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Ankunft am 27. August 2021 in Wunstorf: Nach einer riskanten Evakuierungsoperation sind die deutschen Soldatinnen und Soldaten zurückgekehrt. Foto: picture alliance/dpa/Daniel Reinhardt
Wenige Wochen, nachdem im Juni 2021 das letzte deutsche Einsatzkontingent Afghanistan verlassen hatte, kehrten deutsche Soldaten Ende August nach Kabul zurück – für eine riskante Evakuierungsmission. Am 27. August 2021 werden die deutschen Soldatinnen und Soldaten der Evakuierungsoperation auf dem Fliegerhorst Wunstorf empfangen.
Kaum zu glauben, dass es schon so lange her ist: Vor fünf Jahren endete das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan. Damit war einer der längsten Auslandseinsätze in der Geschichte der Bundeswehr abgeschlossen – fast zwanzig Jahre waren deutsche Soldatinnen und Soldaten am Hindukusch präsent.
Zugleich war der Einsatz in Afghanistan der wohl intensivste, zumindest aber war es der Einsatz, der den höchsten Blutzoll forderte: 59 Soldaten kehrten nicht mehr lebend in ihre Heimat zurück, 35 von ihnen fielen durch Fremdeinwirkung. Mit der Mission in Afghanistan fanden auch Begriffe wie „Gefallene“ und „Verwundete“ in den deutschen Sprachgebrauch zurück. Insgesamt nahmen nach Angaben der Bundeswehr von 2002 bis 2021 rund 160.000 Soldatinnen und Soldaten an den Einsätzen ISAF und Resolute Support teil – damit ist die Mission in Afghanistan auch nach dem Ende der Zeit der großen Auslandseinsätze und der Refokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung auf lange Zeit fester Bestandteil der Bundeswehr-DNA.
Nachdem der NATO-Rat im April 2021 das Ende des militärischen Engagements in Afghanistan beschlossen hatte, verließ das letzte deutsche Einsatzkontingent bereits Ende Juni das Feldlager Masar-e-Sharif im Norden des Landes; lange Zeit Schwerpunkt des deutschen Einsatzes in Afghanistan. Der Abzug war monatelang vorbereitet worden und verlief ohne größere Zwischenfälle. Am 30. Juni 2021 landeten die letzten deutschen Soldatinnen und Soldaten im niedersächsischen Wunstorf. Viel Kritik, auch vom Deutschen BundeswehrVerband, gab es jedoch für den Umstand, dass kein Spitzenpolitiker vor Ort war, um diese letzten 264 deutschen Afghanistan-Soldaten in Empfang zu nehmen. Weder die Bundeskanzlerin noch der Bundespräsident oder die Verteidigungsministerin waren auf dem Fliegerhorst Wunstorf zugegen, als dieses Kapitel deutscher Geschichte zu Ende ging.
Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste: Das Kapitel war noch gar nicht zu Ende geschrieben. In den folgenden Wochen verschlechterte sich die Sicherheitslage in Afghanistan dramatisch – in einem atemberaubenden Tempo erlangten die aufständischen Taliban die Kontrolle über immer größere Teile des Landes. Die von den westlichen Nationen ausgebildeten und ausgerüsteten Kräfte der Afghan National Army (ANA) hatten dem Ansturm der Aufständischen nicht viel entgegenzusetzen – oft überließ ihnen die ANA ganze Städte und Provinzen vollkommen ohne Gegenwehr. Viele Experten hatten zwar ihre Zweifel geäußert, ob sich die pro-westliche Regierung auf Dauer werde behaupten können. Dass die Taliban und ihre Verbündeten aber bereits bis Mitte August weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht haben und vor den Toren der Hauptstadt Kabul auftauchen würden, hatte kaum jemand vorhergesehen.
Zuerst reagierten die USA und Großbritannien auf die neue Lage und bereiteten eine militärische Evakuierungsoperation am Hamid-Karzai-Flughafen in Kabul vor. Am 14. August begann die Operation, die USA hatten dafür Sicherung und Betrieb des militärischen Teils des Flughafens übernommen. Am gleichen Tag kündigte die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an, dass auch Deutschland einen Beitrag zur Evakuierungsoperation leisten würde. Der Bundeswehreinsatz startete zwei Tage später, am 16. August 2021. Bis zu 600 Soldatinnen und Soldaten waren beteiligt: Es waren neben dem Personal der Luftwaffe unter anderem Fallschirmjäger, Feldjäger und Sanitätskräfte, aber auch Soldaten des Kommandos Spezialkräfte, die in einen Einsatz mit vielen Unbekannten entsendet wurden. Die Führung vor Ort übernahm Brigadegeneral Jens Arlt, damals Kommandeur der Luftlandebrigade 1.
Elf Tage Einsatz
Dies war der Beginn einer militärischen Evakuierungsoperation eines für die Bundeswehr bislang nicht gekannten Ausmaßes: In dem elf Tage andauernden Einsatz wurden mit den A400M der Luftwaffe mit 37 Flügen insgesamt 5347 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Reine Zahlen, die bei Weitem nicht erfassen, welche Härten dieser Einsatz mit sich brachte. Es waren verstörende Bilder, die damals um die Welt gingen: Dutzende verzweifelte Menschen, die sich an den Fahrwerksschacht eines startenden US-Transportflugzeugs klammern, um dann in den unvermeidlichen Tod zu stürzen. Außerhalb des Flughafengeländes herrschte pures Chaos: Zigtausende Menschen drängten sich tagelang unter katastrophalen Bedingungen vor den Toren des Flughafens, versuchten auf das Gelände zu gelangen, um einen Platz in einem der Transportflugzeuge zu erhalten.
An den Toren des Flughafens: deutsche Soldatinnen und Soldaten, die vor einer schier unmöglich anmutenden Aufgabe stehen: jene auf das Gelände zu lassen, die berechtigt sind, mit einem der Flieger außer Landes zu gelangen. Und jene zurückzuweisen, die eben dazu nicht berechtigt sind. Eine absolut unmenschliche Situation, die der Offizier Marc Hinzmann in seinem Buch „Leben und sterben lassen: Die letzten Tage der Bundeswehr in Afghanistan“ beschrieben hat. Die deutschen Soldatinnen und Soldaten wurden am North Gate des Flughafens Zeuge unermesslichen menschlichen Leids. Wie gefährlich diese Lage zudem war, zeigte auch der brutale Anschlag an einem anderen Tor, das von US-Marines gesichert wurde. Ein Selbstmordattentäter des afghanischen Ablegers des „Islamischen Staats“ sprengte sich dort am 26. August in die Luft – bis zu 170 Afghanen und 13 US-Soldaten starben bei dem Attentat.
KSK kommt ins Spiel
Doch längst nicht alle Zivilisten, die ausreisen wollten und durften, schafften es bis zum Flughafen. Hier kam das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr ins Spiel: Im Schutze der Dunkelheit verließen die Spezialkräfte die relative Sicherheit des Flughafens, um deutsche Staatsangehörige an zuvor vorab vereinbarten Treffpunkten in der Stadt abzuholen.
Auf ihrer Webseite beschreibt die Bundeswehr einen solchen Einsatz in der Nacht vom 25. auf den 26. August: „In aufgelockerter Formation bahnen sich einige Soldaten den Weg durch die rastenden Menschengruppen. Zügig, aber ohne Hast. Ausrüstung und Habitus lassen auf westliche Spezialkräfte schließen. Die deutsche Flagge an Helm und Brust zeigt: Es sind Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK)."
Das Ziel der Männer liegt vielleicht noch hundert Meter entfernt. Eine grell erleuchtete Tankstelle, die wie ein eben gelandetes Ufo aus der Dunkelheit heraussticht. Dort wollen sie ihre Schutzbefohlenen aufnehmen. Zwei junge Frauen, deren zwölfjährigen Bruder und die Mutter, alles Angehörige einer deutschen Großfamilie.
Zweimal waren die Kommandosoldaten heute Nacht bereits draußen und haben Mitglieder der Familie in den gesicherten Bereich des Flughafens gebracht. Diese vier Schutzbefohlenen sind die letzten, die vor Tagesanbruch geholt werden können. Die letzten überhaupt. Denn nur 24 Stunden später werden die Deutschen Afghanistan verlassen haben. Der Name der Mission ist also Programm: „Last Call.“
Brigadegeneral Arlt holt deutsche Flagge ein
Mehr als zehn Mal rückten die mutigen Soldaten des KSK nach Angaben der Bundeswehr aus, um Menschen aus Kabul zu einem der wartenden A400M der Luftwaffe zu bringen. Am Abend des 26. August 2021 ist es Brigadegeneral Arlt, der die deutsche Flagge am Kabuler Flughafen einholt – nun ist der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan endgültig Geschichte. Ganz anders als noch im Juni ist am 27. August der Empfang für Soldatinnen und Soldaten der Evakuierungsoperation auf dem Fliegerhorst Wunstorf: Dieses Mal ist Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer vor Ort. Die Soldatinnen und Soldaten hätten „Unfassbares gesehen und erlebt, Unglaubliches geleistet“, sagt die Ministerin.
Der Bundestag wird sich später intensiv mit dem Afghanistan-Einsatz befassen: Ein Untersuchungsausschuss soll die Umstände des Truppenabzugs und der Evakuierungsmission aufklären, während eine Enquete-Kommission den gesamten Afghanistan-Einsatz beleuchten soll. Mitglied der Enquete-Kommission ist auch der Bundesvorsitzende, Oberst André Wüstner. In ihrer Bewertung sind sich beide Gremien weitgehend einig: Der Einsatz sei „strategisch gescheitert“. Die Leistungen der deutschen Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan schmälert das nicht – sie haben Außergewöhnliches geleistet und das nicht nur bei der militärischen Evakuierungsoperation, die den Schlusspunkt setzte.
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