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Krisen können Katalysatoren für notwendige Reformen sein

Bei der nachgestellten Schlacht von 1806 bei Jena und Auerstedt erwidern sächsische Soldaten verzweifelt das Feuer der Franzosen. Erst umfassende Reformen machten aus dem geprügelten Untergebenen den Staatsbürger in Uniform. Foto: picture-alliance/ dpa | Jan-Peter Kasper

Bei der nachgestellten Schlacht von 1806 bei Jena und Auerstedt erwidern sächsische Soldaten verzweifelt das Feuer der Franzosen. Erst umfassende Reformen machten aus dem geprügelten Untergebenen den Staatsbürger in Uniform. Foto: picture-alliance/ dpa | Jan-Peter Kasper

14.02.2021
Frank Jungbluth

Krisen können Katalysatoren für notwendige Reformen sein

Das sagt der Militärhistoriker Prof. Dr. Michael Epkenhans, leitender Wissenschaftler am Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw). Ist die Corona-Pandemie eine solche Krise? Was können wir lernen, wenn man das Jahr 1806 von heute aus betrachtet?

Die Bundeswehr: Die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt ging – Wissenschaftler sagen heute, auch mit etwas Glück für die siegreichen Franzosen – grandios verloren für Preußen. An nur einem Tag, am 14. Oktober 1806, verspielte der preußische König Friedrich Wilhelm III. fast alles, was sein Großvater Friedrich der Große in drei Kriegen erobert hatte. Wie kam der König auf den fatalen Entschluss, Napoleon so naiv herauszufordern?

Prof. Michael Epkenhans: Es war schon für Zeitgenossen erstaunlich zu sehen, wie verheerend die Niederlage war und welche Folgen sie hatte. Man darf allerdings auch nicht übersehen, dass die Verantwortlichen in Preußen überzeugt waren, sie könnten die Machtprobe bestehen. Allerdings darf dabei die europäische Großwetterlage nicht übersehen werden. In einer Zeit, in der die Kabinette über die territoriale Gestalt Europas entschieden, ging es auch immer um Macht und Einfluss. Preußen, das sich an dem Krieg Österreichs und Russlands gegen Napoleon 1805 nicht beteiligt hatte, hatte gehofft, davon doch durch den Gewinn Hannovers profitieren zu können. Bei dem Hin und Her zwischen den Kontrahenten geriet es dann schlichtweg unter die „Räder“.

Napoleons Versuch, Preußen auf seine Seite zu ziehen, indem er diesem unter anderem Hannover versprach, hatte einen Krieg mit England und Schweden zur Folge. Die preußische Handelsflotte ging dabei verloren. Da Napoleon gleichzeitig jedoch auch mit England verhandelte und zudem immer weitere Gebiete von Preußen forderte, glaubte die Regierung in Berlin, handeln zu müssen, um nicht mit leeren Händen dazustehen und wenigstens das versprochene Kurfürstentum Hannover behalten zu können. Das Ultimatum, das Napoleon zur Räumung der Gebiete zwingen sollte, war jedoch mehr als ungeschickt. Obwohl seit Längerem klar war, dass grundlegende Reformen notwendig waren, um Napoleon Paroli bieten zu können, wollte der König nun kämpfen. Die Niederlage war damit „vorprogrammiert“, denn die friderizianische Armee hatte sich überlebt. Wer genau hinsah, konnte dies nicht leugnen. Aber es bedurfte erst der bitteren Niederlage, um die Reformen, die notwendig waren, auch anzugehen.

Was danach folgte, waren umfassende Reformen des Militärs, aber auch von Staat und Gesellschaft, die offenbar begünstigt haben, dass Preußen als Großmacht 1871 Hegemon im neuen Deutschen Reich, dem ersten einigen Deutschland nach dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen, werden konnte. Was konnten Preußen und damit der erste Reichskanzler Bismarck und die Hohenzollern besser als andere?

Prof. Michael Epkenhans: Eine schwierige Frage. Ich glaube, man darf nicht übersehen, dass es im Reichsgründungsjahrzehnt weder einen Masterplan gab, an dem Bismarck sich orientierte, noch dass die internationale Konstellation so günstig war wie nie zuvor. Seit den 1830er-Jahren gab es eine starke Strömung in Richtung Nationalstaat. Nach dem Scheitern 1848/49 gelang es Bismarck, diese im preußischen Sinne zu kanalisieren – übrigens mit der Zustimmung vieler Anhänger der Nationalbewegung, so sehr sie diesen Machtmenschen oft auch hassten. Bismarck dachte dabei immer großpreußisch, nicht kleindeutsch. Und die anderen Mächte hatten, anders als 1815, keine Einwände gegen einen kleindeutschen Nationalstaat, vorausgesetzt, dieser gab sich damit dann auch zufrieden und störte nicht das Gleichgewicht in Europa.

Der Zusammenbruch von 1806 hat Kräfte freigesetzt und den Staat reformiert. Heute wäre es kein Krieg, der bedeutende Reformen hervorbringen würde, aber leben wir Ihrer Meinung nach in einer Zeit, die nach Reformen und neuen Antworten ruft?

Prof. Michael Epkenhans: Seien wir froh, dass wir keine Kriege brauchen, um die Notwendigkeit von Reformen zu erkennen. Aber wir haben alle zu Beginn der 2000er-Jahre gesehen, dass Krisen Katalysatoren für überfällige Reformen sein können. Die Agenda 2010 war schmerzhaft, aber sie hat unser Land vorangebracht. In anderen Ländern war und ist das ähnlich. Wünschenswerter wäre es natürlich, dass es auch gar keiner Krisen bedürfte, um die Entwicklung voranzutreiben, sondern dass es stattdessen vernünftige Diskurse gibt, die rechtzeitig auf Probleme hinweisen und Lösungen erörtern, die dann im allgemeinen Konsens umgesetzt werden. Das, was für Staaten und Gesellschaften gilt, gilt grundsätzlich auch für ihre Armeen. Aber das ist vielleicht eine zu schöne Wunschvorstellung.
  
Das Staatswesen wurde moderner, der Bürger mündiger, der Soldat eher zum Staatsbürger in Uniform statt zum geprügelten Untergebenen. Welche Lehren können wir heute noch aus dem umfangreichen Reformprozess der Jahre nach 1806 ziehen?

Prof. Michael Epkenhans: 1806 lehrt, wie wichtig rechtzeitige Reformen sind und wie wichtig es ist, den Bürger als Staatsbürger in den Reformprozess mit einzubinden und das, was versprochen wird, auch zu halten. Das Anhalten vieler Reformen, allen voran die Weigerung, das Versprechen auf eine Verfassung einzulösen und damit die Teilhabe des Bürgers am politischen Leben zu ermöglichen, war damals fatal. Der mündige Bürger ist die Grundlage politischen und gesellschaftlichen Fortschritts, so komplex unser Alltag heute auch ist.
   
Das Deutsche Kaiserreich von 1871 wurde vor allem in der Regierungszeit Wilhelms II. bis zum Ende im November 1918 als säbelrasselndes Reich voller untertäniger prunk- und herrschaftssüchtiger Protagonisten verunglimpft. Was bleibt bis heute von diesem Experiment einer konstitutionellen Monarchie auf deutschem Boden?

Prof. Michael Epkenhans: Der Monarchie trauert zu Recht niemand hinterher, auch wenn sie damals dem „Zeitgeist“ entsprach. Sie hat sich selbst diskreditiert. Was bleibt, ist das heutige Deutschland, wenngleich in anderen Grenzen, als föderaler Staat. So dunkel manche Seite des Kaiserreiches auch war, es hat auch die Grundlage für die Herausbildung eines modernen Industriestaats, die Entfaltung der Wissenschaften oder auch viele kulturelle Entwicklungen gelegt. Dies sollten wir trotz des „Kulturbruchs“ von 1933 nicht vergessen.

Sie treten im März als leitender Wissenschaftler des ZMSBw in den Ruhestand: Was waren die Höhepunkte Ihrer Arbeit und mit welchem Gefühl lassen sie Ihre Zeit im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr zurück?

Prof. Michael Epkenhans: Die Arbeit hier hat mir immer viel Spaß gemacht. Es war ungeheuer spannend und lehrreich, mit vielen hochmotivierten KollegInnen spannende Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Dazu gehört insbesondere die Erforschung der Geschichte der Einsätze der Bundeswehr. Angesichts der Schwierigkeiten des Aktenzugangs war dies nicht einfach; aber die Projekte laufen nun, und erste Arbeiten zum Beispiel zum Kosovo-Einsatz 1999 haben wir vorlegen können. Aber auch die Forschungen zu Afghanistan machen große Fortschritte. Dies sind wir der Politik und der Wissenschaft, vor allem aber den KameradInnen, die im Einsatz waren, auch schuldig. Regelrecht genossen habe ich als Fregattenkapitän der Reserve auch meine Lehrtätigkeit an der Marineschule und meine Mitfahrten auf Fregatten, um dort „Ohr an Masse zu legen“ oder historische Bildung zu vermitteln. Für alle diese Erfahrungen bin ich dankbar wie auch für die Unterstützung meiner Vorgesetzten bei der Realisierung anspruchsvoller Projekte.

Das ZMSBw ist meines Erachtens unverzichtbar. Es liefert fundierte Informationen für Ministerium und Truppe zum Beispiel bei Traditionsfragen. Vor allem aber: Es verfügt über eine wissenschaftliche Expertise im Bereich Militärgeschichte und Militärsoziologie, die es in diese Dichte und mit dieser Qualität – man darf sich und seine MitarbeiterInnen mal selbst loben – in der Bundesrepublik, aber auch im Ausland so nicht gibt. Die Zusammenlegung von Militärgeschichtlichem Forschungsamt und Sozialwissenschaftlichem Institut der Bundeswehr 2013 war ein Glücksfall – wissenschaftlich wie menschlich. Ich verlasse das ZMSBw durchaus auch mit einer Träne im Auge, denn es waren interessante und lehrreiche Jahre mit vielen Begegnungen im Hause und darüber hinaus, die ich nicht missen möchte. Aber alles hat seine Zeit, und ich freue mich auf ein halbwegs geregeltes Privatleben, ohne mich damit aus der Wissenschaft zu verabschieden.

Professor Dr. Michael Epkenhans

Der 65-jährige Wissenschaftler aus Westfalen weiß aus seiner Heimat, wie tiefgreifende Veränderungen die Geschichte beinflussen. Erst war seine Heimatstadt Wiedenbrück ein Teil von Kur-Hannover, dann gehörte sie zu Napoleons Kunststaat, dem Königreich Westphalen, das praktischerweise Napoleons Bruder Jérome vom nordhessischen Kassel aus regierte.

Epkenhans wird im März als leitender Wissenschaftler des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in den Ruhestand gehen. Der Forschung bleibt er erhalten: Epkenhans, der mit einer Arbeit über die wilhelminische Flottenrüstung zum Dr. phil. promoviert wurde, will sich seinem Lieblingsprojekt „Der Einfluss von Seemacht auf die Geschichte“ widmen. Sein Spezialgebiet, denn der Reserveoffizier Epkenhans ist Fregattenkapitän d.R. und gilt als führender Marinehistoriker in Deutschland. Bevor er zum ZMSBw nach Potsdam kam, war Dr. Michael Epkenhans 13 Jahre lang Direktor der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh.

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