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Hauptmann d.R. Marc Hinzmann (rechts) stellte sein Buch „Leben und sterben lassen – Die letzten Tage der Bundeswehr in Afghanistan" in der Bundesgeschäftsstelle des DBwV vor. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Oberstabsgefreiter Marcus Meissner führte durch den Abend. Foto: DBwV/Eva Krämer
Leben oder sterben lassen? Eine Frage, die sich der junge Feldjägeroffizier Marc Hinzmann nie gestellt hatte, die sich ihm aber vom 16. August 2021 an für einige Tage stellen sollte. „Leben und sterben lassen“, hat der Hauptmann d.R. sein Buch über die letzten Tage der Bundeswehr nach 20 Jahren Einsatz in Afghanistan überschrieben. Fast fünf Jahre später hat Marc Hinzmann, der im Ruhrgebiet unter handfesten und geradlinigen Menschen groß geworden ist, seine Erlebnisse, die er im Buch bewegend und mitreißend aufgeschrieben hat, vor einem großen Publikum in der Bundesgeschäftsstelle des DBwV vorgetragen. Erlebnisse am North Gate des Flughafens in Kabul, die unter die Haut gehen.
„Die Evakuierungsmission in Kabul war geprägt von einer Dynamik, wie wir sie so bislang kaum erlebt haben“, hat der stellv. Bundesvorsitzende, Oberstabsgefreiter Marcus Meissner in seiner Begrüßung treffend gesagt. „Innerhalb weniger Tage veränderte sich die Lage dramatisch. Entscheidungen mussten getroffen und Verantwortungen übernommen werden. Marc, Du warst einer der Entscheider. Ein Soldat, der über das Schicksal von Menschen, im Zweifel über Leben und Sterben, entscheiden musste.“
Marc Hinzmanns Buch sei mehr als ein Erfahrungsbericht. „Es ist ein Zeugnis dessen, was passiert, wenn Diplomatie und Politik an ihre Grenzen stoßen. Dessen, was es bedeutet, Soldat zu sein“, wie Marcus Meissner deutlich sagt. Diese Erfahrung teilt er mit dem Autoren Marc Hinzmann, auch der Stellv. Bundesvorsitzende war im Afghanistan-Einsatz.
Jeder Einsatz hat seine Grenzen: Den Tod
5.400 Menschen sind von der Bundeswehr während des dramatischen Evakuierungseinsatz in den heißen Tagen des August 2021 evakuiert worden. Viel mehr wollten mit, nicht alle konnten durch, jeder Einsatz hat seine Grenzen. Eben jene, die über Leben und Sterben entscheiden können.
Mit zahlreichen Gästen, Kameraden, Weggefährten, Mandatsträgen des BundeswehrVerbandes und auch Gästen aus der Politik, hat die Buchvorstellung eines wohl einmaligen Erfahrungsberichtes aus Afghanistan ein großes Publikum erlebt. „Es ging bei dieser letzten großen Evakuierungsmission der Bundeswehr in Afghanistan um Menschen, die mehr sind als Namen auf einer Liste“, sagt der stellv. Bundesvorsitzende Marcus Meissner.
„Denn hinter jedem dieser Namen steht ein Gesicht. Eine Familie. Eine Geschichte.“ Marc Hinzmanns Buch mache deutlich, wie schmal der Grat sein kann zwischen Auftrag und Gewissen. „Wie viel Verantwortung in wenigen Minuten liegen kann. Und wie sehr solche Tage nachwirken, auch dann, wenn die letzte Maschine sicher gelandet ist. Es ist kein lauter, kein anklagender Bericht. Es ist ein ehrlicher. Und genau das macht das Buch so wichtig“, wie Meissner betont.
„Den Blick weiter auf die Veteranen richten“
Hauptmann Vivian Tauschwitz, CDU-Bundestagsabgeordnete, stand vor zehn Jahren vor der Frage, ob sie in den Auslandseinsatz will. Sie war im Einsatz MINUSMA in Mali, in einem der letzten Kontingente der Bundeswehr dort. „Ich habe den Einsatz erst weggelächelt. Es war ein Einsatz, eine Pflicht, eine Auftragserfüllung. Ich bin unversehrt zurückgekommen, viele andere sind es nicht, deshalb ist es wichtig, den Blick auf unsere Veteranen und die Arbeit mit ihnen und für sie zu richten“, sagte die Christdemokratin und Offizierin in ihrem Beitrag.
Wenn man Bundeswehr verstehen wolle, müsse man mit den Kameradinnen und Kameraden sprechen, die auch dabei sind und dabei waren. „Wenn man im Einsatz ist, stellt sich vielen die Frage: Kommen wir hier wieder heraus und vor allem, wie? wie Tauschwitz deutlich machte.
Die CDU-Abgeordnete: „Soldaten tragen im Einsatz Verantwortung füreinander aber auch für die Auftragserfüllung. Dabei zählt jede Minute, manchmal jede Sekunde. Es gibt in so einer Lage keine Zeit fürs endlose Prüfen, Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Man kann über politische Entscheidungen streiten, aber die Bundeswehr hat ihren Auftrag in Afghanistan gemeinsam mit dem Verbündeten erfüllt. Dafür danke ich jedem Einzelnen. Ich danke Ihnen dafür, was sie für Deutschland geleistet haben.“
„Ein Offizier, der Vertrauen ausstrahlt“
Die beeindruckende Laudatio zur Buchvorstellung hat Brigadegeneral Sandro Wiesner, Kommandeur und Feldjägerführer der Bundeswehr, seit 40 Jahren Mitglied im DBwV, gesprochen. „Hauptmann Hinzmann macht mit seinem Buch sichtbar und erlebbar, wozu ein junger Offizier in der Lage ist bzw. sein muss. Was das Besondere am Soldatenberuf ist”, wie Wagner sagt. „Die Tage in Kabul und danach haben weitere Facetten gezeigt und verstärkt. Reflektiert, sensibel, mit kühlem Kopf, mit Instinkt. Ein hochgradig authentischer Offizier, der Sicherheit, Vertrauen und Zuversicht ausstrahlt.“
Das prägendste Erlebnis seiner Dienstzeit seien fraglos eben diese Tage in Kabul, erinnerte der General an den Tag, als Marc Hinzmann im August 2021 vom Feldjägerkommando alarmiert wurde. „Wenn er sein Buch ein Herzensprojekt nennt, wenn man sein Buch liest, wenn man ihm zuhört, dann merkt man, dann spürt man, dass es hier um weit mehr geht als um das Niederschreiben von Erinnerungen, Erfahrungen, Eindrücken. Wie er diese, seine Herzensangelegenheit, Schwarz auf Weiß umgesetzt hat, beschreibt den Menschen, den Soldaten, den Offizier Marc Hinzmann sehr gut.“
Der Autor selbst hat in den 14 Jahren seiner Dienstzeit in der Bundeswehr vor allem eines mitgenommen. „Kameraden sind wie Familie, auf die man sich in allen Lebenslagen verlassen kann; alle, mit denen ich in Kabul war, sind diese Familie für mich gewesen.“
Es waren brandgefährliche Situationen. „Es ist alles fast fünf Jahre her. Am 15. August 2021 verkündeten die Taliban, dass sie Kabul wieder eingenommen hätten“, einen Tag später landet Marc Hinzmann in Taschkent. Wir sehen Menschen auf einer Startbahn, die neben einer US-Transportmaschine rennen, sie wollen irgendwie mit. „Mir war sofort klar, die Lage vor Ort ist dramatisch“, beschreibt Hinzmann die explosive Lage.
Hinzmann drängt darauf, weiter nach Kabul zu fliegen. 15 Minuten müssen reichen, um Marschbereitschaft herzustellen. Die Taliban rücken derweil immer weiter vor. Normalweise wird man mehrere Monate lang auf einen Einsatz vorbereitet. Marc Hinzmann hat wenige Stunden, um sich auf den Einsatz am damals gefährlichsten Ort der Welt einzustellen. Seine Frau, die Eltern, die Großeltern, schliefen vor seinem Abflug keine Nacht mehr. „Pass auf Dich auf“, sagte seine Mutter zum Abschied. Jeder wusste, dass dies eine Reise ins Ungewisse war. Marc Hinzmann hört Musik an Bord des Airbus A400M der Luftwaffe.
„Unter Kontrolle war hier gar nichts“
Die Feldjäger sollten eigentlich in Taschkent die Evakuierten aus Afghanistan erfassen. „Erst, wenn die Reifen auf dem Boden aufsetzen, weiß man in einer solchen Lage, wo man angekommen ist.“ Spezialkräfte, die dabei sind, geben Sicherheit. „Unter Kontrolle ist hier gar nichts“, merkt Hinzmann angesichts des Chaos auf der letzten Insel für Menschen auf der Flucht. Schüssel peitschen, die Kinder schreien, Erwachsene sind tief verzweifelt. Der Flughafen ist diese Insel und Marc Hinzmann schwimmt durch den Ozean der Angst, in dem über Leben und Tod entschieden wird. „Im Zweifel mussten wir Entscheidungen auch mit körperlicher Gewalt durchsetzen.“
„Schreie und aufgeregte Rufe, Gefechtslärm und Detonationen.“ Ein Konzert der Apokalypse. „Das Ende der Menschenmenge reichte bis zum Horizont. Es riecht nach Schweiß, Abgasen, Staub und Schießpulver.“ US-Kameraden schießen in die Luft, um die wogende Masse unter Kontrolle zu halten, afghanische Soldaten treffen auch mit Warnschüssen.“ Mit Gewehren werden die Menschen zurückgetrieben, manche setzen Peitschen ein, ein achtjähriger Junge wird mit einer Gewehrmündung zu Boden gedrückt und kriecht wieder weg, Eltern versuchen, den Soldaten ihre Babies in die Hand zu drücken, damit die Säuglinge in die rettende Freiheit mitfliegen können.
Eine Umarmung für die Kameraden
Beeindruckende Szenen am Ende, als Marc Hinzmann in der Bundesgeschäftsstelle des DBwV seine Kameradin und seine Kameraden umarmt, die in diesen schicksalshaften Tagen in Kabul vor fünf Jahren an seiner Seite waren.
Die sicherheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Sara Nanni, die aus Kiew direkt zur Buchvorstellung gekommen ist, kennt Marc Hinzmann aus dem Untersuchungsausschuss „Afghanistan“, der nach dem Ende des Einsatzes im Jahr 2021 monatelang getagt hat. Merk Dir das Hinzmann, Marc, wie oft ich an Dich gedacht habe, wie Du da gestanden hast in Kabul in Hitze, Dreck und Staub. Hängenlassen haben Sie Dich, Marc. Du bist ein Guter“, ruft sie dem Publikum an diesem denkwürdigen Abend zu.
Ihr Fraktionskollege, der Verteidigungspolitiker Robin Wagener beschreibt, warum der mehr als 20 Jahre andauernde Einsatz in Afghanistan noch immer nicht zu Ende ist: „Ich habe nächtelang Akten gelesen, um zu verstehen, warum es überhaupt zu dieser Evakuierung im August 2021 kommen konnte.“ Wagener berichtet, wie sehr es um Leben und Tod ging, am Beispiel eines Afghanen, der sieben Jahre lang für die Bundeswehr gearbeitet haben soll, der nicht mitkonnte und auf dem Landweg aus dem Land kam. „Es war der gefährlichste Einsatz der Bundeswehrgeschichte, auf die Oberleutnant Hinzmann nicht vorbereitet war. Hinzmann hat innere Führung unter schwierigsten Bedingungen gelebt, darauf können sie stolz sein, darauf sind wir ihnen als Politiker dankbar.“
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