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DBwV für neues Artikelgesetz Militärische Sicherheit, fordert aber Nachbesserungen
Mannschaften, eine Dienstgradgruppe vor großen Aufgaben
„So einen Aufwuchs hat es seit 1955 nicht gegeben“
„Wir müssen schnell gemeinsam und entschlossen rüsten“
Fahrplan für den Notfall
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Resolution der 22. Hauptversammlung: DBwV fordert ein Artikelgesetz Aufwuchs und die Einführung einer Wehrpflicht
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Die 22. Hauptversammlung: Das sagen die Delegierten
Überwältigende Mehrheit für Oberst André Wüstner
In der Weltpolitik spielen die großen Player heute eher "Rugby als Völkerball": Oberst André Wüstner fordert, dass sich Europa an die neuen Realitäten anpasst - und schneller und entschlossener rüstet. Grafik: DBwV
Im Interview mit der Tageszeitung „DIE WELT“ beschreibt der Bundesvorsitzende Oberst André Wüstner die Herausforderungen für die Bundeswehr, die Erwartungen an die am Freitag beginnende Münchner Sicherheitskonferenz und erklärt, warum nur eine zügig zu erreichende Abschreckungsfähigkeit Deutschlands und ganz Europas einen Angriff Russlands auf die NATO verhindern kann.
WELT: Herr Wüstner, Sie nehmen am Wochenende an der Münchener Sicherheitskonferenz teil. Was sind Ihre Erwartungen als Vorsitzender des Deutschen BundeswehrVerbandes?Oberst André Wüstner: Ein kluges Erwartungsmanagement beugt Enttäuschungen vor, daher bin ich mit Erwartungen zurückhaltend. Zuletzt hatte Kanadas Premier eine denkwürdige und wachrüttelnde Rede auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos gehalten – und ich bin gespannt, ob und wie in München daran angedockt wird.
WELT: Mark Carney hat gemahnt, dass Mittelmächte wie Kanada und Deutschland gemeinsam ihre wirtschaftliche und militärische Stärke ausbauen müssten, sonst landeten sie auf der Speisekarte der Großmächte. Was bedeutet das konkret?
Wüstner: Beispielsweise ein starkes Signal der Europäer, dass man im wahrsten Sinne des Wortes den Schuss gehört hat und Antworten auf unsere Weltordnung im Umbruch gibt. Gerade wir Europäer müssen verstehen, dass weltweit mittlerweile Rugby statt Völkerball gespielt wird und wir uns anpassen müssen. Vor allem gilt es zu begreifen, dass wir selbst für unsere eigene Sicherheit verantwortlich sind. Das bedeutet, dass wir schneller als bisher gemeinsam und entschlossen rüsten müssen.
WELT: An rhetorischen Bekenntnissen zu dieser Gemeinsamkeit fehlt es nicht…
Wüstner: Ja, in Worten sind nahezu alle geeint, aber bei den Taten fehlt es an Entschlossenheit: Einerseits traurigerweise mit Blick auf die Unterstützung der Ukraine, wo die schrecklichen Bilder Bände sprechen. Ich hoffe, dass auch diesbezüglich ein neuer und deutlicher Impuls aus München erfolgt. Und andererseits erkenne ich bei unseren Verbündeten noch nicht überall eindeutige Aufrüstungspläne inklusive ansteigender Verteidigungshaushalte zum Erreichen der Nato-Planungsziele. Ich denke dabei nicht an die Skandinavier oder die Osteuropäer, sondern vielmehr an denjenigen, die medial doch gerne das starke Wort führen: Frankreich und Großbritannien. Ich hoffe, dass es bis zum nächsten Nato-Gipfel gelingt, die Lastenteilung an konkreten Fähigkeiten samt Truppenkörpern auch unter uns Europäern glasklar zu vereinbaren und schnell umzusetzen.
WELT: Der vorab veröffentlichte MSC-Sicherheitsreport trägt den Titel „Zerstörung“ und beschreibt eine grassierende Verunsicherung der Bevölkerung in Europa angesichts der laufenden Erosion der internationalen Ordnung. Können Sie die Menschen in Deutschland beruhigen? Ist die Bundeswehr mittlerweile auf dem richtigen Weg zur Verteidigungsfähigkeit, also spürbar besser aufgestellt als vor Beginn der Ukraine-Vollinvasion im Jahr 2022?
Wüstner: Auf dem richtigen Weg sind wir definitiv, selbst wenn es noch holpert. Dazu haben grundlegende Entscheidungen wie die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse und unterschiedliche Gesetzgebungsverfahren unter Verteidigungsminister Boris Pistorius beigetragen. Trotzdem ist die Bundeswehr mit Blick auf ihre Kampfkraft noch nicht viel besser als vor 2022. Neue Waffensysteme oder Munition laufen zwar in allen Dimensionen zu, aber immer noch viel zu langsam.
WELT: Die Bundeswehr verfügte zu Zeiten der alten Nato-Planungsziele um 2022 über eine qualitative Einsatzbereitschaft von teils unter 40%. Nun liegt die Messlatte aufgrund neuer Zusagen der Bundesregierung viel höher. Ist das Schließen dieser enormen Lücke wie geplant bis Mitte 2035 zu schaffen?
Wüstner: Es muss, weil es die Bedrohungslage erfordert. Die Bundeswehr steht vor der gewaltigsten Aufgabe seit ihrer Gründung. Die Belastung für das Personal ist bereits hoch, wird aber voraussichtlich noch zunehmen. Das gilt es im Auge zu behalten. Gerade wird im Ministerium die neue Verteidigungsaufstellung parallel zum Fähigkeitsprofil erarbeitet. Nicht nur ich gehe davon aus, dass die Bundeswehr daraus abgeleitet strukturell fundamental umgestaltet werden muss, denn wir können uns im Alarmfall keine lange Umgliederung von der Friedens- in die Verteidigungsaufstellung leisten. Daher gilt es im nächsten Schritt weitestgehend so zu strukturieren, wie verteidigt werden soll – und das zieht automatisch die Anpassung der Organisations- sowie Personalstruktur nach sich.
WELT: Wenn jetzt erst Verteidigungsaufstellung und Fähigkeitsprofil erarbeitet werden, wie konnten dann die Zielgrößen von 260.000 aktiven Soldaten und 200.000 Reservisten vorab festgelegt werden?
Wüstner: Das war eine politische Festlegung aufgrund einer ersten Grobschätzung. Ich habe immer betont, dass diese Zahl zu niedrig ist – erst recht, nachdem uns die USA nun glasklar die konventionelle Hauptverantwortung für unsere europäische Sicherheitsarchitektur auferlegt haben. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob gerade Letzteres alle verstanden haben.
WELT: Beim Personal hören wir von Pistorius zahlreiche Erfolgsmeldungen: Die Bundeswehr sei 2025 mit rund 25.000 Neueinstellungen auf über 184.000 Soldatinnen stark gewachsen und so groß wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Der Bundestag beschließe Beschaffungsaufträge am Fließband, und es würden neue Kasernen gebaut. Klingt doch gut, oder?
Wüstner: Sicherlich, das sind auf den ersten Blick Erfolgsmeldungen. Allerdings misst sich die qualitative Einsatzbereitschaft der Bundeswehr nicht an Neueinstellungen oder daran, wieviel Geld ausgegeben wurde. In der Nato will man wissen, wie viele Schiffe, Staffeln, Bataillone und Brigaden bis wann neu in Dienst gestellt und einsatzbereit sind. Im Klartext: Die Bundesregierung wird an zugesagten Fähigkeiten samt Truppenstrukturen gemessen, und da sieht es leider noch mau aus.
WELT: Sind die Personalziele mit Freiwilligkeit zu schaffen?
Wüstner: Vorweg: Es ist gut, dass es endlich wieder eine Wehrerfassung und -überwachung sowie eine Musterungspflicht gibt. Der personelle Aufwuchspfad ist aktuell bewusst niedrig angelegt, da bis Mitte 2027 erst weitere infrastrukturelle und organisatorische Voraussetzungen für einen dann größeren Personalaufwuchs geschaffen werden müssen, Stichwort Musterungszentren oder Unterkünfte. Und ja, wir können jedem Menschen dankbar sein, der sich freiwillig für den Dienst in der Bundeswehr oder einer Blaulichtorganisation bewirbt. Doch trotz aller positiven Anzeichen bleibt es für mich unrealistisch, dass das für sämtliche Fähigkeiten benötigte Personal nur über die Freiwilligkeit zu gewinnen ist.
WELT: Der Inspekteur der Marine hat kürzlich unzureichendes Personal als größtes Defizit bezeichnet.
Wüstner: Zurecht. Wir haben auch dort erstklassige Soldaten, aber leider viel zu wenige. Das wird sich erst nachhaltig verbessern, wenn substanziell besser entlohnt wird, denn gerade die Seefahrt ist mit besonderen Härten sowie Entbehrungen verbunden und nicht jedermanns Sache. Insbesondere monatelange Abwesenheiten und nur bedingte Planbarkeit fordern Soldat und Familie wie in keiner anderen Teilstreitkraft. Wer das auf sich nimmt, verdient auch eine bessere Bezahlung. Der Personalmangel an sich ist bekanntlich eine Herausforderung in allen Teilstreitkräften und nicht zuletzt in der Wehrverwaltung.
WELT: Nächstes Jahr soll die Litauen-Brigade mit rund 5000 Soldaten gefechtsbreit aufgestellt sein. Wird das wie geplant auf freiwilliger Basis aus der aktiven Truppe heraus gelingen?
Wüstner: Ich gehe davon aus. Der Verteidigungsminister hatte regelmäßig betont, dass er für den Dienst in Litauen am Prinzip der Freiwilligkeit festhält und es genügend Freiwillige gibt. Das überlagernde Problem ist vielmehr, dass diese neue, neunte Brigade den in der Heimat verbliebenen Divisionen Kräfte und Mittel abzieht, die diese selbst benötigen.WELT: Das Heer soll nicht nur auf neun, sondern auf zwölf Brigaden wachsen. Wo ist der Mangel an Material und Personal besonders groß?
Wüstner: Das zeigt erstmal, wie enorm Politik die Bundeswehr über Jahre geschröpft, teilweise so entkernt hat, dass sie kaum noch zur Landes- und Bündnisverteidigung befähigt war. Daher haben wir die Dringlichkeit in allen Teilstreitkräften und insbesondere im Unterstützungsbereich, worin sich vitale Aufgaben wie beispielsweise die Logistik und der Sanitätsdienst wiederfinden.
WELT: Worauf kommt es in den kommenden Monaten also an?
Wüstner: Ich hoffe, dass es gelingt, Politik bei der ministeriellen Erarbeitung der Verteidigungsaufstellung ab einem bestimmten Punkt mitzunehmen und klarzumachen, was die Bedrohungslage, die neue Rolle der USA, aber auch die selbst gemachten Zusagen an die Nato für Konsequenzen nach sich ziehen. Was für die Bundeswehr daraus strukturell, materiell, infrastrukturell und personell abzuleiten ist. Hier nenne ich das anstehende Reservestärkungsgesetz. Organisatorisch liegt der Schlüssel zum Erfolg nach wie vor in der Deregulierung und Dezentralisierung – hier besteht dringender Handlungsbedarf. Beim Personal bleibt die Kernforderung nach einem umfassenden Artikelgesetz, welches neben der Besoldung und Versorgung der Soldaten insbesondere auch das Dienst- und Laufbahnrecht am spezifischen Bedarf der Streitkräfte ausrichtet. Damit würde die Bundeswehr erstens endlich wieder konkurrenzfähig, und zweitens erhielte sie Instrumente, um die Personalstruktur zukunftsfähig zu machen.
WELT: Zur Industrie: Liefern die Unternehmen alles, was bestellt wird, im Zeitplan und einsatzbereit?
Wüstner: Pauschalisieren will ich nicht, aber es kam und kommt immer wieder vor, dass nicht im zugesagten Zeitplan und in zugesagter Qualität geliefert wurde und wird. Das ist mehr als nur ärgerlich.
WELT: Die frühere Rüstungsmanagerin Susanne Wiegand beklagt, dass Strukturen, Prozesse und Menschen nach wie vor wie in Friedenszeiten arbeiten. Deshalb würden wir „im Moment im Verhältnis nicht so viele Rüstungsgüter aus dem System geliefert bekommen, wie wir mehr Geld in das System hineingeben“. Hat Sie Recht?
Wüstner: Ja. Ich könnte jetzt lange die Herausforderungen der Rüstungsindustrie beschreiben, aber das hilft nicht weiter. Alle müssen sehen, wie sie die hinzugewonnen PS, also Geld, nun endlich auf die Straße bringen. Die russische Bedrohung entsteht durch Masse, Druck und Anpassungsfähigkeit – und wenn Putin uns an der Nato-Ostflanke herausfordern will, können wir nicht per Antrag zur Geschäftsordnung eine Pause durchsetzen, sondern müssen bereits vorab verteidigungsbereit vor Ort sein.
WELT: Wie sicher sind Sie, dass Russland sich an die Prognose von Minister und Generalinspekteur hält und erst 2029 in der Lage ist, die Nato großmaßstäblich anzugreifen?
Wüstner: Die Jahreszahl 2029 leitet sich aus einer in der Nato erfolgten Analyse ab. Wer Putins Kriegswirtschaft und Rekrutierung verfolgt, erkennt, dass sich Russland militärisch bis 2029 rekonstituiert haben kann. Ob dies tatsächlich gelingt und ob er die Nato dann, früher, später oder idealerweise nie herausfordert, hängt von vielen Faktoren ab – im Wesentlichen von unserer Abschreckungsfähigkeit. Daran muss der Verteidigungsminister arbeiten.
WELT: Trauen Sie Pistorius das alles zu?
Wüstner: Ja. Er hat das Vertrauen der Truppe, den notwendigen Willen, die Unterstützung des Kabinetts sowie des Parlaments, einen auskömmlichen Verteidigungshaushalt und gesellschaftlichen Rückhalt. Welcher Verteidigungsminister hatte das jemals? Klar, er darf dadurch die Bodenhaftung nicht verlieren. Und er weiß, dass er liefern muss. Wirklich entscheidend sind die Zuarbeit aus seinem Ministerium und der dem Ernst der Lage entsprechende militärische Ratschlag. Wir dürfen allerdings vor dem Hintergrund der Gesamtverteidigung ein weiteres Schlüsselressort nicht vergessen, das Innenministerium. Dort muss es weiter um die strukturelle Unterfütterung der zivilen Verteidigung, die Stärkung des Bundesnachrichtendienstes und nicht zuletzt die Überarbeitung der Notstandsgesetze gehen. Die für innere und äußere Sicherheit verantwortlichen Minister haben wirklich alle Hände voll zu tun.
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