Lobt das System der Sportförderung der Bundeswehr: Diskuswerfer Robert Harting im Gespräch Foto: gr. Darrelmann

Lobt das System der Sportförderung der Bundeswehr: Diskuswerfer Robert Harting im Gespräch Foto: gr. Darrelmann

29.03.2017
ch

Robert Harting: "Am Ende der Karriere ist man Adrenalinjunkie"

Er hat olympisches Gold, vier Welt- und zwei Europameistertitel im Diskuswerfen gewonnen. Dreimal hintereinander war er Sportler des Jahres in Deutschland. Und er ist Bundeswehrsoldat. Stabsunteroffizier Robert Harting spricht im Interview mit "Die Bundeswehr" über seinen Arbeitgeber, die Gefühle im Wettkampf und den gesunden Ausstieg aus dem Spitzensport.

Herr Harting, Warum haben Sie sich damals dazu entschieden, Ihren Spitzensport bei der Bundeswehr auszuüben?

Robert Harting: Als Sportler gibt es bei der Bundeswehr die Möglichkeit, in die Spitzensportförderung zu kommen. Man kann weiter den Sport treiben, den man liebt, und hat auf der anderen Seite die Freiheit zur beruflichen Entwicklung. Man muss es ja so sehen: Wenn man in der Woche 60 Stunden Sport treibt, bleibt kaum Zeit, sich selbst zu entdecken.

Deshalb ist es gut, dass wir BFD-Maßnahmen in Anspruch nehmen und studieren können. Man weiß ja ganz genau: Die Zeit als Spitzensportler ist körperlich und zeitlich begrenzt, die biologische Leistungsfähigkeit hat irgendwann ihren Zenit und dann ist man ganz schnell nicht mehr attraktiv für den Verband. Deshalb ist es wichtig, dass es dieses integrierte System bei der Bundeswehr gibt und das war für mich ideal.

Wie sind die Trainingsmöglichkeiten für Sie hier in Berlin?

Die Möglichkeiten am Olympiastützpunkt Berlin sind natürlich so breit wie nirgends. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den physiotherapeutischen Maßnahmen, die bei uns in der Sportfördergruppe integriert und hier am Olympiastützpunkt super aufgestellt sind. Man braucht gute Trainingsbedingungen und – was Deutschland eigentlich noch nicht verstanden hat – auch gute Regenerationsmaßnahmen, und das ist hier im Ausgleich gut gegeben. Deshalb bin ich zufrieden. Es liegt dann nur noch an mir.

Was sind Ihre größten sportlichen Erfolge, was Ihre größte Enttäuschung in Ihrer bisherigen sportlichen Karriere?

Die größte Enttäuschung ist gar nicht an einem Tag festzumachen, sondern eher an der Situation. Das ist die Machtlosigkeit, wenn das, was einem den Erfolg bringt – der Körper – eben gar nicht funktioniert. Bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 habe ich mir bei einer Lappalie einen Hexenschuss geholt und dann war es vorbei. Der Kopf will, aber der Körper hat keine Chance. Und das ist das Schlimmste gewesen: diese Machtlosigkeit.

Mein größter Erfolg war natürlich der Sieg bei den Olympischen Spielen 2012. Und ich habe auch Weltmeister- und Europameistertitel geholt. Da kann man sich freuen und später mal beim Lagerfeuer davon erzählen. Aber das Coolste ist eigentlich der Strich der Goldmedaillen: Mit der militärischen waren das sechs hintereinander. Damit kann man sich auch als Marke etablieren und in die Köpfe brennen.

Aber zu jedem halbwegs authentischen guten Sportler gehören ebenso der Verlust und die Niederlage. Damit geht es mir jetzt eigentlich ganz gut. Die Superlative liegen ein bisschen hinter mir, jetzt habe ich noch zwei Jahre meiner Karriere vor mir. Dieses Jahr ist ein WM-Jahr, nächstes Jahr ein Europameisterschaftsjahr und da werde ich mich ein bisschen darauf konzentrieren, was den Sport eigentlich ausmacht, und auch ein bisschen auf mich, damit ich dann mit einem coolen Gefühl aufhören kann.

Können Sie mir beschreiben, was in Ihnen vor­geht, wenn Sie beim Wettkampf antreten?


Naja, das unangenehmste Gefühl an der ganzen Sache ist das Existenzielle: Die nächsten drei bis fünf Stunden entscheiden über dein Jahr, über die Förderung auch im nächsten Jahr und über das, was du bist. Es gibt Sportler, die macht das leistungsfähig, und ich bin einer davon. Man fühlt sich je nach Situation, wie man den Wettkampf im Griff hat oder nicht, mehr oder weniger bedroht.

Da ist dieser Überausschlag an Adrenalin und Nervosität, und man denkt auch immer daran, was der Wettkampf für Auswirkungen hat, positiv wie negativ. Am Ende der Karriere ist man dann ein Adrenalinjunkie, weil man immer exorbitante Ausschläge hatte. Je positiver die Erfüllung des Bedürfnisses ist, desto süchtiger wird man danach und desto schwerer kommt man von Enttäuschungen los.

Was hat es mit den zerrissenen Trikots auf sich?

Das ist so ein nicht kontrollierbarer Ausbruch von Adrenalin und letzten Endes auch ein kleines Ritual für mich. Wie gesagt, nur fünf Stunden sind entscheidend und man vergisst dabei gern, dass der Athlet acht bis zehn Stunden täglich, auch samstags, trainiert, um am Ende erfolgreich zu sein. Das ist eine irre Anspannung. Man verändert sich vor einem Wettkampf, ist nicht mehr so richtig ansprechbar. Je näher man diesem Moment kommt, desto einsamer wird man. Man denkt jeden Tag nur daran und kann das soziale Leben nicht mehr so genießen. Das ist super schwer und nervig und man freut sich, wenn es dann vorbei ist.

Sie prägen als Spitzensportler das Bild Deutschlands auch in der Welt. Was bedeutet das für Sie und wie gehen Sie mit der Verantwortung um?

Zunächst ist da die Frage, ob die Gesellschaft überhaupt fähig ist zu sehen, dass die Sportler das Land repräsentieren. Aber mir ist natürlich bewusst: Wenn ich ein Nationaltrikot anhabe, repräsentiere ich bestimmte Werte und muss ein hohes Maß an Disziplin an den Tag legen. Das ist wie ein Korsett und man ist nicht frei.

Aber man hat natürlich auch Einfluss, das darf man nicht vergessen. Ich habe Einfluss auf die Jugend im Bereich Sport. Die Kinder hier in der Sportschule sehen, wie gut es mir geht, welches Auto ich fahre, dass ich Interviews und Filmaufnahmen mache. Von zehn Jungs, die da vorbeigehen, finden das acht cool und motivieren sich dadurch.

Ihre Medaille bei der WM 2011 haben Sie Ihrem Kameraden Markus Matthes gewidmet, der in Afghanistan gefallen ist. Wie kam es dazu und was hat Sie mit ihm verbunden?

Wir waren Freunde, privat, nicht durch die Bundeswehr. Wir hatten unsere kleine Gruppe, in der zwei Berufssoldaten waren, und jetzt ist es einer weniger. Das ist ein im Freundeskreis nicht nachzuvollziehender Verlust. Aber wenn man so einen Sieg jemandem widmet, dann verbindet das noch mehr.

Beim Lehrgang zum Übungsleiter in Warendorf habe ich erlebt, dass Soldaten sagten: „Ich komme gerade aus Afghanistan und die, die nur Inlandsdienst machen, kapieren nicht, was ich leiste.“ Genauso verstehen viele Kameraden nicht, was wir Sportler machen. Aber wenn die Kameraden aus dem Einsatz berichten, merkt man schon, dass man als Sportler eine coole Aufgabe hat, während andere viel krassere Sachen machen. Das holt einen zurück in die Realität. Die Kameraden im Auslandseinsatz sind nicht zu beneiden, nicht nur, weil sie einen sehr intensiven Dienst tun, sondern auch, weil die Anerkennung der Bevölkerung dafür fehlt.

Was planen Sie für Ihr Leben, wenn Ihre Karriere als Spitzensportler vorbei ist?

Das weiß ich noch nicht so richtig. Auf jeden Fall kann der Spitzensport nur ein Lebensdrittel einnehmen. Jetzt bin ich 32. Man muss sich fragen: Was liegt mir eigentlich? Was kann ich eigentlich außer physischer und psychischer Performance noch? Aber der Sport nimmt so viel Zeit ein, dass man verpasst, sich auch in anderen Bereichen zu entwickeln.

Deswegen war diese Möglichkeit zum Studium eine wichtige Sache für mich in der Bundeswehr. Bisher habe ich einen Bachelor. Ich bin ein gestalterischer Typ, mein Studium hatte viele kommunikationspsychologische, -planerische und mediengestalterische Inhalte. Da werde ich wohl noch einen Master dranhängen, damit werde wahrscheinlich Ende 2018 anfangen. 

Wird die Bundeswehr dann noch eine Rolle in Ihrem Leben spielen?

Das weiß ich noch nicht genau. Ich weiß nicht, wie das läuft – ich habe noch kein Karriereende erlebt bei der Bundeswehr. Ich habe mich damit auch noch nicht ausreichend beschäftigt. Das geht auch nicht schon zwei Jahre vor dem Karriereende, sonst bin ich ja mental nicht mehr richtig da. Was für mich zählt, ist, einen gesunden Ausstieg aus dem Spitzensport zu schaffen, da das Risiko langfristiger oder lebenslanger Verletzungen irgendwann einfach zu hoch ist.

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