Ablenkung durch Sport: Der Kriegsversehrte Stefan Deuschl nimmt als Para-Kanute an Welt- und Europameisterschaften teil. Foto: picture-alliance / dpa / Roland Weihrauch

Ablenkung durch Sport: Der Kriegsversehrte Stefan Deuschl nimmt als Para-Kanute an Welt- und Europameisterschaften teil. Foto: picture-alliance / dpa / Roland Weihrauch

04.04.2021
Von Holger Möhle, Bonner General-Anzeiger

Das zweite Leben

Afghanistan wird zum Einsatz ohne Ende. Ein Gespräch mit Stefan Deuschl, der als Soldat in Kabul beide Beine verlor

Stefan Deuschl war an jenem 14. November 2005 noch Mittagessen. Danach setzt seine Erinnerung aus. Gelöscht von der eigenen Festplatte. Er verlor damals so viel Blut, dass sein Gehirn auf „Notstrom“ schaltete und keine Energie mehr für den Erinnerungsspeicher übrig war, wie ihm die Ärzte später erklärt haben. Zwölf Tage danach wird er am 26. November 2005 im Bundeswehr- Krankenhaus Koblenz aus dem künstlichen Koma „zurückgeholt“.

In ein neues Leben. Sein zweites Leben. Das alte hat er in Afghanistan verloren. An seinem Bett sind seine Ehefrau Violetta und seine Söhne Henry und Robin. Er möchte, dass ihm jemand die Stiefel auszieht. Doch Deuschl, damals Hauptfeldwebel und 38 Jahre alt, hat keine Stiefel mehr an. Seine beiden Beine sind da schon amputiert. Deuschl kennt den Anschlag in Kabul, den sein Kamerad und Freund Tino Käßner und er knapp und zu einem hohen Preis überlebt haben, nur von Fotos – in Zeitungen und Illustrierten. Ein weißer Toyota rammt an diesem für die Soldaten schicksalhaften Nachmittag den gepanzerten „Wolf“-Geländewagen, in dem die beiden Feldjäger mit Oberstleutnant Armin Franz fahren.

Deuschl und Käßner sind Personenschützer. Unter ihrem Schutz: Oberstleutnant Franz, ein Reservist. Der „Wolf“ prallt nach dem „Unfall“, der in Wahrheit keiner ist, gegen einen Betonpfeiler. Die Soldaten steigen aus. Sie sehen, wie der weiße Toyota jetzt direkt auf sie zusteuert, wie es Käßner einmal erzählt hat. Dann explodieren zwölf Kilogramm Sprengstoff im Fußraum des Toyota. Die Explosion zerreißt den Wagen und Oberstleutnant Franz. Käßner verliert einen Unterschenkel. Deuschls Beine werden voll getroffen. Sein Leben als Soldat wie auch als leidenschaftlicher Läufer ist in diesem Moment auf einer Straße in Kabul zu Ende.

Einsatz in Afghanistan. Lebensgefährlich – bis heute. Im mittlerweile 20. Jahr unterstützt, hilft und kämpft die Bundeswehr in Afghanistan. Im Januar 2002 hatte ein deutsches Vorkommando erstmals afghanischen Boden betreten. Der Verteidigungsminister hieß damals Rudolf Scharping. Auf Scharping folgten die Minister Peter Struck, Franz Josef Jung, Karl-Theodor zu Guttenberg, Thomas de Maizière, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer. Verteidigungsminister gingen, aber die Bundeswehr ist noch immer in dem Land am Hindukusch. Fast 160.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten der Parlamentsarmee Bundeswehr hat der Bundestag seither in diesen Einsatz geschickt, der auch ein Krieg ist. 59 deutsche Soldaten sind dort gestorben, unter ihnen an jenem 14. November 2005 Oberstleutnant Franz.

Eigentlich sollten die Nato-Truppen zum 30. April dieses Jahres Afghanistan verlassen haben. So sieht es das Abkommen vor, das die alte US-Regierung bilateral mit den Taliban geschlossen hatte. Doch der Abzug kommt doch nicht so schnell. Die neue US-Regierung bittet die Verbündeten noch um Geduld. Die innerafghanischen Friedensgespräche zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban sind noch nicht abgeschlossen. Ohne diesen Frieden, der womöglich nur ein brüchiger wird, kein Abzug. Es gilt das Nato-Prinzip: Gemeinsam rein, gemeinsam raus. Die Taliban haben mit Anschlägen gegen die westlichen Besatzer gedroht. Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer sagt, man sei auf alles eingestellt, auch auf Anschläge.

Gut 15 Jahre später erzählt Deuschl über die Gefahr dieses Einsatzes: „Mir war das schon bewusst, welches Risiko ich da eingehe. Aber es war halt damals mein Beruf.“ Er habe jetzt ein „beschwerlicheres Leben“, so der ehemalige Soldat, der sein Zuhause komplett behindertengerecht umbauen musste. Ein Bekannter bürgte für den nötigen Kredit. „Die Versicherung hat erst nach einem Jahr gezahlt. So lange dürfen die warten, ob man noch stirbt. Denn dann müssen sie nur die Todesfallsumme zahlen“, erzählt Deuschl. Von der Bundesrepublik bekommt er heute eine Pension und einen Behindertenausgleich, wie er sagt. „Mit den Folgen meiner damaligen Entscheidung – damit muss ich leben. Aber das Leben geht weiter. Und es ist trotzdem ein lebenswertes Leben.“

Deuschl ist ein Kämpfer, auch, weil er durch und durch Sportler ist. Leistungssport ist Kopfsache. Marathon als Läufer – vorbei. Aber Deuschl fährt mehrmals als Handbiker etwa den Hamburg-Marathon. Er nimmt als Para-Kanute an Welt- und Europameisterschaften teil. Der Sport bleibt sein Leben – wie bei Tino Käßner. Deuschl hat gelernt, ein Leben mit Schmerzen zu leben. „Es vergeht kein Tag, an dem ich keine Schmerzen habe.“ Phantomschmerzen. Die Beine, die er nicht mehr hat. Er sagt: „Ich nehme keine Medikamente, ich rauche keinen Joint. Ich will mein Leben bewusst leben. Ich habe eine starke Familie. Ich habe eine starke Frau. Dass ich jetzt keine Beine mehr habe, das kann mir niemand abnehmen.“

Am besten lenke er sich mit Sport ab. Fast wie früher. Er engagiert sich ehrenamtlich beim Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) und im Vorstand der Oberst-Schöttler-Versehrten-Stiftung. Der Minister Jung hat ihn seinerzeit in der Reha in Murnau besucht, ihm Anerkennung und Mitgefühl ausgesprochen. Auch zu Minister de Maizière habe er Kontakt gehabt. Wenn Deuschl, heute 53 Jahre alt und Stabsfeldwebel außer Diensten, über die Zukunft des Afghanistan-Einsatzes nachdenkt, wünscht er sich, dass nicht alles umsonst gewesen ist.

Nato und Bundeswehr rausgehen jetzt? Auf keinen Fall. „Meiner Meinung ist erst dann etwas erreicht, wenn die afghanische Regierung selbst in der Lage ist, in ihrem Land für Frieden und Sicherheit zu sorgen“, sagt Deuschl. Sonst wären die Leben, die auch deutsche Soldaten in Afghanistan gelassen haben, umsonst gewesen.
 

Dieser Beitrag ist am 26. März im Bonner General-Anzeiger erschienen.

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