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Die jüngste Sitzung des Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsratsrats fand beim Taktischen Luftwaffengeschwader 31 in Nörvenich statt. Foto: Picture-Alliance/REUTERS/Thilo Schmuelgen
Für die nukleare Teilhabe bekommt die Luftwaffe demnächst moderne Jets. Zudem suchen Frankreich und Deutschland einen engeren Schulterschluss. Und die NATO arbeitet angesichts der Bedrohungen durch Russland an Plänen für einen Ausbau der nuklearen Abschreckung in Europa.
Während des Kalten Krieges sorgten sie für ein Gleichgewicht des Schreckens. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre schienen ihre Tage fast schon gezählt. „Von Freunden umzingelt“ lautete ein geflügeltes Wort – Wer braucht da noch Atomwaffen? Doch spätestens seit dem Beginn des Angriffskriegs des Moskauer Regimes auf die Ukraine ist die Antwort klar: Gegen die Bedrohung durch eine Atommacht wie Russland schützt in letzter Konsequenz nur glaubhafte Abschreckung. An der nuklearen Teilhabe, wie es offiziell heißt, ist Deutschland als NATO-Mitglied seit mehr als sieben Jahrzehnten beteiligt. Rund 100 US-Bomben vom Typ B61-12 sollen heute laut Expertenschätzung auf sechs Luftwaffenstützpunkten in Deutschland, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Türkei lagern. Das Konzept der nuklearen Teilhabe: Die Atomwaffen gehören den USA, sollen aber im Ernstfall unter anderem auch von Piloten der Luftwaffe ins Ziel gebracht werden.
„Tornado“ hat bald ausgedient
Bislang hat die Luftwaffe dafür „Tornado“-Kampfflugzeuge zur Verfügung. Das Muster ist allerdings veraltet. Deshalb werden die „Tornados“ durch moderne F-35-Kampfjets ersetzt. Geplant sind 35 Kampfjets des Typs Lockheed Martin F-35A Lightning II, die mithilfe des Sondervermögens Bundeswehr angeschafft werden sollen. Das Taktische Luftwaffengeschwader 33 in Büchel in Rheinland-Pfalz wird die modernen Kampfjets nach Bundeswehrangaben planmäßig ab 2027 erhalten und die alte Generation der „Tornado“-Maschinen im Jahr 2030 aussondern. Rund 8,3 Milliarden Euro aus dem Bundeswehr-Sondervermögen hatte dafür der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages Ende 2022 freigegeben. Ab diesem Jahr sollen die ersten Kampfjets in den USA ausgeliefert werden, um dort die fliegerische Ausbildung zu ermöglichen, teilte das BMVg mit. Zudem wird der Standort Büchel mit immensem Aufwand für die neuen Aufgaben modernisiert.
Komplementärer Schulterschluss
Nun geht Deutschland zudem einen parallelen Weg. Für einen Tagesordnungspunkt ihres jüngsten Treffens hatten sich Bundeskanzler Friedrich Merk und der französische Präsident Emmanuel Macron nicht nur einen symbolträchtigen Ort ausgesucht, sondern auch eine entsprechende Kulisse: Der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat tagte Mitte Juli in Nörvenich, darüber hinaus waren nicht nur französische Soldaten angereist. Zum Fliegerhorst wurde auch ein „Rafale“-Kampfflugzeug entsandt. Die „Rafale“ können französische Nuklearwaffen ins Ziel bringen. „Das macht sichtbar: Wir schlagen in der Abschreckung einen neuen gemeinsamen Weg ein. In der neu geschaffenen strategischen Steuerungsgruppe durchdenken wir, mit welchem Mix an Fähigkeiten wir unsere gemeinsame Abschreckung in Zukunft weiter steigern können“, sagte Merz im Anschluss. „Neben dieser Arbeit an einer gemeinsamen Doktrin werden wir auch die konventionellen deutschen Kräfte noch in diesem Jahr an einer nuklearen Übung der französischen Streitkräfte beteiligen. Das ist komplementär zu unserer nuklearen Teilhabe und der Abschreckung in der NATO, an der wir festhalten.“
Ausbau der nuklearen Abschreckung in Europa
Wie unterdessen die dpa berichtete, arbeitet die NATO angesichts der Bedrohungen durch Russland an Plänen für einen Ausbau der nuklearen Abschreckung in Europa. Dabei sei auch die Stationierung zusätzlicher US-Atomwaffen eine Option. Experten hielten es sogar für möglich, dass die USA bereits Bomben vom Typ B61-12 auf den Luftwaffenstützpunkt Lakenheath in Großbritannien verlegt haben. Bei einer weiteren Zuspitzung der Sicherheitslage könnten zudem auch Länder wie Polen und Finnland sowie Litauen als Stationierungsstandorte in den Blick kommen.
Bei der Umsetzung der nuklearen Abschreckung gehen die Atommächte unterschiedliche Wege. Die USA und Russland setzen auf die sogenannte Triade: landgestützte Interkontinentalraketen, luftgestützte Trägersysteme wie Bomber mit Marschflugkörpern sowie U-Boote mit Interkontinentalraketen. Frankreich setzt auf Marschflugkörper und U-Boote; Großbritannien, zweite Nuklearmacht Westeuropas, nur auf U-Boote. Letzteres könnte sich bald ändern: Mitte vergangenen Jahres hieß es, dass Großbritannien plant, ein Dutzend Kampfflugzeuge vom Typ 35A aus den USA für die nukleare Abschreckung zu bestellen.
Frankreichs Sonderweg
Der Befehl über den Einsatz von Atomwaffen liegt in den USA und Großbritannien jeweils beim politischen Oberhaupt des Landes, also beim US-Präsidenten beziehungsweise dem britischen Premierminister. Auch für Frankreich gilt: Als Chef der Armee verfügt der französische Staatspräsident über die absolute Entscheidungshoheit über die sogenannte „force de dissuasion nucléaire française“ (französische nukleare Abschreckungsstreitmacht).
Doch zwischen den drei Atommächten der NATO gibt es auch einen elementaren Unterschied. Die USA und Großbritannien sind Teil der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) der NATO, in der alle NATO-Staaten stimmberechtigt sind. Eine Ausnahme bildet Frankreich, das sich entschieden hat, nicht an der NPG teilzunehmen. Seit 70 Jahren befasst sich die NPG unter Führung des NATO-Generalsekretärs mit allen Fragen rund um Atomwaffen und passt die Atomdoktrin der NATO an aktuelle politische Entwicklungen an.
Warum hat Deutschland keine eigenen Atomwaffen?
Bereits im Vorfeld der Aufnahme in die NATO 1955 hatte Westdeutschland auf atomare, biologische und chemische Massenvernichtungswaffen (ABC-Waffen) verzichtet. Auch dem Atomwaffensperrvertrag, 1968 von den USA, Frankreich, VR China, Großbritannien und der Sowjetunion unterzeichnet, hat sich die Bundesrepublik angeschlossen. Bekräftigt wurden die darin enthaltenen Positionen im 1990 unterzeichneten Zwei-plus-vier-Vertrag zur deutschen Wiedervereinigung. Dem Atomwaffenverbotsvertrag ist Deutschland hingegen nicht beigetreten, da die Inhalte nicht mit den Verpflichtungen im NATO-Bündnis vereinbar wären, wie die Bundeswehr informiert. Die nukleare Teilhabe wird so ermöglicht.
Über das Thema nukleare Bewaffnung der Bundeswehr ist allerdings von Anfang an diskutiert worden. Ob das Zugeständnis zum ABC-Waffenverzicht durch den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer endgültigen Charakter hatte, oder von ihm als eine vorübergehende Verpflichtung interpretiert wurde, ist bis heute umstritten. Und angesichts der aktuellen sicherheitspolitischen Lage in der Welt wird die Frage, ob Deutschland eigene Atomwaffen zur Abschreckung braucht, wieder kontrovers diskutiert.
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