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Visionäre Ideen, langer Nachhall: Die Reformen der preußischen und deutschen Streitkräfte ab 1806

Schauspieler in historischen Uniformen stellen die preußisch-französische Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt 1806 nach. Foto: picture alliance/dpa

Schauspieler in historischen Uniformen stellen die preußisch-französische Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt 1806 nach. Foto: picture alliance/dpa

20.02.2021
Christine Hepner

Visionäre Ideen, langer Nachhall: Die Reformen der preußischen und deutschen Streitkräfte ab 1806

Der Krieg von 1806 stellte für die Preußische Armee eine Zeitenwende dar. Gegen die fortschrittlich organisierte Armee Napoleons konnten die Preußen mit ihrer aus Söldnern und zwangsrekrutierten Soldaten zusammengesetzten, strikt nach Waffengattung getrennten Armee, deren Generälen es an Entschlossenheit mangelte, nichts ausrichten. Preußen verlor nach der verheerenden Niederlage große Teile seines Territoriums. Die folgenden Reformen sollten nicht nur das preußische Militär grundlegend verändern, sondern auch Jahrhunderte später noch als Vorbild für die Modernisierung deutscher Streitkräfte herangezogen werden.

Die Preußische Heeresreform 1807 bis 1814

1807 wurde Gerhard von Scharnhorst als Chef des Kriegsdepartments und des Generalstabs mit der Neuaufstellung der Preußischen Armee beauftragt. Gemeinsam mit anderen Offizieren wie August von Gneisenau und Carl von Clausewitz setzte er eine Heeresreform durch, wie es sie so noch nicht gegeben hatte. Der Militärdienst sollte ein Ehrendienst werden, der Soldat seine Pflichten freiwillig und nach den Prinzipien des Staates leisten. Dazu wurde die militärische Rechtsprechung neu gefasst – die entehrende Prügelstrafe wurde abgeschafft und das Militärrecht galt nur noch während der Dienstzeit, nicht für beurlaubte Soldaten. 

Darüber hinaus wurde eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt. In der neuen Volksarmee galten von nun an für alle Männer die gleichen Maßstäbe. Beförderungen richteten sich nicht mehr allein nach Dienstalter und adliger Herkunft, sondern auch nach persönlicher Leistung. Und auch die höheren Offiziersränge wurden nun erstmals für Bürgerliche geöffnet. Es entstanden erste Kriegsschulen, in denen Offiziere aller Waffengattungen gemeinsam ausgebildet wurden.

Die Struktur der Armee wurde ebenfalls reformiert. In gemischten Truppenverbänden integrierte man nun die verschiedenen Waffengattungen, um die einzelnen Truppenverbände in einer Schlacht zu befähigen, sämtliche Aufgaben und Probleme eigenständig zu lösen. Als wichtigste strukturelle Veränderung wurde ein Kriegsministerium eingerichtet, das die bisher auf unterschiedliche Behörden verteilte Militärverwaltung zusammenfasste. Der Kriegsminister war direkt dem König untergeordnet. Zudem wurde ein moderner Generalstab eingesetzt, der das Zusammenwirken der Heeresteile verbessern und im Frieden als Ausbildungsstätte für führende Offiziere dienen sollte.

Um den durch den Tilsiter Frieden 1807 beschränkten Heeresumfang zu umgehen, führten die Reformer um Scharnhorst das sogenannte Krümpersystem ein. Bis zu einem Drittel der aktiven Soldaten wurde dabei beurlaubt und übte als Reservisten weiter. Die frei gewordenen Stellen füllte man durch neue Rekruten, sodass ein größeres Reservoir an dienstfähigen Männern geschaffen werden konnte. Hinzu kam die Landwehr, in der alle Wehrfähigen des Landes eingegliedert werden sollten.

Als das Volk am 17. März 1813 zum Befreiungskampf aufgerufen wurde, standen etwa 280.000 Mann aus Landwehr, Linientruppen und Freiwilligen bereit. Die deutschen Staaten konnten sich aus der französischen Fremdherrschaft befreien.

Restauration: Wiederherstellung alter Zustände von 1820 bis 1850

Nach dem Sieg Preußens über Napoleon und der Neuordnung der politischen Landkarte Europas wurde ein Großteil der Landwehr und ein Teil der Armee demobilisiert. Die alte konservative adelige Elite wollte auf ihre Privilegien nicht verzichten, sie hatte die Heeresreform unter Scharnhorst von Anfang an kritisiert. In den Jahren bis 1840 gewannen diese restaurativen Kräfte die Oberhand und viele der alten Zustände wurden wiederhergestellt.

Zwar machte die Teilnahme an Demonstrationen und Arrestbefreiungen während der Revolution 1848/49 deutlich, dass die Gedanken von Freiheit, Verfassungsstaat und Nation auch in Teilen des Militärs lebendig geblieben waren. Dennoch diente die Preußische Armee als Instrument zur Niederschlagung der nationalstaatlich-bürgerlichen Revolution und zur Aufrechterhaltung der alten Herrschaftsstrukturen.

Preußischer Heereskonflikt zwischen 1859 und 1866

Der neue Regent Wilhelm I. plante ab 1858 eine umfassende Modernisierung der Preußischen Armee, um eine bewaffnete Nation im Sinne von Scharnhorst zu schaffen. Es sollten die Rekrutenzahl erhöht, die Wehrpflicht verlängert, die Ausbildung verbessert und die Ausrüstung modernisiert werden. Doch erst 1862 konnten mit Ernennung von Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten und dessen „Lückentheorie“ die Ablehnung des Abgeordnetenhauses gebrochen und die Reformen umgesetzt werden. Die Einführung eines stehenden Heeres bildete schließlich die Grundlage für Preußens militärische Erfolge in den Einigungskriegen.

Auftragstaktik und Führen von vorne ab 1871 

Nach den Siegen in den deutschen Einigungskriegen wurde das Militär zu einem Element des entstehenden Reichspatriotismus. Mit der Reichsgründung von 1871 wurde die allgemeine Wehrpflicht in der Reichsverfassung festgeschrieben. 

Unter dem preußischen Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke als Chef des Großen Generalstabs wurden die Offiziere konsequent zu selbstständigem Handeln erzogen. Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein wurden gefördert, dafür wurde Unterführern weitgehende Handlungsfreiheit in der Durchführung des Kampfauftrags gewährt. Mit dem Exerzierreglement von 1888 wurden die „Auftragstaktik“ und das „Führen von vorne“ verbindlich für die Preußische Armee festgeschrieben. 

Mobilmachung ab 1933

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Auflösung des Deutschen Heeres im Januar 1919 wurde eine vorläufige Reichswehr gegründet, deren Umfang und Bewaffnung durch den Versailler Vertrag stark beschränkt war. Die Reichswehr sah sich im eigenen Selbstverständnis als Kaderarmee, die die Expertise des kaiserlichen Militärs als Basis für eine Wiederaufrüstung erhalten wollte.
 
1935 wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Hitler ließ die Soldaten jedoch nicht mehr auf die Verfassung, sondern direkt auf seine Person als Obersten Befehlshaber der Wehrmacht vereidigen. Absoluter Gehorsam, strikte Disziplin und Auftragstaktik waren die militärischen Grundlagen, auf denen die Wehrmacht aufbaute. Strafen bis hin zur Todesstrafe konnten für Gehorsamsverweigerung verhängt werden. Aber auch der Missbrauch der Dienstgewalt und die Misshandlung eines Untergebenen wurden unter Strafe gestellt.

Staatsbürger in Uniform ab 1955

Seit der Gründung der Bundeswehr sind die fortschrittlichen Ideen Scharnhorsts und der preußischen Reformer ein fester Bestandteil ihrer Tradition. In der „Himmeroder Denkschrift“, in der die Grundzüge der zukünftigen deutschen Streitkräfte entworfen wurden, knüpfte man mit dem neuen Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ und dem Konzept der „Inneren Führung“ an die Prinzipien der Rechtstaatlichkeit, der Freiheitsrechte, der Achtung der Menschenwürde an. Die Gründung der Bundeswehr wurde auf den 12. November 1955, den 200. Geburtstag Gerhard von Scharnhorsts, gelegt. Im Jahr 1956 wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Aber auch das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern, wurde in das Grundgesetz aufgenommen.

Von ihrer Wehrmachts-Vergangenheit verabschiedete sich die Bundeswehr aber erst spürbar mit der Reformpolitik von Verteidigungsminister Helmut Schmidt nach 1969, mit dem zweiten „Traditionserlass“ 1982 wurden diese Traditionslinien endgültig gekappt. Um dem Mangel an Bildung und beruflichen Qualifikationen bei den Vorgesetzten entgegenzuwirken, wurden im Rahmen der Bildungsreform für Unteroffiziere Lehrgänge an Truppenschulen, für Portepeeunteroffiziere Meisterkurse und für Offiziere ab 1974 ein obligatorisches Studium an einer Universität der Bundeswehr eingeführt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung reduzierte sich der Personalumfang der Bundeswehr deutlich und auch die Zahl der Standorte ging drastisch zurück. Als Ergebnis der Weizsäcker-Kommission, die die sicherheitspolitischen Ziele der Bundesrepublik untersuchte und Vorschläge zur Streitkräfte- und Personalstruktur erstellte, entstand die Streitkräftebasis als militärischer Organisationsbereich. Die Bundeswehr wurde in ihrem Umfang auf 250.000 Soldaten reduziert, der Wehrdienst auf sechs Monate verkürzt und der freiwillige Wehrdienst geschaffen.

Transformation der Bundeswehr ab 2002

Im Zentrum dieses Umbauprozesses standen die Auslandseinsätze der Bundeswehr, vor allem in Afghanistan. Um die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr zu erhöhen, trat die ursprüngliche Kernaufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung in den Hintergrund zugunsten der Unterstützung und Absicherung der sogenannten Stabilisierungseinsätze und des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus. Die Bundeswehr wurde zur „Armee im Einsatz“.

Neuausrichtung der Bundeswehr ab 2010

Aus Spargründen beschloss die Bundesregierung die Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Januar 2011. Die Bundeswehr war damit eine Freiwilligenarmee. Es folgte eine umfassende Reform der Bundeswehr, unter anderem wurden die Streitkräfte auf rund 185.000 Soldaten reduziert, Standorte geschlossen, das Verteidigungsministerium neu strukturiert, die Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche umorganisiert und die Aufgaben und Fähigkeiten der Bundeswehr in den „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ neu definiert.

Mit der Krimkrise und zunehmenden Cyber-Gefahren veränderte sich die Sicherheitslage grundlegend und die Landes- und Bündnisverteidigung trat wieder stärker in den Fokus der Bundeswehr. Um die Streitkräfte hierfür zu rüsten, wurden 2016 die sogenannten Trendwenden in den Bereichen Finanzen, Personal, Material und Infrastruktur ausgerufen. Mit den Trendwenden Personal und Material sollten beispielsweise die personellen Obergrenzen und die Beschaffung der Ausrüstung schnell und nach Bedarf angepasst werden können. Zugleich ist der Personalumfang der Bundeswehr wieder deutlich gewachsen.

Mit Material von Bundeszentrale für politische Bildung, bundeswehr.de, Wikipedia

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