Das 9/11-Memorial erinnert an den Anschlag und an die fast 3000 Zivilisten, die beim Terroranschlag vom 11. September 2001 ums Leben gekommen sind. Foto: picture alliance/Sipa USA/Richard B. Levine

Das 9/11-Memorial erinnert an den Anschlag und an die fast 3000 Zivilisten, die beim Terroranschlag vom 11. September 2001 ums Leben gekommen sind. Foto: picture alliance/Sipa USA/Richard B. Levine

11.09.2026
Linus Broll

Die Anschläge vom 11. September 2001 – das Menetekel des 21. Jahrhunderts

Der 11. September 2001 hat die Welt verändert: Zum ersten Mal ruft die NATO den Bündnisfall aus. Für die Bundeswehr beginnt damit ein Einsatz, der ihre Geschichte nachhaltig prägen wird.

Am 11. September 2001 veränderte sich die Welt schlagartig. Mit der gezielten Ermordung von fast 3000 Zivilisten wurde den Vereinigten Staaten und dem Westen insgesamt drastisch vor Augen geführt, wie verwundbar die liberale, offene Gesellschaft war.

Der Tag, der die Welt erschütterte

An diesem Morgen kaperten Al-Qaida-Terroristen unter der Führung von Osama bin Laden vier Passagierflugzeuge und machten sie zu Waffen. Zwei Maschinen zerrissen die Türme des World Trade Centers in New York City und brachten sie zum Einsturz. Ein drittes Flugzeug schlug in das Pentagon in Arlington ein, eine vierte Maschine stürzte nach dem mutigen Widerstand von Passagieren auf einem Feld in Pennsylvania ab. Das Großattentat überraschte die westlichen Sicherheitsbehörden vollständig und steht als opferreichster Terroranschlag singulär in der Geschichte.

Der Weg in den Bündnisfall und nach Afghanistan

US-Präsident George W. Bush verkündete direkt am Anschlagstag: „We are at war“. Zum ersten Mal in der Geschichte rief die NATO den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages aus. Nur wenige Wochen später begann die Operation „Enduring Freedom“ (OEF) als Schlag gegen Al-Qaida und die Taliban, die die Terrororganisation unterstützten. Unter direkter deutscher Beteiligung trafen schon im Dezember 2001 die Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) im Rahmen der US-geführten Operation als eine der ersten Einheiten in Afghanistan ein. Sie sicherten unter anderem Flugplätze und beteiligten sich an der Seite von US-amerikanischen und britischen Spezialeinheiten an der Schlacht um Tora Bora. Die regulären Verbände der Bundeswehr rückten ab Januar 2002 im Rahmen der multinationalen ISAF-Stabilisierungsmission nach Afghanistan ein. Der Einsatz war damit zu Beginn ein völkerrechtlich und im Rahmen der NATO-Solidarität vollkommen berechtigter Akt der Selbstverteidigung.

Von der Selbstverteidigung zum überdehnten Auftrag

Was militärisch als klar begrenzte Reaktion auf die Anschläge begann, weitete sich in den folgenden Jahren aus. Aus den anfänglich klaren militärischen Bündniszielen wurden ambitionierte Vorhaben wie der Aufbau demokratischer Strukturen und umfassendes „nation building“. Diese Ziele waren diplomatisch und entwicklungspolitisch nur schwer zu flankieren, zumal es nicht gelang, wichtige Nachbarstaaten wie Pakistan, die den Taliban als Rückzugsraum dienten, in eine regionale Friedenslösung einzubinden.

In der Praxis führte dies dazu, dass die Bundeswehr in Afghanistan oft als einzige Institution agierte, die das gesamte Spektrum abdecken musste, vom Brunnenbau über die Infrastrukturförderung bis hin zu komplexen zivilen Demokratisierungsprojekten. Andere Ressorts und zivile Institutionen hielten sich im Hintergrund, während die Streitkräfte die Last unklarer, kaum messbarer politischer Vorgaben tragen mussten.

Die Binnenperspektive der Bundeswehr: Wandel zur Einsatzarmee

Für die Bundeswehr war der Einsatz in Afghanistan ein historischer Wendepunkt. Kulturell und rechtlich zunächst kaum auf ein solches Szenario vorbereitet, wuchs die Truppe unter härtesten Bedingungen rasch zu einer modernen Einsatzarmee heran. Während die Politik in Deutschland der eigenen Bevölkerung um jeden Preis vermitteln wollte, dass es sich um eine Stabilisierungs- oder Hilfsmission handele, war es für die Soldatinnen und Soldaten vor Ort schon längst ein Krieg.

Trotz politischer Beschneidungen und anhaltender Ausrüstungsmängel, etwa dem bis zuletzt fehlenden Zugriff auf bewaffnete Drohnen zum Schutz der eigenen Kräfte, bewies die Bundeswehr, dass sie auf der Höhe der Zeit war. Taktisch hat die Truppe ihre Aufträge stets professionell und verlässlich erfüllt. Doch der Preis war hoch: 59 deutsche Soldaten bezahlten ihren Dienst mit dem Leben, zahlreiche weitere kehrten an Leib und Seele verwundet zurück.

Der Abzug und die Frage der Verantwortung

Bereits unter US-Präsident Barack Obama war unmissverständlich klargestellt worden, dass der Westen zwar die Schwerstarbeit leisten, die Verantwortung für das Land jedoch langfristig wieder an die Afghanen übergeben werden müsse. Dem Westen allein die Schuld am Scheitern zu geben, greift vor dem Hintergrund der enormen personellen und finanziellen Investitionen zu kurz. Obwohl der Abzug im Sommer 2021 überstürzt ablief, liegt das Scheitern bei der damaligen afghanischen Führung. Sie nutzte die vergangenen zwei Jahrzehnte nicht für den Aufbau stabiler eigener Kapazitäten und leistete dem Vormarsch der Taliban kaum Widerstand.

Wie wenig Würdigung der Einsatz am Ende erfuhr, zeigte sich Ende Juni 2021 auf dem Fliegerhorst Wunstorf: Als die letzten Soldaten aus Masar-e-Scharif landeten, fehlte jede politische Spitzenprominenz. Vor den anstehenden Bundestagswahlen wurde der gescheiterte Einsatz in Berlin zum Verliererthema degradiert. Wie schließlich auch der Abschlussbericht der Enquete-Kommission des Bundestages, an der der Deutsche BundeswehrVerband durch seinen Vorsitzenden André Wüstner als Sachverständiger mitwirkte, bilanzierte, fehlte es auf politischer Ebene über Jahre hinweg an einer effizienten Koordinierung sowie am nötigen Maß an „Anerkennung und Wertschätzung“ für die Truppe. Dieser Mangel an Respekt und strategischer Klarheit offenbarte das Bestreben der Politik, sich der Verantwortung zu entziehen.

Die Lehre für die Zukunft

Eine umfassende parlamentarische und gesellschaftliche Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes ist daher nicht nur eine Mahnung für künftige Mandate, sondern seit jeher eine Kernforderung des Deutschen BundeswehrVerbandes (DBwV).

Jahre nach 9/11 und dem Abzug bleibt die Verpflichtung gegenüber den Gefallenen, den Verwundeten und ihren Familien bestehen. Die Politik muss künftig wieder die volle strategische Verantwortung für die Einsätze übernehmen, die sie beschließt. Militärische Bündnistreue darf niemals bedeuten, operative Realitäten vor der Öffentlichkeit zu verschleiern oder die eigenen Soldatinnen und Soldaten am Ende politisch im Stich zu lassen.

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