Wolfgang Ischinger (r.), Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), mit Prof. Dr. Tobias Bunde, Director of Research Policy der MSC, und Dr. Sophie Eisentraut, Head of Research Publications der MSC, bei der Vorstellung des Munich Security Report 2026 in Berlin. Foto: picture alliance/ABBfoto

Wolfgang Ischinger (r.), Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), mit Prof. Dr. Tobias Bunde, Director of Research Policy der MSC, und Dr. Sophie Eisentraut, Head of Research Publications der MSC, bei der Vorstellung des Munich Security Report 2026 in Berlin. Foto: picture alliance/ABBfoto

09.02.2026
JUN

Die Welt in der Phase der Zerstörungspolitik

1.000 Teilnehmer aus der ganzen Welt, 50 Staats- und Regierungschefs, knapp 20 Senatoren, Kongressabgeordnete und Gouverneure aus den Vereinigten Staaten sowie alle Außenminister der G7-Staaten: Die 62. Münchner Sicherheitskonferenz, die am kommenden Freitag, 13. Februar, in der bayerischen Landeshauptstadt beginnt, ist das wichtigste Treffen für Sicherheits- und Verteidigungspolitik in schwierigsten Zeiten. Mit dabei ist auch der Bundesvorsitzende Oberst André Wüstner.

„Das Gebäude der internationalen Ordnung wird mit der Abrissbirne bearbeitet“, sagt Botschafter Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, zur Vorstellung des Munich Security Report 2026 heute in Berlin – „Die Welt ist in eine Phase der Zerstörungspolitik eingetreten.

Vollkommene Zerstörung – statt sorgfältiger Reformen und politischer Kurskorrekturen – ist an der Tagesordnung. Die prominenteste unter denen, die versprechen, ihr Land von den Zwängen der bestehenden Ordnung zu befreien und eine stärkere, wohlhabendere Nation wiederaufzubauen, ist die derzeitige US-Regierung. Infolgedessen befindet sich die von den USA geführte internationale Ordnung nach 1945, mehr als 80 Jahre nach ihrem Beginn, nun im Niedergang. In vielen westlichen Gesellschaften gewinnen politische Kräfte, die Zerstörung Reformen vorziehen, an Einfluss“, so die Zusammenfassung des Berichts, der mit der Schlagzeile „Under destruction – unter Zerstörung“, überschrieben ist.

Bis zum 15. Februar werden die drängendsten sicherheitspolitischen Fragen erörtert. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will zum Auftakt der Sicherheitskonferenz eine Grundsatzrede zu Deutschlands Rolle in Europa und der Welt halten, mit Spannung wird der Auftritt des US-Außenministers Marco Antonio Rubio erwartet – der Donner der Rede von US-Vizepräsident JD Vance bei der MSC 2025 ist bis heute nicht verhallt. Dr. Josef Braml, Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission schreibt in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins „Die Bundeswehr“, was während der MSC zu erwarten ist und wie Europa endlich auf die sich dramatisch veränderte Welt reagieren muss. 
 

Trumps Machtspiele und Europas neue Widerstandskraft

Von Josef Braml

Das Weltwirtschaftsforum in Davos hat deutlich gemacht, dass Europa im transatlantischen Kräftefeld an Selbstvertrauen gewonnen hat. Statt sich wie früher unterwürfig den Vorgaben Washingtons zu beugen, demonstrierten die Europäer in Davos erstmals eine klare Gegenwehr – sichtbar etwa in der entschlossenen Drohung mit eigenen Strafzöllen. Diese gemeinsame Linie wirkte: Trumps zuvor starre Haltung wurde spürbar aufgebrochen.

Das Verhältnis zwischen den USA, Europa und Grönland hat sich vorläufig entspannt. Präsident Trump sagte in Davos, dass er keine Gewalt zur Eingliederung Grönlands einsetzen werde. Außerdem teilte er später auf „Truth Social“ mit, dass die geplanten Strafzölle gegen Dänemark und andere Länder vorerst ausbleiben.

Europas neue Stärke

Diese Entscheidung wird offenbar auf die Reaktionen der europäischen Staats- und Regierungschefs zurückgeführt, die ein Zeichen der Einigkeit und Entschlossenheit setzten. Sie signalisierten, im Ernstfall mit Gegenzöllen auf die US-amerikanischen Maßnahmen zu reagieren. Diese klare Haltung führte zu Verunsicherung an den Märkten, die in Kurseinbrüchen sichtbar wurde und beeinflusste letztlich auch Trumps Kursänderung. In den vergangenen Jahren hatten sich europäische Verantwortliche oft durch übermäßige Anpassung hervorgetan, sind Konflikten ausgewichen und hatten Kritik meist nur im Verborgenen geäußert. Die jüngsten Entwicklungen, insbesondere im Umgang mit der sogenannten „Grönland-Krise“, markieren jedoch einen Wendepunkt: Europa zeigte Rückgrat und stellte sich den amerikanischen Forderungen offen entgegen.

Psychologische Diplomatie statt Konfrontation

Diese neue Widerstandskraft bedeutete allerdings nicht, dass die Europäer den Bogen überspannten. Vielmehr verstanden sie, dass eine reine Konfrontation mit dem US-Präsidenten dessen Eskalationsbereitschaft hätte verstärken können. Um einen Gesichtsverlust Trumps zu vermeiden und dennoch eine für beide Seiten tragfähige Lösung zu ermöglichen, wurde ihm ein gesichtswahrender Ausweg geboten.

Dabei spielte NATO-Generalsekretär Mark Rutte eine entscheidende Rolle: Er vermittelte eine neue Fassung des Stationierungsvertrags für Grönland, die Trumps Wunsch nach einem „Golden Dome“ erfüllte und den USA größere Mitsprache bei Investitionen auf der Insel zusicherte – jedoch zu Bedingungen, die bereits zuvor von Europa angeboten worden waren.

Der entscheidende Unterschied: Dieses Mal wurde das Angebot so kommuniziert, dass Trump es als persönlichen Triumph darstellen konnte. Europas Lernprozess bestand darin, nicht nur Widerstand zu leisten, sondern auch die psychologischen Mechanismen in Washington zu durchschauen und geschickt zu bedienen. So blieb die europäische Position gewahrt, während Trump die Bühne für eine symbolische Machtdemonstration erhielt.

Die Lehre von Davos lautet daher: Europa muss selbstbewusst auftreten und sich nicht mehr unterordnen, aber dabei die psychologischen Realitäten in den transatlantischen Beziehungen einkalkulieren. Die Münchner Sicherheitskonferenz bietet nun die Gelegenheit, diese neue Balance zwischen Klarheit und diplomatischem Feingefühl weiter auszuloten und Europas sicherheitspolitische Eigenständigkeit zu stärken.

Was Europa aus Davos lernen muss

Die Ereignisse rund um Grönland und ihre Deutung in Davos führen zu zwei zentralen Lehren für Europa:

Erstens: Europa muss diplomatische Kommunikation zunehmend an die psychologische Logik eines US-Präsidenten anpassen, dessen politisches Handeln stark mit persönlicher Anerkennung verknüpft ist. Das heißt: Politische Forderungen und Angebote müssen so formuliert werden, dass sie nicht als Affront, sondern als Gelegenheit zur Selbstbestätigung erscheinen.

Zweitens: Diese Anpassung ist nur kurzfristig tragfähig. Langfristige Resilienz entsteht nicht durch taktische Rücksichtnahme, sondern durch institutionelle und militärische Eigenständigkeit Europas. Davos zeigte deutlich, wie sehr Europa Gefahr läuft, von emotionalen Schwankungen in Washington abhängig zu bleiben.

Die strategische Relevanz ´für die Münchner Sicherheitskonferenz

Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) bietet ein Forum, in dem diese Erkenntnisse unmittelbare Relevanz entfalten. Mehrere Punkte aus Davos werden dort im Zentrum stehen: Die Grönland-Episode hat die strategische Bedeutung der Arktis hervorgehoben – ein Raum, in dem die Rivalität zwischen den USA, China und Russland weiter zunimmt. Grönland, die größte Insel der Welt und ein autonomes Territorium innerhalb des Königreichs Dänemark, ist längst mehr als ein entlegener Außenposten im Nordatlantik. Durch den Klimawandel werden bislang unzugängliche Gebiete erschlossen, was das Interesse weiter steigert. Seine geostrategisch wichtige Lage an den nördlichen Seewegen, sein Potenzial für Rohstoffförderung (Erdöl, Gas, Seltene Erden) und die Möglichkeit, neue militärische Infrastrukturen zu errichten, machen die Insel für die USA, aber auch für China und Russland äußerst attraktiv. Auf der MSC dürfte diese Region eine größere Rolle spielen als je zuvor, nicht zuletzt wegen der US-Forderung nach erweiterter Militärpräsenz und neuer Abwehrsysteme wie dem „Golden Dome“, wie sie im Rahmen des Stationierungsvertrags diskutiert wurden.

Europa muss auf die geopolitischen Ambitionen der USA reagieren und eine eigene Strategie im arktischen Raum entwickeln. Die Arktis-Sicherheit sollte europäisiert werden, um einem möglichen „Fait accompli“ der USA zuvorzukommen.

Trump akzeptiert eine Welt mit Einflusszonen und zwingt Europa dazu, sich selbst zu behaupten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, eine eigenständige europäische Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit zu entwickeln und die Abhängigkeit von US-Sicherheitsgarantien zu verringern.

Kommunikation: Souveränität betonen, nicht Anti-Amerikanismus

In der öffentlichen Diskussion ist es für Europa wichtig, die Debatte nicht als Konflikt zwischen der EU und den USA darzustellen, sondern den legitimen Schutz europäischer Hoheitsrechte und völkerrechtlicher Normen in den Mittelpunkt zu stellen.

Die MSC ist traditionell der Ort, an dem Europas sicherheitspolitische Ambitionen auf die Probe gestellt werden. Die Einsichten aus Davos unterstreichen, dass Europa institutionelle Stärkung nicht weiter vertagen kann. Das gilt besonders vor dem Hintergrund einer möglichen erneuten amerikanischen Eskalation nach scheinbar stabilisierenden Momenten – denn die zugrunde liegende Dynamik bleibt volatil.

Davos hat verdeutlicht, dass kurzfristige Entspannung in den transatlantischen Beziehungen nicht mit struktureller Stabilität verwechselt werden darf. Die Münchner Sicherheitskonferenz bietet daher eine Plattform, um nüchtern zu analysieren, wie Europa sich zwischen amerikanischen Erwartungen, chinesischem Einfluss und russischer Präsenz positionieren will.

Die zentrale Lektion lautet: Europa muss zweigleisig fahren – psychologisch sensibel genug, um Eskalationen zu vermeiden, gleichzeitig strategisch robust genug, um nicht auf dünnem Eis zu manövrieren. Denn solange die politische Entscheidungsfindung in Washington stark personalisiert bleibt, ist die gegenwärtige Lage ein Balanceakt ohne verlässliches Fundament.

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