Die Innere Führung ist die geistige, sittliche und moralische DNA der Bundeswehr. Sie leitet das Handeln von Soldatinnen und Soldaten und stellt sicher, dass der militärische Dienst immer an die Werte des Grundgesetzes gebunden ist. Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

Die Innere Führung ist die geistige, sittliche und moralische DNA der Bundeswehr. Sie leitet das Handeln von Soldatinnen und Soldaten und stellt sicher, dass der militärische Dienst immer an die Werte des Grundgesetzes gebunden ist. Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

01.10.2026
Von Ansgar Meyer

70 Jahre Zentrum Innere Führung – 70 Jahre Führungskultur

Vor 70 Jahren wurde das Zentrum Innere Führung gegründet: Von den Anfängen der Bundeswehr bis zur heutigen Zeitenwende hat sich vieles verändert – eins ist aber geblieben: das Zentrum Innere Führung als feste Konstante der Bundeswehr.

Hoch über dem Rhein steht das ehemalige französische Offizierhotel, in dem das Zentrum Innere Führung (ZInFü) zu Hause ist. Sieben Jahrzehnte haben Generationen von Offizieren und Unteroffizieren, mittlerweile auch Mannschaften, hier ihre Kenntnisse über Grundsätze der Inneren Führung vertieft. Auch zivile Besucher aus gesellschaftlich relevanten Gruppen wie Lehrer, Studenten und Schüler, Vertreter von Verbänden und Gewerkschaften informierten sich hier in sicherheitspolitischen Seminaren.

Nach Humboldt kann „nur wer die Vergangenheit kennt, … die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“. Churchill drückte sich ähnlich aus: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.“ Das Konzept der Inneren Führung erklärt sich nur mit unserer Vergangenheit. Deshalb scheint zum Jubiläum der Blick über die Schulter wertvoll, um sich den Ursprung unserer Führungsphilosophie „in Zeiten wie diesen“ wieder vor Augen zu führen.

Am 2. Januar 1956 traten die ersten ungedienten Freiwilligen ihren Dienst in der gerade neu gegründeten Bundeswehr an. Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer stellte die Streitkräfte knapp drei Wochen später am 20. Januar 1956 vor der Öffentlichkeit in Andernach feierlich in Dienst. Mit der Indienststellung vor 70 Jahren schloss sich ein Kreis, der mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland und ersten Überlegungen zum Schutz der Bevölkerung gegen äußere Gefahren und zur Wiedererlangung der Souveränität Ende der 40er-Jahre seinen Ausgangspunkt hatte. In der „Himmeroder Denkschrift“ wurden 1950 die konzeptionellen Ideen zur Aufstellung neuer deutscher Streitkräfte niedergelegt.

Keine Anlehnung an die alte Wehrmacht

Im Kapitel 5 dieser Denkschrift verfassten die geistigen Väter der Bundeswehr ihre Gedanken zum Inneren Gefüge, aus denen später das Konzept der Inneren Führung entstand. Es sollte „ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht … grundlegend Neues“ geschaffen werden. Diese Gedanken wurden konsequent weiterentwickelt und maßgeblich durch Wolf Graf von Baudessin zur „Umsetzungsreife“ geführt, sodass nur wenige Monate nach Indienststellung der Streitkräfte der Vorläufer des Zentrums Innerer Führung, die gleichnamige Schule am 1. Oktober 1956 offiziell gegründet wurde.

Zunächst in Köln aufgestellt, wurden die ersten Offizierlehrgänge an wechselnden Orten im Bonner Raum durchgeführt. Bundeskanzler Konrad Adenauer war beim vierten Offizierlehrgang in Rhöndorf, seinem Wohnort, im November 1956 zu Gast. Die Situation der Schule kommentierte er mit den Worten „Also, Sie treiben jewissermaßen ambulantes Jewerbe“, und sagte angesichts der organisatorischen Unzulänglichkeiten seine Unterstützung zu. Diesem mit Anspruch auf schnelle Umsetzung verbundenen „Kanzlerwunsch“ folgend, zog die „ Schule der Bundeswehr für Innere Führung“ im Februar 1957 nach Koblenz in das 1952 erbaute Offizierhotel für französische Besatzungsoffiziere ein und nahm im März den Lehrbetrieb auf.

Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“

Die Umsetzung der Grundsätze der Inneren Führung, im Schwerpunkt die Vermittlung des Leitbildes vom „Staatsbürger in Uniform“, barg in den ersten Jahren als Hauptaufgabe eine gewaltige Herausforderung, ging es doch darum, vorwiegend kriegsgediente Kompaniechefs, Bataillonskommandeure und Kompaniefeldwebel, aber auch Generalstabslehrgänge in teils mehrmonatigen Lehrgängen mit der neuen Konzeption vertraut zu machen. Der Schwerpunkt lag seit Beginn der 60er-Jahre auf den Lehrgängen für Bataillonskommandeure. Hoher Bedarf und mangelnde Kapazitäten führten bald zu einer Verlagerung von Inhalten an die Schulen der Teilstreitkräfte. Zugleich wurden in Koblenz zunehmend das Fachpersonal des Personalwesens sowie Lehroffiziere der Schulen unterrichtet. Mitte der 70er-Jahre konnte zwar festgestellt werden, dass die Grundsätze der Inneren Führung mittlerweile prinzipiell anerkannt waren, sich deren Umsetzung aber zunehmend technokratisch gestaltete und nicht mit der gesellschaftlichen Entwicklung Schritt hielt. Der Grundgedanke der Inneren Führung drohte verloren zu gehen. Folgerichtig wurde der Auftrag der Schule 1977 erweitert. Gesellschaftlicher Wandel sollte aufgegriffen und umgesetzt sowie die Truppe durch Ausbildungshilfen unterstützt werden.

Umbenennung in „Zentrum Innere Führung“

Zu diesem Zweck wurde die „Schule der Bundeswehr für Innere Führung“ am 1. Januar 1981 in „Zentrum Innere Führung“ umbenannt und gleichzeitig der „Aufgabenverbund Innere Führung“ ins Leben gerufen. Seither ist das ZInFü die zentrale Einrichtung der Bundeswehr für alle Ausbildungsgebiete der Inneren Führung (Menschenführung, politische Bildung sowie Recht und soldatische Ordnung). Über den Aufgabenverbund Innere Führung wirkt das Zentrum Innere Führung in alle Teilstreitkräfte. Insbesondere die Gestaltungsfelder Menschenführung und politische Bildung wurden in den 80er-Jahren durch die Bereitstellung von Ausbildungshilfen zu einem vielfältigen Unterstützungsangebot für die Truppe erweitert. Zeitgleich erweiterte die Umstellung auf ein- bis zweiwöchige Kurzlehrgänge für Führungskräfte und Multiplikatoren die Reichweite in der Lehre um ein Vielfaches.

Mit dem Ende des Kalten Krieges in Europa und die Aufstellung der Armee der Einheit war das Zentrum in besonderer Weise gefordert, galt es doch – ähnlich wie in der Gründungszeit – ehemalige Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) in die Führungskultur der Bundeswehr, die Innere Führung, einzuführen. Das Zentrum war in diesem Umbruch sowohl Anlaufstelle als auch Berater während der Vorlaufausbildung für Regiments- und Bataillonskommandeure der ehemaligen NVA. Neben den Schulen der Teilstreitkräfte wurden in Koblenz ehemalige NVA-Soldaten auf ihre neue Rolle als Vorgesetzte in der Bundeswehr im Sinne der Inneren Führung geschult.

Zusätzlich wurden die bisherigen Partnerschaftsseminare mit Angehörigen von NATO-Partnern erweitert. Diese sogenannten MOE-(Mittelosteuropa)-Seminare erfreuten sich großer Beliebtheit bei den beteiligten Partnernationen, da alle vor der Herausforderung staatlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und militärischer Transformationen standen und von den Erfahrungen der Bundeswehr Hilfestellungen erwarteten. Organisatorisch wurde auf diese Anforderungen mit einer Teilverlegung des Zentrums nach Strausberg im Osten Berlins reagiert. Eine Außenstelle nahm dort im ehemaligen Tagungszentrum der NVA im Frühjahr 1994 seine Arbeit auf.

Neues Handlungsfeld ab Juli 1997

Mit der Führerausbildung für die deutschen Kontingente im ehemaligen Jugoslawien erschloss sich ab Juli 1997 ein neues, forderndes Handlungsfeld in der Aus- und Weiterbildung von Vorgesetzten am Zentrum Innere Führung. Eine der tiefgreifendsten Richtungsänderungen in der Geschichte der Bundeswehr äußerte sich in der Erschließung neuer Themenfelder wie beispielsweise Umgang mit Tod und Verwundung oder Geiselhaft und Gefangenschaft, Familienbetreuung, Umgang mit Einsatzversehrten und Führung im Gefecht.

Auch die Öffnung aller Laufbahnen für Frauen forderte das Zentrum Innere Führung. Die bisher fast ausschließlich männlich dominierten Streitkräfte waren im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal auf die „Ankunft“ weiblicher Soldaten vorzubereiten. Nachdem Frauen heute Realität und Teil der Normalität in den Streitkräften sind, bleiben die Themen Gleichstellung und Vielfalt im Fokus des Zentrums.

Größte Herausforderung seit Aufstellung der Bundeswehr

Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014 durch die Russische Föderation veränderte die sicherheitspolitische Lage in Europa schlagartig. Krieg in Europa, Aufwuchs, hybride Kriegsführung, Populismus, Nationalismus, Klimawandel scheinen die Welt, Europa und Deutschland in immer neue Krisen zu stürzen und jegliche Stabilität zu nehmen. Unser Blick zurück über die Schulter zeigt, dass dies für die Bundeswehr und das Zentrum Innere Führung nicht die erste Zeitenwende ist. Die Rückbesinnung auf die Grundsätze der Landes- und Bündnisverteidigung bedeutet nach Jahren des Einsatzes im internationalen Krisenmanagement und der „Friedensdividende“ sicherlich eine der größten, wenn nicht die größte Herausforderung seit Neuaufstellung deutscher Streitkräfte 1956 für die Bundeswehr und das Zentrum Innere Führung.

Zugleich zeigt der Rückblick aber auch die Innere Führung als feste Konstante in allen Phasen der Bundeswehr. Unsere Führungskultur erklärt sich aus der Geschichte. Die Verkörperung unseres Menschenbildes in unserem Leitbild, die feste Integration in die Gesellschaft, die sich in dem hohen Grad des Vertrauens in die Bundeswehr äußert, die feste Bindung an unsere Werte und im Mittelpunkt unser Verständnis von Menschenführung haben sich über die letzten sieben Jahrzehnte ebenso bewährt wie das Zentrum Innere Führung bei der Vermittlung ihrer Grundsätze und bei der Unterstützung der Truppe in der Umsetzung. Happy Birthday ZInFü!

Mit Rat und Hilfe stets an Ihrer Seite!

Nehmen Sie Kontakt zu uns auf.

Alle Ansprechpartner im Überblick