Ein Zeugnis dessen, was passiert, wenn Politik an ihre Grenzen stößt
300 Seminare für einen geordneten Übergang in den Ruhestand
DBwV für neues Artikelgesetz Militärische Sicherheit, fordert aber Nachbesserungen
Mannschaften, eine Dienstgradgruppe vor großen Aufgaben
Der Verband der Berufssoldaten der DDR – Interessenvertretung und Lernort demokratischer Mitbestimmung.
„Europa ist die wichtigste Garantie für die Zukunft“
„Frauen sind bei identischen Anforderungen und gleicher Ausbildung ebenso leistungsfähig wie Männer“
Mama, warum hast du eine Uniform?
EuGH: Fahrten von einem zentralen Stützpunkt zu wechselnden Einsatzorten können Arbeitszeit sein
Kabinett beschließt Novellierung der Bundeslaufbahnverordnung – wichtige Forderungen umgesetzt
Panzerbrigade 45: Einsatzversorgung in Litauen gesichert
Verbandserfolg: Ehepartnerzuschlag für ins Ausland mitreisende Ehegatten durchgesetzt
Anpassung des Auslandsverwendungszuschlags in Jordanien und Erbil
Bundeswehr bleibt im Einsatz gegen IS
Weihnachtszeit im Libanon und in Litauen
Bundestag verlängert EU- und Nato-Mission im Mittelmeer
16K3-Gedenkmarsch: Erinnerung an das Karfreitagsgefecht
Erinnerung an die Gefallenen vom OP North
Erzählen Sie Ihre Veteranengeschichte!
Resolution der 22. Hauptversammlung: DBwV fordert ein Artikelgesetz Aufwuchs und die Einführung einer Wehrpflicht
Europa und Ehrungen stehen im Mittelpunkt
Die 22. Hauptversammlung: Das sagen die Delegierten
Überwältigende Mehrheit für Oberst André Wüstner
Am 23. Februar 1990 empfing DDR-Verteidigungsminister Admiral Hoffmann (r.) die Spitzen des VBS und DBwV Oberst Kirchhübel (v.l.), Oberstleutnant Nickel (VBS), Martin Michels, Oberst Wenzel (DBwV). Foto: DBwV/Archiv
Unter dem Thema „Zwei deutsche Armeen im kalten Krieg“ zog der Deutsche BundeswehrVerband in einem historischen Kolloquium am 16. Februar 2006 eine vorläufige Bilanz des Ringens um die „Armee der Einheit“. Vor etwa 450 interessierten Zuhörern würdigte der damalige Bundesvorsitzende Bernhard Gertz das Verdienst der Angehörigen der NVA für den friedlichen Verlauf der Revolution 1989 und die Herstellung der Einheit Deutschlands. Trotz der Unsicherheit über die nähere Zukunft wurde der Dienstbetrieb aufrechterhalten, erfolgte die Sicherung der Waffen, Munition und Anlagen sowie die geordnete Übergabe des Materials und der Liegenschaften an die Bundeswehr. „Aber auch der BundeswehrVerband hat einen kleinen Anteil des Lobes verdient und kann – in aller Bescheidenheit – mit Stolz von sich sagen, dass auch er dazu beigetragen hat, den Weg zur Armee der Einheit zu ebnen.“
Der Beitrag des DBwV zur Entspannungspolitik als Voraussetzung für die friedliche Revolution
Mit vertrauensbildenden Maßnahmen und gegenseitigem Kennenlernen trug der DBwV Ende der achtziger Jahre dazu bei, den sich abzeichnenden Wandel in den Staaten des Warschauer Paktes zu unterstützen und zu verhindern, dass sich eine blutige Niederschlagung der Volksbewegung zu einem Flächenbrand in Europa entwickelt. Gegen äußere und innere Widerstände hatte eine repräsentative Delegation des DBwV unter Leitung des Bundesvorsitzenden Rolf Wenzel im Februar 1988 erstmals den Sprung über den Eisernen Vorhang gewagt und in Moskau politische Gespräche geführt. Unklarheit herrschte, wie sich die NVA gegenüber den aufbegehrenden Bürgern der DDR verhalten würde. Rolf Wenzel berichtete, dass er 1989 auf Vermittlung „aufgeschlossener Abgeordneter des Deutschen Bundestages“ und mit Rückendeckung durch Außenminister Hans Dietrich Genscher Verbindung zu einem für Militärfragen zuständigen Sekretär der Ständigen Vertretung der DDR in der Bundesrepublik aufgenommen habe.
Auf den Vorschlag, „die NVA – unabhängig von irgendwelchen politischen und militärischen Vorgaben – darin zu unterstützen, ebenfalls einen Verband nach dem Muster des DBwV zu gründen“, habe der Gesprächspartner ausweichend reagiert, jedoch eine Fortsetzung des Gesprächs in Aussicht gestellt. Wenzel berichtete von einem weiteren inoffiziellen Treffen in einem Godesberger Restaurant. Aufzeichnungen wurden nicht angefertigt. Ob es sich um einen Alleingang des Bundesvorsitzenden handelte und wer der Gesprächspartner der DDR-Vertretung gewesen war, ließ sich bisher nicht ermitteln. Möglicherweise stand das Interesse an einem Austausch mit dem DBwV seitens der militärischen Führung der DDR im Zusammenhang mit ersten internen Überlegungen für eine Militärreform in der DDR.
Als im Herbst 1989 die Bevölkerung gegen das erstarrte politische System der DDR aufbegehrte, wurde offensichtlich, dass die Armee nicht mehr der monolithische Block war, als der sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Tatsächlich ergaben unter Verschluss gehaltene soziologische Untersuchungen, dass die Zahl der Soldaten in den Landstreitkräften, die meinten, es lohne sich, für den Sozialismus zu arbeiten und zu leben, von 1986 bis 1988 dramatisch von 83 auf 33 Prozent gesunken war. 1989 schätzten noch 45 Prozent der Soldaten, 68 Prozent der Unteroffiziere und immerhin noch 78 Prozent der Offiziere die Entwicklung seit 1986 als erfolgreich ein. Von den Mannschaftssoldaten waren 1989 lediglich 60 Prozent bereit, im Kriegsfall ihren Auftrag zu erfüllen.
Soldaten organisieren sich als „mündige Bürger“
Konnte politischer Druck und militärische Disziplin offene Kritik an den Missständen in der Ausstattung der Kasernen und der Menschenführung noch verhindern, ermutigte die Protestbewegung im Herbst 1989 schließlich auch Grundwehrdienstleistende, Unteroffiziere und „Berufskader“/Berufssoldaten, sich spontan zur Durchsetzung sozialer und schließlich auch politischer Forderungen in den Dienststellen der NVA zusammenzuschließen. Unmittelbare Ziele der Grundwehrdienstleistenden und Unteroffiziere verfolgten „Soldatenräte“, Berufssoldaten orientierten sich an gewerkschaftlichen Organisationsformen, etwa an der bestehenden Gewerkschaft der Zivilbeschäftigten der NVA. Es bildeten sich sowohl einheitliche Interessenvertretungen für Soldaten und Unteroffiziere gemeinsam als auch gesonderte Gremien. Unabhängig voneinander fanden sich im November 1989 in Strausberg und Leipzig Initiativgruppen zur Gründung eines Berufsverbandes zusammen. In dem am 20. November konstituierten Initiativkomitee im Ministerium für Nationale Verteidigung engagierte sich unter anderem der Leiter der Arbeitsgruppe Demokratische Mitbestimmung in der Kommission Militärreform, Generalmajor Waldemar Kiesewalter. Dass eine entsprechende Initiative ausgerechnet von Strausberg, dem Sitz des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR, ausging, traf in Leipzig zunächst auf Misstrauen. In dem am 23. November der Presse übergebenen Dokument „Militärreform in der DDR – Denkanstöße und Vorschläge“ wurde erstmals öffentlich von einem „Verband der Berufssoldaten“ gesprochen.
Allmählich öffnete sich die in einer Auflage von 198.000 Exemplaren durch die Politische Hauptverwaltung des Ministeriums für Nationale Verteidigung wöchentlich herausgegebene Zeitschrift „Volksarmee“ den seit November auf die Redaktion einstürmenden Wortmeldungen der verschiedenen Initiativen und erleichterte deren Vernetzung untereinander. Anfang Dezember übernahm sie den Aufruf einer „Interessengemeinschaft“ aus Soldaten im Grundwehrdienst und Unteroffizieren der „Dienststelle Apolda“ zur Gründung eines „Sozialistischen Soldatenbundes der DDR“. Die Initiatoren beanspruchten als „legitimer Interessenvertreter aller Wehrpflichtigen und Reservisten“ und „mündige Bürger im Waffenrock“ ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht bei der Durchführung der Militärreform und eine „Demokratisierung des Vorgesetzten-Unterstellten-Verhältnisses“.
Vorbereitung der Verbandsgründung
Um eine Zersplitterung zu vermeiden, schlossen sich am 6. Dezember 23 Offiziere aus Truppenteilen und Verbänden aller Teilstreitkräfte zu einer Zentralen Initiativgruppe zur Vorbereitung der Verbandsgründung zusammen, die sie auf den 20. Januar 1990 in Lehnitz bei Berlin terminierten. Klarheit über die Ziele verschaffte ein Treffen, zu dem die Leipziger für den 19. Dezember 1989 alle Vertreter der Basisgruppen eingeladen hatten. Dem Ruf folgten 200 Delegierte, die für etwa 15.000 aktive und ehemals aktive Berufssoldaten sprachen. Hier einigte man sich auf die Bildung eines Verbandes, der „gleichberichtigt und aktiv an der Ausarbeitung der Wehrgesetzgebung sowie anderer die Landesverteidigung und die Berufssoldaten betreffenden gesetzlichen Regelungen mitarbeitet.“ Er sollte an der Verwirklichung der Militärreform sowie der Ausarbeitung der Militärdoktrin und von Dienstvorschriften mitwirken. Mit der Leitung einer Organisationsgruppe zur Vorbereitung der Verbandsgründung, die am 20. Januar 1990 nunmehr in Leipzig erfolgen sollte, wurde Oberst Horst Kirchhübel beauftragt.
Am 19. Dezember nutzen der Bundesvorsitzende Rolf Wenzel und der Schatzmeister des DBwV, Martin Michels, die Teilnahme am außerordentlichen SPD-Parteitag im Westteil Berlins für einen Besuch im Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR. In dem ausführlichen Gespräch mit dem Chef Kader, Generalleutnant Harald Ludwig, dem Leiter der Grundsatzabteilung des Hauptstabes, Oberst Dr. Schuster, sowie dem Leiter der Arbeitsgruppe „Demokratische Mitbestimmung“ der Kommission Militärreform, Oberst Dr. Hartmann, informierten sie über die Stellung und Arbeitsweise des BundeswehrVerbandes und bekundeten ihr Interesse an einer schnellen Verbindungsaufnahme mit dem zu gründenden Verband in der DDR. In der Armeezeitung der DDR setzte sich Oberst Dr. Hartmann im Januar 1990 für die Gründung eines Berufsverbandes ein und kritisierte die unter anderem von Offizieren der Militärpolitischen Hochschule Grünau betriebene Gründung einer Gewerkschaft der Armeeangehörigen. (Diese erfolgte am 10. März 1990 in Schneeberg.)
Am Sonnabend, den 20. Januar 1990, hoben 520 bevollmächtigte Vertreter von 1076 Basisgruppen mit 68.841 interessierten Bürgern in der Georg-Schumann-Kaserne Leipzig den Verband der Berufssoldaten der DDR (VBS) aus der Taufe. Er war die erste demokratische Organisation in Streitkräften sozialistischer Staaten. Die Gründung einer soldatischen Interessenvertretung durch basisdemokratische Initiativen als „Akt der Selbstbefreiung“ fand vor dem Hintergrund des radikalen Umbruchs in der Gesellschaft der DDR allerdings nur geringe Beachtung. Verteidigungsminister Admiral Theodor Hoffmann hatte ein Grußtelegramm geschickt. Generalmajor Waldemar Kiesewalter lud Mitglieder des VBS zur Mitarbeit in der Expertengruppe zur Militärreform sowie in den Anti-Korruptionsausschuss ein. Seit dem 22. Januar beteiligte sich der Verband an den Beratungen des „Runden Tischs“ beim Minister für Nationale Verteidigung und später am „Zentralen Runden Tisch der DDR“.
Unterstützung ohne Bevormundung
An der Gründungsversammlung des VBS hatte keine offizielle Delegation des DBwV teilgenommen. Die erste Spitzenbegegnung beider Verbände fand am 22./23. Februar in Strausberg statt. Im Tagungszentrum des Ministeriums stellten sich Rolf Wenzel und Martin Michels den Fragen der Offiziere. Der DBwV betonte das Prinzip der gleichberechtigten Zusammenarbeit. Mit seiner 33-jährigen Erfahrung werde der DBwV den VBS „in seiner souveränen Arbeit“ unterstützen.
Zu dieser Zeit erschien die Perspektive einer „gemeinsamen deutschen Verteidigungsarmee“ innerhalb der KSZE als realistisches Ziel, das jedoch schon bald von der durch die Hardthöhe diktierten Entwicklung überholt wurde. In großer Aufmachung berichtete die „Volksarmee“ über das Treffen und die Annahme der durch den VBS-Vorsitzenden, Oberstleutnant Dr. Eckhardt Nickel, angebotenen Mitgliedskarte durch Minister Admiral Hoffmann. Oberst Wenzel lud eine Abordnung des Hauptvorstandes des VBS zur nächsten Bundesvorstandssitzung des DBwV nach Bonn ein. Dort besiegelten die Vorsitzenden beider Verbände vertraglich eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen und vereinbarten wechselseitige Konsultationen. Der VBS profitierte von den Erfahrungen des DBwV in Rechtsfragen und der Pressearbeit. Nach dem Vorbild des DBwV begann er mit dem Aufbau einer Fördergesellschaft. Umgekehrt brachten sich Vertreter des VBS in Arbeitsgruppen des DBwV zu Fragen der Sicherheitspolitik, der Reservistenarbeit und des Dienstrechtes ein. Bis zu seinem 1. Verbandstag am 21. April 1990 gewann der VBS 46 000 Mitglieder, die in 556 Sektionen und 124 Kreissektionen organisiert waren. Der DBwV unterstützte das Beitrittsgesuch des VBS zu EUROMIL, dem am 3. Mai 1990 stattgegeben wurde. Mitglieder beider Verbände fanden in zwei gemeinsamen Seminaren in Bonn und Berlin-Grünau zu sicherheitspolitischen Themen und zum Konversions- und Abrüstungsprozess sowie bei gegenseitigen Besuchen zueinander. Der DBwV vermittelte Kontakte zwischen Offizieren und Zivilbeschäftigten beider Armeen und lieferte bei Interesse das Verbandsmagazin in die DDR. Vertreter des VBS aus Mecklenburg nahmen auf Einladung des Landesvorstandes Schleswig-Holstein an einer Landesvorstandssitzung in Neumünster teil. Aus ersten Begegnungen entwickelten sich feste Partnerschaften. Schätzungen zufolge hatten sich zwischen März und September 1990 etwa 70.000 Mitglieder beider Verbände ausgetauscht und alte Feindbilder und Klischees abgebaut.
Nachdem der Einigungsvertrag das Ende der NVA besiegelte, wäre eine weitere Existenz des VBS lediglich als politisch marginalisierter Traditionsverein denkbar gewesen. Den zeitweilig erwogenen Beitritt des VBS zum DBwV verwarf der Verbandstag am 7. September 1990. Er wäre auf entschiedenen Widerstand einer erheblichen Zahl der Mitglieder beider Verbände gestoßen. Im DBwV fürchtete man den Zustrom oberflächlich „gewendeter“ Kommunisten sowie ein Legitimationsproblem in der Öffentlichkeit und gegenüber den Partnern in der Politik.
Auf der anderen Seite stieß bei nicht wenigen Mitgliedern des VBS die enge Zusammenarbeit mit dem Interessenvertreter der Soldaten der Bundeswehr auf emotionale Ablehnung, die sich in Austritten aus dem VBS manifestierte. Trotz des Willens zur Verständigung konnten über Jahrzehnte verfestigte Weltbilder nicht innerhalb weniger Monate abgebaut werden. Das Ende politischer Bevormundung und die Einheit Deutschlands verband sich für die Berufssoldaten der NVA mit Statusverlust und Existenzangst.
Die durch den Sonderverbandstag in Eggersdorf am 29. September 1990 beschlossene Auflösung des VBS zum 31. Oktober wurde mit dem Angebot des individuellen Beitritts der bisherigen Mitglieder zum DBwV verbunden. Von den rund 46.000 VBS-Mitgliedern nahmen in den folgenden Wochen rund 12.000 das Angebot an. Sie bildeten die ersten Kameradschaften des DBwV in den neuen Bundesländern.
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