundenen Robotersystem aus gestartet wird. Foto: Picture-Alliance/abaca/Smoliyenko Dmytro/Ukrinform

23.05.2026
Yann Bombeke

Der neue Player in der Innovationslandschaft der Bundeswehr

Die Bundeswehr: Herr Flottillenadmiral Bock, wenn man im Netz nach Informationen zum neuen Innovationszentrum der Bundeswehr sucht, fällt auf, dass sich dort noch recht wenig findet, auch in den Bundeswehr-Medien. Ist das Absicht, dass die Öffentlichkeitsarbeit etwas unter dem Radar läuft?

Flottillenadmiral Bock: Ja, das ist tatsächlich Absicht. Wir haben im vergangenen Jahr mit der Ankündigung bei der Bundeswehrtagung und bei der Eröffnung des Zentrums im vergangenen Februar durch den Minister eine Erwartungshaltung geweckt, um zumindest die Zielrichtung des Innovationszentrums der Bundeswehr in die Öffentlichkeit und in die Bundeswehr zu tragen. Gleichzeitig müssen wir eine gewisse Arbeitsbereitschaft herstellen. Die finale operative Fähigkeit ist für Ende des Jahres bzw. Anfang kommenden Jahres angedacht. Wir wollen allein mit übermäßiger Medienarbeit nicht den Eindruck erwecken, dass wir von Null auf Hundert die komplette Bundeswehr umkrempeln.

Wie haben Sie denn die ersten Monate in dieser neuen Dienststelle erlebt? Was waren die Schwerpunkte Ihrer Aktivitäten?

Schwerpunkt ist es, den Unique Selling Point eines Innovationszentrums zu definieren und gemeinsam mit allen anderen zivilen wie militärischen Partnern des Innovationsökosystems die Lücken zu definieren, die wir bestmöglich füllen können. Wir wollen mit dem Innovationszentrum der Bundeswehr nichts duplizieren, sondern tatsächlich als Schlussstein in den Verfahren, Wertschöpfungsketten und Prozessen in der Bundeswehr, aber eben auch im zivilen Innovationsökosystem, einen Mehrwert schaffen. Dazu muss man sich mit allen Beteiligten abstimmen, damit man hier keine Ressourcen verbrennt.

Es gibt eine Fülle weiterer Dienststellen in der Innovationslandschaft, es gibt das Cyber Innovation Hub, es gibt das Zentrum für Digitalisierung der Bundeswehr und Fähigkeitsentwicklung Cyber- und Informationsraum. Zumindest für den Laien klingt das alles sehr ähnlich. Das Innovationszentrum der Bundeswehr bildet dann den Schlussstein der Innovation innerhalb der Bundeswehr?

Es gibt verschiedene Kreisläufe und Abhängigkeiten, die zumindest in vormaligen Zeiten parallel nebeneinander hergelaufen sind. Das beste Beispiel dafür sind die Abteilungen Planung und Cyber/IT, die jetzt durch die Reorganisation des BMVg zu einer Abteilung geworden sind. Grund war die Erkenntnis, dass die vormals getrennten Bereiche Cyber und Planung eigentlich eins sein müssten, weil sie sich idealerweise gegenseitig in die Karten spielen. Es gibt fast kein Projekt mehr, das ohne IT oder KI funktioniert. Kein System oder Programm, in dem keine IT drin ist, funktioniert ohne einen Anknüpfungspunkt mit Systemen, die mit Sensoren oder Effektoren etwas bewirken. Dieser Zusammenschluss bedarf der Expertise aller dieser Bereiche gleichermaßen, daher ist keiner dieser Bereiche unerheblich oder verzichtbar. Es ging jetzt darum, das ganze sinnhaft zusammenzufassen. Es gibt übrigens noch einige weitere Innovationsplayer, wie etwa das wichtige Planungsamt mit seiner zentralen Planungsrolle, die Forschungs- und Technologiebereiche des BAAINBw, also die wehrtechnischen Dienststellen, die wissenschaftlichen Institute, die ja auch Innovationen vorantreiben, wenn man diese so definiert, als dass sie die Fähigkeiten der Streitkräfte verbessern. 

All diese Bereiche müssen miteinander verknüpft werden. Hier gibt es Koordinationsbedarf, um die verschiedensten Datenbanken und Erkenntnisse auf den Zeitachsen zusammenzuführen. Es gibt Bedarfe, die sich beispielsweise aus der Auswertung der Kriege Dritter, etwa in der Ukraine, ergeben. Das sind sehr kurzfristige Möglichkeiten, die sich durch technologische Entwicklungen ergeben, die wir sowohl finanzieren als auch später nutzen wollen. Denn diese Erkenntnisse ergeben sich daraus, dass unser möglicher Gegner diese Erfahrungen, die er in diesem Krieg sammelt, auch gegen uns einsetzen könnte. Deswegen macht es Sinn, diese Fähigkeiten auch bei uns einzuführen. Das sind aber schnelle Innovationskreisläufe. Der entsprechende Innovationsloop ist mittlerweile in wenigen Tagen oder Wochen zu rechnen. Das ist systemisch in unserer Beschaffungswelt nicht so angelegt. Hier müssen wir mit Zwischenfähigkeiten die vorhandenen Waffensysteme so ergänzen, dass wir wieder durchsetzungsfähig sind gegenüber einem aktuell technologisch ausgereiften und erfahrenen Gegner.

Sie greifen also auf die Erfahrungen der Ukrainer zurück. Arbeiten Sie auch gemeinsam mit anderen Partnern, etwa der NATO?

Das ist unsere Aufgabe. Das ist eines dieser Elemente, die wir sehr viel stärker ausbauen müssen, wobei wir auch hier bereits vorhandene Netzwerke, die etabliert sind, aufnehmen, wie das DIANA-Programm der NATO. Aber auch hier nochmal: Wir sind nicht das zentrale Innovationszentrum, das Innovationen macht, sondern vielmehr schaffen wir Möglichkeiten, dass überall dort, wo Dinge entwickelt werden, diese synergetisch und vor allem ineinandergreifend verfügbar gemacht werden für die Streitkräfte. Dazu gehört logischerweise auch die Einbeziehung der Erfahrungen, die die Ukrainer machen. Auch hier gibt es Programme bzw. die entsprechenden Kooperationsvereinbarungen zwischen Deutschland und der Ukraine, die dahin münden, dass die dort gemachten Erfahrungen bei uns in die eigene Fähigkeitsentwicklung einfließen können. Hier schließt sich dann der Kreis. Wir haben mit Blick auf die Ukraine den Vorteil, dass wir nicht wie die Ukraine kriegsmäßig gezwungen sind, jede Dynamik mitgehen zu müssen. Wir können überlegen, wie wir die Dinge so aufstellen, dass wir die Verteidigungsbereitschaft der NATO dahingehend erhöhen, dass die Abschreckung funktioniert und wir diesen Kampf eben nicht führen müssen.

Kommen wir zum Standort Erding. Dort befindet sich bereits das Wehrwissenschaftliche Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB). Erfolgt eine Zusammenarbeit mit Ihrer Dienststelle? Und bietet die Liegenschaft als ehemaliger Fliegerhorst besondere Vorteile?

Der Kern der Entscheidung lag darin, dass aus dem WIWeB in Erding das sogenannte „Innovationslabor System Soldat“ hervorgekommen ist. Dort wurden dann in einer eigenen Infrastruktur die Abwehr und der Einsatz von Klein- und Kleinstdrohnen sowie anderer Technologien erforscht und experimentell zusammen mit Wissenschaft und Truppe weiterentwickelt. Daraus ergaben sich Mechanismen mit dem Einführen der Loitering Munition oder des Aufklärungs- und Wirkverbundes, die sich auch tatsächlich greifbar zeigten. Viele verschiedene Start-ups vor Ort haben sich durch dieses „Laborsystem Soldat“ technologisch weiterentwickelt. Diese Firmen haben dort ihre ersten Schritte gemacht und den ehemaligen Fliegerhorst genutzt, um ihre Produkte zur Reife zu bringen. Nun unterstützen sie auch die Ukraine mit ihren Projekten und ergänzen die Fähigkeiten der Bundeswehr. Wir sind sozusagen ein Starthilfe-Bereich für die Technologieentwicklung. 

Gleichzeitig haben wir erkannt, dass die umfängliche Kompetenz für einige Bereiche, etwa die Robotik, bei uns noch nicht an einem Ort gebündelt ist. Dies ist ein Ort, an dem zentral alle Informationen, sei es aus den WTD, von der Wissenschaft draußen oder eben auch von den Ukrainern, gesammelt und weiterentwickelt werden. Gemeinsam und abgestimmt mit dem Planungsamt können so gewisse Fähigkeiten entwickelt und auch im Gesamtfähigkeitsprofil der Bundeswehr genutzt werden. Weil dort die Rahmenbedingungen schon gegeben waren, hat man Erding als Standort für das Innovationszentrum gewählt. Zudem ist die Fläche mit dem Fliegerhorst geeignet, dort verschiedene andere thematische Labore aufzusetzen, die das Gesamtsystem der Bundeswehr ergänzen. Die ganzen anderen WTD, mit ihrer jeweiligen thematischen Spezifizierung, bleiben natürlich erhalten und werden ab kommendem Jahr von uns über den Bereich der Koordinations-, Forschungs-, Technologie- und Innovationshaushaltsmittel koordiniert und gesteuert.

Wie innovationsfähig ist die Bundeswehr heute und wo will sie in Zukunft hin?

Unser Idealziel ist, dass wir wie in der Ukraine, nur unter unseren Bedingungen simuliert, diesen Kreislauf hinbekommen, dass wir jeden technologischen Trend, jede technologische wissenschaftliche Entwicklung zusammen mit den Ideengebern, sei es aus dem zivilen oder dem militärischen Bereich der Innovationslandschaft, selbst aufnehmen, diese Ideen härten, mit allen militärischen Bereichen prüfen und dann eine Fähigkeit zur Reife bringen, wenn wir denn meinen, dass sie gut genug ist. Dazu gehört auch das Prinzip des Scheiterns, dass man mal eine Idee hat, die schlichtweg nicht funktioniert oder nicht schnell genug integrierbar ist. Gleichermaßen wollen wir zu einem Dauerkreislauf werden: Das Experimentieren mit der Truppe, mit den Ideengebern, mit der Industrie vor Ort, in den entsprechenden Dimensionen auf See, an Land und in der Luft. So wollen wir kontinuierlich und immer „State of the art“ in der Bewegung bleiben.

Die Bundeswehr ist innovationsfähig, das wollen wir mit dem Innovationszentrum zeigen und die Möglichkeiten, die das Cyber Innovation Hub so gut vorgelebt hat, gemeinsam für die Technologieentwicklung größer ziehen.

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