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Ukrainischer Kampfpanzer am 9. November in der Region Cherson: Kiew hat den Druck auf die südliche Provinz, die seit Beginn des Krieges russisch besetzt ist, seit dem Sommer kontinuierlich erhöht. Foto: picture alliance / AA | Metin Aktas
Ist es nach Kiew und Charkiw die nächste große russische Niederlage in der Ukraine? Russland hat angekündigt, seine Truppen aus dem westlichen Teil des Oblast Cherson abzuziehen – demnach wird auch die gleichnamige Hauptstadt der Provinz aufgegeben. Die Ukraine reagiert zurückhaltend.
Es war der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu, der die schmachvolle Nachricht am 9. November verkünden durfte: Russland zieht seine Soldaten aus der Stadt Cherson und dem nordwestlichen Teil der Provinz ab. „Das Leben und die Gesundheit der Soldaten der Russischen Föderation waren immer eine Priorität“, sagte Schoigu im russischen Staatsfernsehen.
Die Ukraine hatte bereits kurz nach Beginn des russischen Überfalls am 24. Februar die Kontrolle über Cherson verloren – acht Monate stand die Stadt unter russischer Besatzung. Im September hatte Moskau die Region nach einem Fake-Referendum annektiert, so wie die Regionen Saporischschja, Luhansk und Donezk, was international nicht anerkannt und als Bruch des Völkerrechts gewertet wird. Bestätigt sich der Abzug, würde Russland erstmals größere Gebiete verlieren, die es zuvor zum eigenen Staatsgebiet erklärt hatte.
Gezielte ukrainische Angriffe auf Nachschublinien
Die Ukraine hatte im Spätsommer den Druck an der Front im Süden erhöht. Gezielt wurden mit weitreichenden Artilleriesystemen wie den von den USA gelieferten HIMARS-Raketenwerfern Nachschubwege, Munitions- und Treibstofflager sowie Befehlsstände unter Beschuss genommen. Dabei profitierten die Ukrainer auch von der Geographie der Region: Das Oblast Cherson wird vom Fluss Dnjepr geteilt, es gibt nur wenige Passagen über den Fluss, der stellenweise durch den Staudamm bei Nova Kakhovka eine beachtliche Breite erreicht. Der Großteil des russischen Nachschubs auf die nordwestliche Seite des Flusses musste eben über jenen Staudamm und vor allem über die weiter südlich bei der Stadt Cherson gelegene Antoniwkabrücke gebracht werden. Dank der HIMARS-Präzisionsschläge konnten die ukrainischen Streitkräfte die Brücke bereits Mitte Juli so stark beschädigen, dass schweres russisches Gerät nur noch über Pontonfähren über den Fluss gebracht werden konnte.
Für die russischen Truppen wurde es immer schwieriger, ihre Verbände auf der Nordwest-Seite des Dnjepr zu versorgen – gleichzeitig verstärkte die Ukraine ihre Angriffe auf die geschwächte Front. Nun scheint es so, als sei der russische Brückenkopf nicht mehr zu halten. Doch auf ukrainischer Seite gibt es Zweifel, ob Russland Cherson wirklich kampflos aufgibt. In den sozialen Medien waren in den vergangenen Tagen zwar immer wieder Berichte zu finden, die auf einen russischen Abzug hindeuten. So kursierten Bilder von aufgegebenen Checkpoints und zerstörten Brücken im Netz. Zudem wurde von Plünderungen und Chaos berichtet, nachdem offenbar ein Sicherheits-Vakuum in der Stadt Cherson entstanden war. Doch es gibt immer wieder auch Gerüchte über russische Soldaten, die sich ihrer Uniformen entledigt haben und immer noch in Cherson aufhalten sollen – um Chaos zu stiften oder Angriffe aus dem Hinterhalt zu starten, so die Befürchtungen. Zumindest rechnen die ukrainischen Kräfte aber mit zahlreichen Sprengfallen und Minen, die von den abziehenden Russen hinterlassen werden.
Selenskyj: "Kein unnötiges Risiko"
Entsprechend vorsichtig reagiert Kiew – Präsident Wolodymyr Selenskyj mahnte zur Zurückhaltung. Die russischen Abzugsankündigung bereite zwar Freude, „aber unsere Emotionen müssen zurückgehalten werden – gerade während des Krieges“, sagte er in seiner täglichen Videoansprache. Das ukrainische Militär werde sich weiter „sehr vorsichtig, ohne Emotionen, ohne unnötiges Risiko“ bewegen, sagte Selenskyj. Und dies mit möglichst wenigen Verlusten. „So werden wir die Befreiung von Cherson, Kachowka, Donezk und unseren anderen Städten sichern.“
Selenskyj warnte die Entscheider in Moskau davor, den Befehl zum Sprengen des Kachowka-Staudamms oberhalb von Cherson oder zur Beschädigung des Atomkraftwerk Saporischschja, das ebenfalls am Kachowkaer Stausee liegt, zu geben. „Dies würde bedeuten, dass sie der gesamten Welt den Krieg erklären“.
Das Einsatzkommando Süd der ukrainischen Streitkräfte bestätigte am Donnerstag, dass zurzeit Aktionen der Armee zur Befreiung von besetzten Gebieten und Siedlungen liefen, rief aber wie schon in den Wochen zuvor dazu auf, keine Details zu den Einsätzen zu veröffentlichen.
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