Impfungen schützen nicht nur Einzelne, sondern stärken auch die Widerstandsfähigkeit ganzer Gesellschaften. Foto: DBwV/Kruse

Impfungen schützen nicht nur Einzelne, sondern stärken auch die Widerstandsfähigkeit ganzer Gesellschaften. Foto: DBwV/Kruse

28.06.2026
Ralf Hofmann

Infektionen sind unvermittelbarer Faktor militärischer Verwundbarkeit

Impfungen als Teil der gesamtgesellschaftlichen Resilienz und Gesundheitsvorsorge im Kontext von Landes- und Bündnisverteidigung.

Impfungen spielen in der Prävention von Infektionserkrankungen eine zentrale Rolle und schützen nicht nur Einzelne, sondern stärken auch die Widerstandsfähigkeit ganzer Gesellschaften und der Streitkräfte gegen Infektionsbedrohungen. Dieser Beitrag zeigt, warum belastbare Impfprogramme ein wesentlicher Baustein von Gesundheitsschutz, Einsatzfähigkeit und gesellschaftlicher Resilienz sind.

Historische Herleitung

Infektionen stellten in der Geschichte der Medizin lange Zeit einen der wichtigsten Gründe für Erkrankungen und Sterblichkeit in menschlichen Gesellschaften dar. Jahrtausendelang waren die Pocken mit einer Sterblichkeit von bis zu 30 Prozent eine stetige Bedrohung von Gesellschaften. Die hochansteckende Erkrankung hinterließ bei Überlebenden nicht nur entstellende Narben, sondern schwächte ganze Gesellschaften durch enorme Krankheits- und Todeslasten. Ende des 18. Jahrhunderts gelang dem britischen Arzt Edward Jenner der entscheidende Durchbruch: Er entwickelte die erste wissenschaftlich validierte Impfung, gewonnen aus Kuhpockenmaterial (Kuh, lateinisch „vacca“ – daher „Vakzination“). Der Begriff setzte sich aufgrund der überragenden Bedeutung dieser Innovation weltweit durch.

Die Pocken sind auch die bisher einzige Infektionserkrankung, welche durch eine weltweite, durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) organisierte, langjährige Impfkampagne im Jahr 1980 für ausgerottet erklärt werden konnte.

Neben den Pocken existieren auch heute noch zahlreiche Infektionen, die die Gesundheit von Menschen erheblich gefährden. Seit dem späten 19. Jahrhundert folgten Impfstoffe gegen weitere Infektionserkrankungen: In den USA sanken nach Einführung systematischer Impfprogramme Masern-, Mumps-, Diphtherie- und Tetanusfälle um über 92 Prozent, die Mortalität sogar um 99 Prozent. Moderne Varizellenimpfstoffe erreichen Wirksamkeiten von über 95 Prozent, bei schweren Verläufen noch höher. Diese Programme haben die globale Krankheitslast drastisch gesenkt und Millionen von Leben gerettet.

Notwendigkeit von Impfungen in der Bundeswehr

Für Streitkräfte sind Infektionen nicht nur ein individuelles Gesundheitsrisiko, sondern ein unmittelbarer Faktor militärischer Verwundbarkeit. Bereits der Ausfall einzelner hoch spezialisierter Soldatinnen und Soldaten auf Schlüsselposten kann zu kritischen Fähigkeitslücken führen. Im Falle ausgedehnter, flächendeckender Ausbrüche mit zahlreichen erkrankten Soldatinnen und Soldaten kann auch die Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit großer Einheiten erheblich reduziert sein. Selbst kleinere Ausbrüche auf Kompanieebene schwächen die lokale Kampfkraft und erschweren Führungsentscheidungen. Zudem binden erkrankte Soldatinnen und Soldaten sanitätsdienstliche Ressourcen und Kapazitäten. Im ungünstigsten Fall erkrankt das medizinische Personal selbst an diesen Infektionen und steht für die Behandlung verwundeter Kameradinnen und Kameraden nicht mehr zur Verfügung. Auch darf die psychologische Wirkung von Infektionsgeschehnissen auf betroffene Einheiten nicht unterschätzt werden.

Die Bundeswehr sieht für das militärische Personal abgestufte und lageangepasste Impfprogramme vor, welche die im vorgegebenen Einsatzszenario impfpräventablen Erkrankungen abdecken. Basis dieser Impfungen sind die Empfehlungen der zivilen Impfschutzkommission (STIKO) des Bundesgesundheitsministeriums am Robert Koch-Institut, angepasst auf die militärischen Besonderheiten und Bedürfnisse. Diese Impfprogramme inkludieren sowohl duldungspflichtige als auch verschiedene Angebotsimpfungen. Impfungen sind in diesem Sinne ein Teil militärischer Resilienz: unspektakulär im Vollzug, aber unverzichtbar in ihrer Wirkung.

In der Militärmedizin bekannte Beispiele für den Einfluss von Infektionen auf die Operationsführung sind die Spanische Grippe in der Endphase des Ersten Weltkrieges, welche insbesondere beim US-Heer die Einsatz- und Durchhaltefähigkeit der eingesetzten Truppen erheblich reduziert hat. In jüngerer Zeit ist die COVID-19-Pandemie ein Beispiel für die teils massiven und weltweiten Einschränkungen des militärischen Dienstbetriebes durch eine Infektionserkrankung.

In der Bundeswehr befasst sich eine entsprechende Expertengruppe mit den Impf- und Prophylaxemaßnahmen in der Bundeswehr (IPMBw). Hierzu zählen vor allem SanAkBw Abt MI2/Surveillance/MN FHP Nexus (ständiger Gast in der STIKO) und die Konsiliargruppe Innere Medizin, AG Infektiologie. In besonderen Fällen wird auch der Wehrmedizinische Beirat des Bundesministers der Verteidigung beauftragt, zu einzelnen Impfmaßnahmen Stellung zu nehmen.

Dabei gilt es immer wieder vor dem Hintergrund neuer oder sich verändernder Krankheitsbilder, neuer Impfstoffe bzw. Erkenntnissen zu Wirkung und Nebenwirkung abzuwägen, welche Impfmaßnahmen sinnvoll sind und welche nicht. Daher wird das in der Bundeswehr für Soldatinnen und Soldaten angewandte Impfschema in regelmäßigen Abständen durch das Expertengremium überprüft und bei Bedarf angepasst. Dieses Verfahren hat sich über Jahrzehnte bewährt.

Bedeutung von Impfungen für die Gesamtbevölkerung

Für die Allgemeinbevölkerung stellen Impfungen eine der größten Erfolgsgeschichten der Medizin dar. Erkrankungen wie die bereits genannten Pocken oder auch Diphtherie, welche vor der Verfügbarkeit von Impfungen regelmäßig hohe Krankheitslasten und Todesfälle verursachten, sind inzwischen vollkommen verschwunden bzw. haben ihren Schrecken verloren. Noch bis ins späte 19. Jahrhundert war es nicht ungewöhnlich, wenn bis zu 10 Prozent der Kleinkinder aller sozialer Schichten an Diphtherie verstarben, da weder eine wirksame Behandlung noch eine Impfung verfügbar waren. Aus dieser Zeit stammt auch noch der volkstümliche Name „Würgeengel der Kinder“.

Inzwischen sind aufgrund guter Durchimpfungsraten viele dieser einstmals gefürchteten Infektionen nicht mehr im allgemeinen Bewusstsein präsent, da es keine oder kaum noch derartige Erkrankungen gibt. Dies kann dann zu der Wahrnehmung führen, dass diese Impfungen nicht mehr nötig seien, „da es diese Erkrankung(en) nicht mehr gäbe“. Gerade am Beispiel der Diphtherie ist dies aber falsch, da geimpfte Personen selber geschützt sind und bei einer Infektion nicht erkranken, aber dennoch völlig beschwerdefreie Träger des Erregers sind – und somit andere Personen infizieren können. Verfügen diese Personen selbst über keinen ausreichenden Impfschutz, so können wieder Erkrankungsfälle auftreten. Ein ähnliches Phänomen gibt es übrigens auch bei dem Virus, welches Poliomyelitis (Kinderlähmung) verursacht. Auch hier haben die durch die WHO koordinierten Impfkampagnen die Erkrankung massiv zurückgedrängt.

Zu niedrige Impfraten führen regelmäßig zu einem Wiederauftreten eigentlich vermeidbarer Erkrankungen (inklusive deren Folgeschäden), wie man beispielsweise anhand der Masern aktuell in den USA oder den Windpocken in Deutschland (inklusive wiederholter Fälle innerhalb der Bundeswehr) beobachten kann.

Neben dem Gesundheitsschutz der einzelnen Personen haben viele Impfungen einen protektiven Effekt auf die Gesamtbevölkerung („Herdenimmunität“). Dies bedeutet, dass Personen mit einem alters- oder krankheitsbedingten schwächeren Immunsystem indirekt geschützt werden: Wenn möglichst viele Personen um sie herum immun sind und den Erreger nicht weitergeben, wird dieser vulnerable Personenkreis effektiv geschützt. Durch diese „Herdenimmunität“ wird die Wahrscheinlichkeit gesenkt, dass weniger immunkompetente Personen überhaupt in Kontakt mit dem jeweiligen Erreger kommen. Beispielhaft ist dies bei den Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Keuchhusten oder auch Influenza der Fall.

Hohe Durchimpfungsraten tragen maßgeblich dazu bei, dass viele Personen vor impfpräventablen Infektionserkrankungen geschützt sind, was wiederum das Gesundheitssystem deutlich entlastet (weniger Behandlungsbedarf) und damit nicht nur Kosten senkt, sondern auch medizinisches Personal entlastet. Impfungen als hochwirksame Präventionsmaßnahme sind somit ein gutes Beispiel für Effizienzsteigerungen im Gesundheitssystem.

Schlussbemerkung

Diese kurze Darstellung zu wichtigen Aspekten des Impfwesens im militärischen und zivilen Umfeld zeigt: Impfungen sind mehr als eine individuelle Vorsorgemaßnahme; sie sind ein strategisches Element gesamtgesellschaftlicher Resilienz und Gesundheitsvorsorge. In der Bundeswehr sichern sie Einsatzbereitschaft, Durchhaltefähigkeit und den Schutz besonders vulnerabler Kameradinnen und Kameraden. In der Zivilgesellschaft bewahren sie Funktionsfähigkeit, schützen besonders gefährdete Gruppen und entlasten das Gesundheitssystem nachhaltig.

Wer Resilienz im Kontext von Landes- und Bündnisverteidigung ernst nimmt, muss Prävention mitdenken. Impfungen können dabei zu den wirksamsten, verlässlichsten und langfristig effizientesten Maßnahmen gehören. Gerade weil ihr Erfolg häufig unsichtbar bleibt, sollten sie als sichtbarer Ausdruck vorausschauender Verantwortung verstanden werden.

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