Bei der Buchpräsentation in der Bundesgeschäftsstelle des DBwV(v.l.n.r): Botschafter Oleksij Makeiev, Autor Roderich Kiesewetter und der NZZ-Journalist und Moderator Marco Seliger. Foto: DBwV/Yann Bombeke

06.03.2026
Von Frank Jungbluth

„Die Bundeswehr braucht eine Revolution“

Roderich Kiesewetter Oberst a.D., CDU-Bundestagsabgeordneter, Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitiker, ist bekannt für seine schnellen und scharfen Analysen. Ebenso für seine entschlossene Haltung, dass man nicht das Problem zu lange betrachten sollte, sondern die Lösung im Blick haben und beherzt handeln muss.

In seinem Buch „WAS WOLLEN WIR? WAS KÖNNEN WIR? Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung“, beschreibt Kiesewetter, was vier Jahre nach der russischen Großinvasion in der Ukraine und dem derzeit tobenden Krieg in Nahost für die Bundesrepublik und die Bundeswehr zu tun ist – das ist, so viel kann man sagen, viel mehr, als Politik und Regierung den Menschen im Lande zu sagen wagen.

Am Donnerstag hat der versierte Experte und Stratege das Werk in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen BundeswehrVerbandes in Berlin vorgestellt. Es ist ein 287 Seiten starkes Bekenntnis, ein klares Statement und eine unmissverständliche Aufforderung, endlich zu handeln.

Als Laudator hat der ukrainische Botschafter in Berlin, seine Exzellenz Oleksij Makeiev, betont, wie wichtig Deutschlands Rolle und die andauernde Unterstützung durch die Bundeswehr für sein Land ist: „Uns Diplomaten stehen nur wenige Waffen zur Verfügung. Das Wort ist unsere wichtigste Waffe.“

Wie wichtig Geschwindigkeit für eine Kriegspartei wie die Ukraine ist, machte der Botschafter ebenso in der von Marco Seliger moderierten Diskussion mit Roderich Kiesewetter deutlich: „Bei der Beschaffung von Waffensystemen schaut man in Deutschland ins nächste Jahrzehnt. Wir Ukrainer müssen kurzfristig entscheiden und schnell handeln. Wir arbeiten nicht in Teilzeit, sondern im Dreischicht-Betrieb.“

Den Autoren des Buches und Freund Roderich Kiesewetter lobt er ausdrücklich. „Er beherrscht die Kunst der Diplomatie und die des Wortes. Roderichs Sprache war und ist immer eine der Unterstützung und des Handelns.“ Deutlich wird Makeiev aber unermüdlich, wenn es um den Ernst der Lage im elften Jahr des Krieges mit Russland geht: „Wir müssen etwas tun, um schneller und besser zu reagieren. Zusicherungen und schöne Worte reichen uns in der Ukraine nicht, reicht aber auch den Deutschen nicht, wenn der Krieg sich ausweiten sollte. Die Szenarien, die Roderich Kiesewetter beschreibt, sind sehr ernst zu nehmen.“

„Vielleicht haben sie es noch nicht bemerkt, wir sind schon lange in der EU und der NATO“, sagt Makeiev. Das zu ignorieren, wäre für unseren gemeinsamen Gegner Russland ein schönes Geschenk. Kiesewetter helfe der Ukraine, immer wieder neue Argumente zu finden, warum die Unterstützung der NATO und der EU so wichtig ist in diesem Kampf gegen Russland.

Für den Offizier und Christdemokraten Roderich Kiesewetter ist klar: „Was wir als Land wollen, das ist uns in unsere Verfassung gelegt. Unsere staatliche Gewalt geht vom Volke aus. Das Volk hat ein Recht auf umfassende Information. Wir müssen begreifen, dass die europäische Geschichte heute auf dem Ende des Nationalsozialismus fußt, dafür haben die alliierten Siegermächte des 2. Weltkrieges einen hohen Blutzoll bezahlt. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges für unsere Nachbarn: Nie wieder wehrlos. Während man in Deutschland sagt: Nie wieder Krieg. Das muss gemeinsam verbunden werden.“

Wie wichtig Sprache in diesem Krieg mit Blick auf eine ehrliche und realistische Lageeinschätzung für Deutschland ist, macht Roderich Kiesewetter an einem prägnanten Beispiel deutlich: Wir hatten in 2025 2.000 Drohnenüberflüge in Deutschland, Russland testet uns, wir nehmen es hin. Wir sagen: Wir sind nicht im Krieg mit Russland, aber das definiert der Aggressor, ob er mit uns im Krieg ist. Uns fehlt immer noch der Sinn für die Dringlichkeit.“ Das Markenzeichen Europas sei Verlässlichkeit, deshalb müsse man zu den Sicherheitsgarantien stehen, aber genau das finde nicht statt. „Putin wird nicht warten bis 2029, er wird es in zwei Jahren machen mit noch mehr Druck aufbauen, noch mehr hybride Kriegsführung. Deutschland zieht sich darauf zurück, dass wir irgendwann eine logistische Drehscheibe werden.“ Wie wichtig Deutschlands Unterstützung für die Ukraine ist, hat Botschafter Makeiev selbst erlebt: „Das meine Freunde und meine Mutter noch am Leben sind, verdanke ich den Patriots aus Deutschland.“

Gefechtsfelder sind militärisch, zivil-hybrid und kognitiv

„Die Bundeswehr braucht eine Revolution, um die Zeitenwende umzusetzen – wir müssen die Bundeswehr komplett neu aufbauen“, ist Roderich Kiesewetters klares Bekenntnis in seinem Buch zu einschneidenden Maßnahmen und einer konzertierten sicherheits- und verteidigungspolitischen Aktion. Denn, es gilt, auf drei Gefechtsfeldern parallel resilient zu sein: Militärisch, zivil-hybrid und kognitiv – das ist die Herausforderung der Gegner, denen sich der freie Westen und auch der freie Osten, auch der Europas, stellen muss.

Roderich Kiesewetter definiert das zutreffend, analytisch und beschreibt vor allem – und das unterscheidet sein Buch von so vielen anderen – die Handlungsfelder; nicht nur abstrakt, sondern mit praktischen Handlungsanleitungen. Ebenso fundiert, und mit Blick auf die Herausforderer der demokratischen Allianz, auch historisch begründet. Dabei bleibt er dabei, was anerkanntes Allgemeingut ist: Nur, wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft meistern.

In Nord- und Osteuropa wird die Zeitenwende gestaltet

Denn: „Im Gegensatz zu uns gestaltet Putin die Zeitenwende. Zum Glück tun das ebenso die westlich orientierten Staaten nördlich und ostwärts von uns. Berlin hingegen schaut zu und liebäugelte zeitweise sogar mit einem Separatfrieden“, schreibt Roderich Kiesewetter. Der Autor hat Russlands Vollinvasion vor dem 24. Februar 2022 vorausgesagt, weil er als erfahrener Stabsoffizier mit Auslandseinsätzen und Verwendungen als Kommandeur und bei der NATO sehr genau weiß, wie offensichtliches zu deuten und unausweichliches auszusprechen ist. Kiesewetter zitiert passend zur Lage auch den deutschen Nationaldichter Friedrich Schiller, der schon im 18. Jahrhundert wusste: „Der Mut wächst mit der Gefahr“. Das ist ein bis in die heutige Zeit wirkendes Plädoyer gegen Wankelmut und Kleinmut, gegen das Leugnen der Wirklichkeit und für den Mut zur Tat.

Die Freiheit, die es vor allem auch für unsere Kinder zu schützen und zu bewahren gilt, und die Gefahren, die sie bedrohen, beschreibt Roderich Kiesewetter prägnant: Die Freiheit als Grundlage demokratischer Gesellschaften und der regelbasierten Ordnung, diese Freiheit steht heute unter Druck. „Wir befinden uns in einem Systemkrieg.“ Die Systeme, die da aufeinander prallen, sind die regelbasierte Ordnung des Westens und die CRINK-Staaten – China, Russland, Iran und Nordkorea – als jene, die den Frieden und die Freiheit, den Wohlstand und die Kultur der freien Welt angreifen und zerstören wollen. Folgerichtig haben Israel und die USA mit vereinten Kräften den Iran angegriffen; und kämpfen damit auch den Kampf Deutschlands und Europas für unsere Ideale und unsere Lebensweise.

Eigentlich hat Deutschland alles, was man braucht

„Die Lektüre verdeutlicht, dass Deutschland über alle notwendigen Ressourcen verfügt, um die sicherheitspolitischen Herausforderungen zu bestehen: das Humankapital, die Technologien, die Industriekapazitäten, die Finanzmittel und vor allem viele kluge Köpfe. Es kommt nun darauf an, dieses Potential zu nutzen, um im Systemkrieg mit Russland zu bestehen. Gelingen kann dies, wenn die Bundesrepublik eine Kultur der Wehrhaftigkeit entwickelt, die von Politik wie Bürgern gleichermaßen getragen werden muss. Die Anfänge dazu sind gemacht. Roderich Kiesewetter hat ein wichtiges Buch geschrieben, dass uns alle in die Pflicht nimmt, für eine mutigere Sicherheitspolitik einzustehen, um Frieden und Freiheit zu verteidigen“, schreibt der Historiker Prof. Dr. Sönke Neitzel in seinem Vorwort. Wahre Worte.

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