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Gern gesehener Gast: Eva Högl auf der DBwV-Tagung „Seegehende Einheiten Einsatzflottille 1“ im Juni 2021 in Berlin. Foto: DBwV/Hepner
Höhere Einsatzbelastung, wenig Planungssicherheit, unvorhergesehene Werftliegezeiten – die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Dr. Eva Högl, über die Herausforderungen des Dienstes in der Marine und warum sie dennoch bei ihren Besuchen auf hochmotivierte Soldatinnen und Soldaten trifft.
Seit Mai 2020 bin ich Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages. Von Tag 1 an prägt die Marine meine Amtszeit. So war einer meiner ersten offiziellen Termine die Indienststellung der Fregatte „Nordrhein-Westfalen“ in Wilhelmshaven und danach folgte direkt ein Besuch beim Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz – mein erster Truppenbesuch. Noch heute erinnere ich mich sehr genau, wie sich dort ein junger Offizier in einer Gesprächsrunde zu Wort meldete und sich eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Dienst wünschte – ein zentrales Thema, das mir seitdem bei jedem Truppenbesuch, vor allem an Marine-Standorten, begegnet.
Denn Soldatinnen und Soldaten seegehender Einheiten sind im Einsatz mehrere Monate von ihren Familien getrennt. Gewiss: Davon sind auch Soldatinnen und Soldaten anderer Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche im Einsatz betroffen. Und dennoch: Marinesoldatinnen und -soldaten stellt das vor besondere Herausforderungen. Für sie ist es nämlich keine Selbstverständlichkeit, im Einsatz Kontakt zu ihren Angehörigen halten zu können. Leider! Dafür ist die Betreuungskommunikation an Bord immer noch nicht so ausgebaut wie geplant und gewünscht. Hier sind weitere Verbesserungen dringend notwendig.
Dieses Eingangsbeispiel zeigt, wie eng Mensch und Material in der Marine verbunden sind, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind und voneinander abhängen – und was das letztlich für Angehörige der Marine bedeutet, insbesondere für die Vereinbarkeit von Familie und Dienst.
Das hängt im Wesentlichen mit zwei Faktoren zusammen. Zum einen besitzt die Marine die kleinste Flotte ihrer jüngeren Geschichte. Gleichzeitig hat sie eine hohe und steigende Anzahl von Einsätzen und einsatzgleichen Verpflichtungen, wie zuletzt die Entsendung der Fregatte „Bayern“ in den Indo-Pazifik. Zum anderen ist die Marine – personell gesehen – die kleinste Teilstreitkraft. Zugleich stellt sie jedoch mehr als 20 Prozent aller im Einsatz befindlichen Soldatinnen und Soldaten. Das hat Konsequenzen.
Für das Material bedeutet das einen überproportionalen Verschleiß und damit einen größeren Bedarf an Wartung und Instandsetzung – geplant ebenso wie unvorhergesehen. Die Industrie mag diesen Bedarf nicht immer zeitgerecht und/oder zufriedenstellend decken können. Das wiederum bedeutet längere und/oder unvorhergesehene Werftzeiten.
Für die Menschen bedeutet das eine im Vergleich zu anderen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen höhere Einsatzbelastung. Marinesoldatinnen und -soldaten müssen häufiger und/oder länger in den Einsatz. Sonst übliche Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Dienst, wie Teilzeit, Telearbeit oder mobiles Arbeiten, kommen für sie oft nicht infrage. Die Faktoren Mensch und Material sind dabei keineswegs getrennt voneinander zu betrachten. Sie stehen nicht für sich allein. Im Gegenteil: In der Marine sind sie so eng miteinander verzahnt wie womöglich in kaum einer anderen Teilstreitkraft. Denn wenn Schiffe und Boote ungeplante oder längere Werftliegezeiten als geplant haben, hat das Auswirkungen für die Menschen. Planungssicherheit, wann es für wen wie lange in den Einsatz, auf Ausbildung oder Übung geht, ist dadurch erheblich erschwert – und damit auch die Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Hier ist eine frühzeitige Kommunikation auf allen Ebenen und vor allem das Informieren der Betroffenen unerlässlich und sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Nur so kann zumindest ein Mindestmaß an Vereinbarkeit von Familie und Dienst gewährleistet werden.
Andersherum gilt: Wenn Schiffe und Boote nicht in der Werft, sondern einsatzklar sind, braucht es auch das dafür nötige Personal – qualitativ wie quantitativ. Nicht selten jedoch fehlt Personal gänzlich oder ist nicht ausreichend ausgebildet. Vermehrt wird mir vorgetragen, dass Personal auf Dienstposten seegehender Einheiten versetzt wird, das jedoch nicht die Borddiensttauglichkeit erfüllt. Wann und geschweige denn ob diese nachgeholt wird, ist nicht immer absehbar. Im schlechtesten Fall besetzen diese Menschen somit einen Dienstposten, ohne entsprechend vollumfänglich eingesetzt werden zu können. Dann haben jene die Einsatzbelastung zu tragen, die einsatzbereit, das heißt borddiensttauglich, sind. Sie werden überproportional häufig in den Einsatz geschickt und sind entsprechend seltener bei ihren Familien, Angehörigen und Freunden.
All das, die besondere Verbindung von Mensch und Material in der Marine und ihre Auswirkungen vor allem auf die Vereinbarkeit von Familie und Dienst, ist sehr herausfordernd. Wer das auf sich nimmt und sich bewusst für die Marine entscheidet, tut dies aus voller Überzeugung, Engagement und Leidenschaft – für die einzigartige Erfahrung der Gemeinschaft und der Seefahrt. Für jene ist Marine weit mehr als ein Beruf. Für sie ist Marine eine Berufung. Diese besondere Einstellung und Motivation spüre ich bei all meinen Besuchen von Marine-Standorten und in allen Gesprächsrunden mit Marinesoldatinnen und -soldaten. Das verdeutlicht auch ein Wunsch, der mir immer wieder von Bordbesatzungen vorgetragen wird: Sie wollen wieder die Wache an Bord selbst übernehmen – gewachsen aus einem Gefühl der Verantwortung und Verbundenheit zu den eigenen Schiffen und Booten. Dem steht die Soldatenarbeitszeitverordnung entgegen. Eine geregelte Arbeitszeit ist wichtig – auch und vor allem in der Marine. Trotzdem sollte – wo möglich, sinnvoll und nötig – über moderate Anpassungen nachgedacht werden und die Umsetzung der europäischen Vorgaben überarbeitet werden.
Damit solch eine Verbundenheit zu den eigenen Schiffen und Booten überhaupt wachsen kann, muss die Besonderheit der Marine vermittelt und gefördert werden. Das heißt: Marinesoldatinnen und -soldaten brauchen eine maritime Prägung – an Bord und auf See, so früh und so lebenswirklich wie möglich. Es ist daher der richtige Ansatz, wenn etwa Offizieranwärterinnen und -anwärter, noch bevor sie für mehrere Jahre ihr Studium fernab der Marine beginnen, ein Seekadettenpraktikum absolvieren, wo sie marinetypische Arbeit auf See oder an Land kennenlernen. Es freut mich sehr, dass diese praktische Ausbildung demnächst wieder auf der „Gorch Fock“ stattfinden kann. Denn sie ist nicht irgendein Segelschulschiff, sondern das Segelschulschiff. Sie hat in der Marine wie kein anderes Schiff eine herausragende Bedeutung für die maritime Tradition, Prägung und Identitätsbildung. Auch das verdeutlicht einmal mehr die enge und einzigartige Verbindung und Verbundenheit von Mensch und Material in der Marine, die es auf beiden Seiten – personell und materiell – zu fördern und zu stärken gilt.
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