Seit 20 Jahren haben Frauen Zugang zu allen Laufbahnen der Bundeswehr. Zu vollumfänglichen Integration und chancengerechten Teilhabe bedarf es aber weiterer Anstrengungen. Foto: picture alliance / Ralph Zwilling

Seit 20 Jahren haben Frauen Zugang zu allen Laufbahnen der Bundeswehr. Zur vollumfänglichen Integration und chancengerechten Teilhabe bedarf es aber weiterer Anstrengungen. Foto: picture alliance / Ralph Zwilling

05.01.2021
Von Petra Böhm

Soldatinnen in der Bundeswehr oder: „Jeder Fortschritt ist durch gründliche Kritik bedingt“

Einiges hat sich getan, seitdem 1975 die ersten fünf weiblichen Sanitätsoffiziere als Seiteneinsteiger in die Bundeswehr eintraten. Nachdem 1989 die ersten weiblichen Sanitätsoffizieranwärter und 1991 weibliche Unteroffiziere und Mannschaften im Militärmusikdienst und im Sanitätsdienst folgten, wurde mit Unterstützung des Deutschen BundeswehrVerbandes durch die Kreil-Entscheidung ab 2001 der Zugang für Frauen in allen Laufbahnen und allen Uniformen möglich. Heute dienen gut 22.800 Soldatinnen in der Bundeswehr.

„Jeder Fortschritt ist durch gründliche Kritik bedingt“: Dieses Zitat von Rudolf Eucken (1846 - 1926) lässt sich auch vortrefflich auf die Geschichte der Frauen in den Streitkräften anwenden. Auch gut zwanzig Jahre, nachdem sich die Bundeswehr in allen Bereichen für Frauen geöffnet hat, zeigt es sich, dass es noch Anstrengungen zur „vollumfänglichen Integration“ und zur „chancengerechten Teilhabe“ bedarf. Dies verdeutlichen auch aktuelle Studien, etwa zum Thema Chancengerechtigkeit.

Fraglich ist auch, wie sich die aktuelle noch nie dagewesene COVID-19-Pandemie auswirken wird, denn nach wie vor ist die „Sorgeleistung für die Familie“ in Deutschland zumeist Aufgabe der Frauen, Mütter und Omas. Dadurch sind auch Soldatinnen in einem besonderen Maß gefordert. Dass dies so ist, zeigt sich unter anderem daran, dass nach wie vor der überwiegende Anteil der in der Bundeswehr in Teilzeit Dienst Leistenden weiblich sind. Derzeit sind dies circa 90 Prozent, die hierdurch, wie auch leider im Zivilleben, oft auch erhebliche Verzögerungen in der Karriereentwicklung in Kauf nehmen. Hier ist es eine besondere Herausforderung, eine strukturelle Benachteiligung von Soldatinnen innerhalb der Bundeswehr zu vermeiden.

Gerade vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und des steigenden Wettbewerbs um den passenden „Bewerber“ oder die passende „Bewerberin“ mit dem zivilen Arbeitsmarkt braucht die Bundeswehr aktuell Antworten auf Fragen wie: Warum verlassen so viele gut ausgebildete Soldatinnen die Bundeswehr, ohne die Chance, Berufssoldat zu werden, zu nutzen? Sind Soldatinnen eher zögerlich, dabei Führungsverantwortung zu übernehmen? Oder gibt es andere Aspekte, die im Rahmen des Verwendungsaufbaus bei Soldatinnen für eine erfolgreiche Karriereplanung Berücksichtigung finden sollten? Themen, die in der bestehenden Arbeitsgruppe „Soldatinnen in der Bundeswehr“ des Deutschen BundeswehrVerbandes aufgegriffen werden – so können im Austausch mit der Basis verbandspolitische Impulse und Forderungen entwickelt werden.

Hier zeigte es sich auch, dass die Anpassung von Karrierewegen, etwa durch Berücksichtigung von Pufferzeiten für Familienpflichten und die Forderung einer größeren Berücksichtigung des regionalen Bezugs im Rahmen der Entwicklungsperspektiven, wichtige Aspekte sind. Die kontinuierlich hohe Zahl an Eingaben und Beschwerden zum Thema „heimatnahe Verwendung“ bestätigt dies ebenso.

Im Kontext des aktuellen Pandemiegeschehens ist auch die möglichst familienfreundliche Umsetzung der notwendigen Quarantänemaßnahmen in den Fokus gerückt. Bei der für die Familienangehörigen schon grundsätzlich belastenden Situation eines Auslandseinsatzes ist dies ein wesentlicher Punkt. Welche Unterstützung kann hier zum Beispiel durch die Familienbetreuungsorganisation und Einheiten bei den aktuellen Rahmenbedingungen gegeben werden? Was ist notwendig, erwünscht und welcher Informationsbedarf besteht? Hier heißt es, „im laufenden Geschehen“ bestmöglich zu unterstützen.

Auch die weitere Anwendung der derzeit geltenden Sonderurlaubsregelung zur Sicherstellung der Betreuung von Kindern unter zwölf Jahren und pflegebedürftigen Angehörigen bei Schließung der Betreuungseinrichtungen ist eine Notwendigkeit für Soldatenfamilien, um Betreuungsengpässe abzuwenden. Kurz vor der beschlossenen Verlängerung der Weihnachtsferien ist allerdings noch nicht klar, ob hier ebenso die Sonderurlaubsregelung Anwendung finden kann. Dies bringt gerade Familien, die durch das aktuelle Geschehen bereits besonders belastet sind, in eine schwierige und unklare Situation. Daher hier die Forderung des Deutschen BundeswehrVerbandes: „Eine Verlängerung der Ferienzeiträume zur Unterbrechung von Infektionsgeschehen an den Schulen ist mit einer Schulschließung gleichzusetzen.“ Somit ist auch die Anwendung der bisherigen Sonderurlaubsregelung notwendig. Zudem ist die Entfristung der Weisung über den 31. Dezember 2020 hinaus unumgänglich.  

Nach wie vor bestehen aber auch ganz alltägliche Probleme. Sie reichen von fehlender Anpassung notwendiger Ausrüstungs- und Ausstattungsgegenstände an die weibliche Anatomie und damit einhergehender mangelnder Funktionalität und Wirkung bis hin zur schwierigen Etablierung der Bekleidung für schwangere Soldatinnen. Diese scheitert häufig schon an der Organisation zur Bereitstellung von Bekleidung in der Fläche. Damit verbunden ist dann unter anderem die Benachteiligung, dass das Angebot der kostenlosen Beförderung durch die Deutsche Bahn nicht genutzt werden kann. Denn „das Tragen der Uniform“ ist hier Voraussetzung zur Nutzung. Hier sollten die bestehenden vertraglichen Rahmenbedingungen schnellstmöglich angepasst werden, um diese Benachteiligung gerade zu einem Zeitpunkt, an dem man den öffentlichen Nahverkehr gerne nutzen würde, zu beseitigen. Die genannten Punkte sind nur exemplarisch aus dem Dauerthema „Bekleidung und Ausstattung der Bundeswehr“ aufgegriffen.
 
Die nächste Tagung der Arbeitsgruppe „Soldatinnen in der Bundeswehr“ ist übrigens für März 2021, abhängig vom aktuellen Pandemiegeschehen, geplant.

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Petra Böhm
Stellvertretende Vorsitzende Sanitätsdienst

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