Wie stark ist das transatlantische Bündnis? US-Präsident Donald Trump mit Verteidigungsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio während des NATO-Gipfels im Juli 2026. Foto: Picture-Alliance/abaca/Jumeau Alexis/ABACA

Wie stark ist das transatlantische Bündnis? US-Präsident Donald Trump mit Verteidigungsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio während des NATO-Gipfels im Juli 2026. Foto: Picture-Alliance/abaca/Jumeau Alexis/ABACA

31.10.2026
Von Sigmar Gabriel

Mehr Europa, weniger Amerika: Eine sicherheitspolitische Bilanz nach 21 Monaten Trump

In wenigen Tagen stehen in den USA die sogenannten Midterms an – die Zwischenwahlen zwischen den Präsidentschaftswahlen sind ein wichtiger Stimmungstest für US-Präsident Donald Trump. Derweil steht das transatlantische Bündnis vor einer Bewährungsprobe: Kaum war der Druck auf die NATO so groß. Doch sein institutioneller Kern hat bislang mehr ausgehalten, als es die tägliche Aufregungsspirale vermuten lässt. Ein Gastbeitrag von Sigmar Gabriel.

Zwischen 1979 und 1981 war ich Soldat auf Zeit. Zwei Jahre bei der Luftwaffe. Wir waren entlang der damaligen innerdeutschen Grenze im „Tieffliegermelde- und Leitdienst“ (TMLD) eingesetzt und wuchsen buchstäblich in Sichtweite der Zonengrenze auf. Der TMLD überwachte den Luftraum unterhalb von 3000 Metern gegen Tiefflieger des Warschauer Pakts und speiste seine Daten in den integrierten Luftverteidigungsverbund der NATO ein – zu dem auch die amerikanischen Einheiten mit ihren in Westdeutschland stationierten HAWK- und Nike-Flugabwehrraketen gehörten.

Das transatlantische Bündnis war für uns damals keine Formel aus Sonntagsreden, sondern gelebter Alltag am Radarschirm. Vielleicht war das mit ein Grund, warum es für meinen Jahrgang zur Zeit der Musterung eher selbstverständlich war, sich für den Wehrdienst zu entscheiden – nur wenige verweigerten die Bundeswehr und gingen zum Zivildienst. Bis heute treffen wir uns mit unseren damaligen Ausbildern und Vorgesetzten in Goslar. Daran kann man sehen, dass wir in der Bundeswehr keine schlechten Erfahrungen gemacht haben – im Gegenteil. Ich erzähle das an dieser Stelle, weil die Frage, ob man sich auf Bündnispartner verlassen kann, für mich nie eine akademische war. Sie war tägliche Praxis, Schulter an Schulter mit amerikanischen Verbündeten, in einer Generation, die im Schatten eines geteilten Kontinents groß wurde.

Ehrlicherweise haben wir damals aber nie wirklich gedacht, dass es zu einem ernsthaften Einsatz bzw. einem Verteidigungsfall kommen würde. Die Stärke der NATO und das Bündnis mit den USA ließen ein ernsthaftes Gefühl der Bedrohung nicht aufkommen, es blieb letztlich theoretisch.

Der wachsende Druck auf das Bündnis

21 Monate nach Trumps Amtsantritt lohnt sich eine erste, nüchterne Bilanz – keine endgültige, aber eine ehrliche. Und der Ehrlichkeit wegen muss man sagen: Das transatlantische Verhältnis steht unter stärkerem Druck als zu fast jedem anderen Zeitpunkt seit Gründung der NATO. Trotzdem: Sein institutioneller Kern hat bislang mehr ausgehalten, als es die tägliche Aufregungsspirale vermuten lässt.

Fangen wir mit dem Druck an. Im Januar erlebten wir etwas, das es in dieser Form noch nicht gab: Die USA stellten offen die Gebietshoheit eines NATO-Partners infrage. Grönland, dänisches Hoheitsgebiet, wurde zum Gegenstand einer Rhetorik, die zwischen Kaufangebot und der Drohung mit dem „harten“ oder dem „einfachen“ Weg oszillierte. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sprach von einem „schicksalhaften Moment“ für die NATO.

Inzwischen haben die USA, Dänemark und Grönland den Streit offenbar beigelegt und im September am Rande der UN-Generalversammlung ein Sicherheitsabkommen unterzeichnet. Der genaue Wortlaut der Vereinbarung ist aber bislang nicht bekannt.

Trotzdem bleibt das beunruhigende Gefühl: Ein Bündnispartner, der öffentlich über die Neuzeichnung der Landkarte eines anderen nachdenkt, stellt die Geschäftsgrundlage der Allianz infrage, nicht nur ihre Stimmung.

Fast zeitgleich vollzog sich, was man in Washington „Burden Shifting“ nennt: die Verlagerung der Hauptverantwortung für Europas konventionelle Verteidigung auf die Europäer selbst, während sich die USA stärker dem Indopazifik zuwenden. Der Gipfel von Den Haag hatte 2025 das Fünf-Prozent-Ziel beschlossen, Ankara sollte im Juli zeigen, ob den Worten Taten folgen. Deutschland erhöhte seinen Verteidigungshaushalt 2026 auf 124 Milliarden Euro und will das 3,5-Prozent-Ziel schon 2029 erreichen, sechs Jahre früher als vereinbart. Europa und Kanada gaben binnen zweier Jahre zusammen rund 258 Milliarden Dollar mehr für Verteidigung aus – überfällige Investitionen in die eigene Sicherheit.

Gleichzeitig sollen 5000 Soldatinnen und Soldaten aus Deutschland abgezogen werden, ein komplettes Brigade-Kampfteam verlässt das Land, ein weiteres geplantes Bataillon kommt gar nicht erst. Die US-Truppenpräsenz in Europa sinkt damit wieder auf das Niveau von vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. Bemerkenswert war der Zeitpunkt: Die Ankündigung fiel, kurz nachdem Bundeskanzler Merz das amerikanische Vorgehen im Iran-Krieg öffentlich kritisiert hatte – Truppenstationierung ist in dieser Administration erkennbar nicht frei von politischer Verstimmung.

Den eigentlichen Stresstest aber lieferte nicht Grönland oder das Fünf-Prozent-Ziel, sondern der Iran-Krieg. Als Washington im Frühjahr europäische Unterstützung für seinen Krieg gegen Teheran erwartete, verweigerten sich mehrere Verbündete: Spanien sperrte seinen Luftraum für amerikanische Kampfjets, Italien verwehrte US-Militärmaschinen die Landung auf Sizilien, Polen lehnte die Verlegung eigener Patriot-Systeme in den Nahen Osten ab. US-Außenminister Rubio reagierte mit einer unverhohlenen Drohung: Die NATO dürfe „keine Einbahnstraße“ sein, ein amerikanischer Austritt aus dem Bündnis sei eine ernsthaft zu prüfende Option. Hier zeigte sich das eigentliche Problem: Es geht längst nicht mehr nur ums Geld, sondern darum, wer im Ernstfall mitzieht – und bei wessen Kriegen.

Dazu kommt die nukleare Dimension: Der New-START-Vertrag, letzter Rüstungskontrollvertrag zwischen Washington und Moskau, ist im Februar ausgelaufen. Über eine europäische, auf französischen und britischen Fähigkeiten gestützte Abschreckung muss ernsthaft nachgedacht werden – ein ungewohnter Gedanke. Wie belastbar der amerikanische Schutzschirm bleibt, gehört trotzdem ehrlich auf den Tisch.

Russland wartet nicht

Während Washington, Brüssel und die europäischen Hauptstädte darüber stritten, hat Russland nicht pausiert. Die Verletzung von EU-Luftraum im Mai, eine russische Drohne auf ein rumänisches Wohnhaus und vor kurzem erst der Anschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle: Die Bundesregierung hat Russland offiziell für den versuchten Sprengstoffdrohnenangriff verantwortlich gemacht, NATO-Generalsekretär Rutte und Kommissionspräsidentin von der Leyen stellten sich demonstrativ hinter Berlin. Das ist die eigentliche Mahnung dieser 21 Monate: Russland hat auf unsere transatlantischen Selbstzweifel nicht gewartet.

Wie stabil ist das Verhältnis also? Strukturell hat es gehalten. Artikel 5 wurde in Ankara bekräftigt, keine Regierung hat das Bündnis verlassen, die Verteidigungshaushalte steigen, die Ukraine erhält weiter Militärhilfe in zweistelliger Milliardenhöhe, und zäh wird über einen Waffenstillstand auf Basis der Sicherheitsgarantien von Berlin und Paris verhandelt. Die psychologische Geschäftsgrundlage aber hat sich dauerhaft verschoben, fürchte ich: Kein Planer in Berlin oder Warschau kann sich heute noch auf ein automatisches, bedingungsloses amerikanisches Engagement verlassen. Das ist nicht das Ende der Allianz. Es ist das Ende einer Illusion, von der wir uns ohnehin längst hätten verabschieden sollen.

Europas Jahrzehnt der Bewährung

Das bedeutet nicht, dass wir mit den USA im Streit auseinandergehen. Als Vorsitzender der Atlantik-Brücke bin ich überzeugt: Deutschland und Europa haben gemeinsame Interessen mit den Vereinigten Staaten – Interessen, die diese Administration überdauern. Aber wer ehrlich rechnet, weiß auch: Es wird noch etwa ein Jahrzehnt dauern, bis Europa seine konventionelle Verteidigung einigermaßen unabhängig von amerikanischer Unterstützung organisieren kann. Diese Dekade müssen wir überbrücken – nüchtern und ohne die Empörungsrhetorik, die in Berlin oft mehr Aufmerksamkeit bindet als die eigentliche Aufgabe.

Für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr heißt das: Ihr Auftrag ist heute nicht kleiner geworden, sondern größer. Ich stand vor mehr als vierzig Jahren an einer Grenze, die unser Land teilte. Die Grenze von heute verläuft anders – aber der Auftrag ist derselbe geblieben: Abschreckung so glaubwürdig zu machen, dass sie nie eingelöst werden muss. Dass dafür heute mehr europäisches und weniger amerikanisches Engagement nötig ist, macht diesen Auftrag nicht leichter. Es macht ihn wichtiger.

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