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Ein Bundeswehrsoldat startet bei der Großübung „Freedom Shield 2026“ der neuen Panzerbrigade 45 eine Drohne. Foto: Picture-Alliance/dpa/Kay Nietfeld
Die technischen Umbrüche unserer Sicherheitsordnung und ihre Treiber
Unsere Sicherheitsordnung ist im Umbruch. Das hört – und sieht – man derzeit oft. In der Regel sind damit die massiven Eruptionen in den diplomatischen und politischen Sicherheiten der letzten vierzig Jahre gemeint. Ein aggressives, hochgerüstetes Russland vor den Toren Europas und der NATO, Risse im transatlantischen Verhältnis, autoritäre Züge in Washington unter kontinuierlichen Angriffen auf demokratische Werte, der Aufstieg politischer Extreme in Europa auf Kosten der Volksparteien, ein explodierender Naher und Mittlerer Osten mit schweren Verletzungen des Völkerrechts, die neue Weltmacht China, der Zerfall der Glaubwürdigkeit internationaler Gesetzgebung und ihrer Institutionen. Die letzten Jahrzehnte des tiefen Friedens sind ohne Frage vorbei.
Aber nicht nur politisch befindet sich Sicherheitsordnung im Umbruch. Jedes der oben angedeuteten Problemfelder ist Überlebenskampf und nutzt naturgemäß jedes zur Verfügung stehende Mittel für Angriff und Verteidigung. Dies führt dazu, dass jedes Feld seine ganz eigenen, neuen Technologieebenen mitbringt und individuell weiterentwickelt. Unter meist völlig anderen Innovationsparadigmen als denen des tiefen Friedens. Krieg ist ein gewaltiger Beschleuniger für Innovationen. Und ein sehr realitätsgebundener Beschleuniger. Während viele Innovationen des tiefen Friedens keine echten menschlichen Bedarfe bedient haben, sondern diese teilweise selbst anzüchten oder erfinden mussten, ist Innovation im Krieg härtesten Bedingungen ausgesetzt. Und ihr Gelingen oder Versagen kann über Frieden und Leben entscheiden.
Beispiel Drohnen
Im militärischen Bereich ist dies etwa im Feld der Drohnen gut sichtbar. Die Verteidigungsinnovation des tiefen Friedens sollte den politischen Betrieb nicht stören, unsichtbar und friedlich sein, wenig kosten und vielleicht noch rudimentär Arbeitsplätze erhalten. Die Folgen sind bis heute prägend. Kaum Abnahme von Produkten. Unendlich langsame und schwierige Prozesse, die wichtiger sind als das Produkt. Scheininnovation, um „neue“ Produkte zu höheren Preisen vertreiben zu können, ohne Geld für Entwicklungen ausgeben zu müssen. Massive Industrien, die riesige Wasserleichen aus nutzlosem mittlerem Management mit sich herumschleppen. Diese Gemengelage ergab und ergibt immer noch unrealistisch hochgezüchtete Produkte mit wahnsinnigen Preisen, um bei niedrigen Stückzahlen und langen Prozessen trotzdem noch die Wasserleichen alle zu füttern. Damit war die militärische Drohne des tiefen Friedens zwar ein Fastalleskönner, aber viel zu teuer, zu überzüchtet und zu wenig verfügbar. Der Krieg der Ukraine hat hier wieder Realität einziehen lassen. Taktische Drohnen müssen jetzt billig sein, in großer Masse verfügbar, unter den aktuellen Bedingungen des elektronischen Kampfes halbwegs funktionieren und ungefähr fünf bis sechs Kernfunktionen erfüllen. Ein echtes Innovationsparadigma.
Noch völlig unterschätzt
Neben den Drohnen ist aber auch die Informationstechnik eine unfassbare große und wichtige Spielebene geworden. Sie ist deutlich weniger sichtbar und wird weniger diskutiert. Aber sie ist da und spielt entscheidende Rollen in allen Facetten der Umbrüche unserer Sicherheitsordnung.
Zum einen ist da das Feld der in ihrer Bedeutung völlig unterschätzten Information Operations. Insbesondere bei den Russen – alten Clausewitzianern – aber auch im Oval Office ist die Bedeutung der Erzählung der richtigen falschen Geschichte zum richtig falschen Zeitpunkt gut bekannt und immer noch von herausragender innerer und äußerer Bedeutung. Propaganda und der geschickte Umgang mit der Wahrheit sind natürlich uralte Säulen der kriegerischen oder politischen Auseinandersetzung. Mit der Informationstechnik und insbesondere der damit verbundenen „Demokratisierung“ medialer Verbreitung politischer Fakten, Analysen und Meinungen durch Social Media ist allerdings ein epochaler Umbruch in Taktik und Strategie der politischen Erzählung erreicht. Zugang, Abzielen, Gestaltbarkeit, Geschwindigkeit und Skalierung von Informationen sind erst dadurch so variabel und beherrschbar geworden, dass viele der eingangs erwähnten Umbrüche ohne diese technische Ebene gar nicht erst entstanden wären. Erzählungen sind mindestens genauso mächtig wie Waffen. Und es war absehbar, entbehrt aber auch nicht einer furchtbaren Ironie, dass ihre „Befreiung“ von den Mächten des Bösen unmittelbar genutzt wurde, um die Demokratisierung in eine Darwinisierung zu wandeln: Wer am meisten und ohne Rücksicht Mittel einsetzt, dominiert nun den Diskurs.
Ein ungelöstes Problem
Zum anderen aber ist nicht nur die Information in der Informationstechnik, sondern auch die Technik selbst ein großes Problem geworden. Und eines, das bislang noch nicht gut verstanden oder kompetent bearbeitet ist. Computer sind angreifbar. Nach wie vor. Cyberverteidigung und Cybersicherheit sind zwar beides schon uralte Disziplinen. Tatsächlich kann man inzwischen fast unglaubliche 80 Jahre konstatieren, denn die ersten Diskussionen zu Missbrauch und Angreifbarkeit fanden in den späten 40er-Jahren statt, in denen sich die IT-Gemeinschaft auf das fundamentale Schaltmodell der von Neumann Architektur geeinigt hat – schon damals ein gravierender Fehler. Aber das hohe Alter ändert nichts daran, dass das Problem nach wie vor ungelöst ist. Jeder Computer mit einer Standard-Architektur und einem Standard-Betriebssystem, ob jetzt auf einem Schreibtisch, in einem Handy oder in der Raketenabwehr, ist prinzipiell angreifbar, kann ausspioniert, manipuliert, sabotiert werden. Sicherlich nicht jeder Computer für jeden Angreifer. Man muss schon wissen, was man tut, und die besondere Expertise für hochwertige Angriffe ist nicht breit verfügbar. Und die Verteidiger haben natürlich auch kontinuierlich die Schutzwälle hochgezogen. Hochwertige Cyberangriffe sind allerdings mehr Maus als Katapult, sodass ein geduldiges Nagen kompetenter Angreifer bislang immer noch zum Ziel führt.
Defensiv und offensiv
Für die Cyberverteidigung hat das die Konsequenz, dass sie sich in zwei Grundrichtungen teilt. Die eine ist die rein defensive Richtung, in der immerhin die mittelmäßigen Angreifer in Schach gehalten werden. Die andere ist die Richtung der offensiven Abschreckung. Nur diese funktioniert tatsächlich gegen die kompetenten militärischen Angreifer wie Russlands Nachrichtendienste. Nach einfacher, bekannter Logik. Russland kann uns abschalten. Wir können aber auch Russland abschalten. Also demonstrieren wir das beide einmal dem anderen, und dann lassen wir das beide. So geschehen und inzwischen praktiziert zwischen Russland und den USA, stellvertretend für den Westen.
Für den Moment scheint dies gut zu funktionieren. Allerdings führen die politischen Umbrüche auch zu Verschiebungen in den Grundannahmen dieses Abschreckungsgleichgewichts. Werden die Amerikaner den Europäern im Notfall noch zur Seite stehen? Und was machen wir, wenn Russland seine klassischen Grauzonenaktivitäten auf Cyber ausdehnt? Kleinere Abschaltungen, die von vermeintlichen Kriminellen durchgeführt werden, gehören in der Cyberverteidigung ja schon zum Alltag. Was, wenn das nun im Rahmen der allgemeinen Eskalationen ebenfalls eskaliert?
Zudem gibt es auch innentechnische Veränderungen. Die gegenwärtige Variante der KI automatisiert, vereinfacht und beschleunigt sprachbasierte Prozesse, häufig unter Mitnahme oder Amplifikation breit vertretener Fehler. Für die Cybersicherheit hat das drei ungleiche Folgen. Einmal kann natürlich die Verteidigung diese Technologie nutzen, um etwa automatisiertes Testen auszudehnen oder um das Beheben von Schwachstellen zu vereinfachen. Dann hat allerdings die Offensive im Gegenzug zwei ungleich größere Vorteile. Erstens vervielfacht sich deren verwundbare Angriffsoberfläche, da das Programmieren massiv mit KI automatisiert wird und da bereits jetzt messbar ist, dass damit die Quote katastrophaler und von Angreifern nutzbarer Fehler drastisch steigt. Zweitens kann sie ihre Prozesse selbst massiv beschleunigen und automatisieren. Erst vor wenigen Tagen wurde ein „AI Malware Hive Mind“ gefunden, eine vollautomatische KI-basierte Angriffstechnologie, die komplett von selbst Schwachstellen in Zielsystemen sucht und über Queranfragen auf sich multiplen entsicherten KI-Modellen Angriffswege vorschlagen und durchführen lässt. Diese doppelte Bevorteilung der Offensive, gemeinsam mit anderen Faktoren, hat zur Folge, dass KI die Cybersicherheit noch schneller schlechter werden lässt. Die jüngsten Warnungen der KI-Päpste richten sich vor allem an dieses Problem. Eine ernste Angelegenheit, vor allem, wenn auch militärische System damit angegriffen werden können.
Umbrüche sind verzahnt
Die Umbrüche in der Sicherheitslandschaft sind also nicht nur politischer, sondern auch technischer Natur. Und beide sind eng miteinander verzahnt. Jeder Entwickler an jedem Tag arbeitet daran mit. Und jeder kleine Durchbruch kann sich in der aktuellen technischen Landschaft rapide beschleunigen und massive Folgen nach sich ziehen. Die Verzahnung generiert eine überschaubare und unvorhersehbare Komplexität.
Das ist brandgefährlich, und das geforderte Entschleunigen wäre eine mögliche Maßnahme, ist aber natürlich vollkommen unrealistisch. Kapitalistisch und geopolitisch kompetitiver globaler Fortschritt lässt sich nicht entschleunigen.
So bleibt uns das wachsame Beobachten und das kluge Begleiten. Dies sollten wir wahrnehmen, vor allem in Europa, als bleibende Instanz demokratischer Werte, aber wir müssen es konstruktiv gestaltend wahrnehmen, nicht im Nörgeln und im Beharren auf alter Politik und auf alten Prozessen. Sonst bleibt uns nur noch, unsere Fremdbestimmung vernünftig zu verwalten und zu dokumentieren.
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